1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Geborgenheit im Bahnhofsviertel

Erstellt:

Von: Oliver Teutsch

Kommentare

Katharina Lorenz (links) und Laura Wuttke im Beauty-Salon von PX-Sozialwerk.
Katharina Lorenz (links) und Laura Wuttke im Beauty-Salon von PX-Sozialwerk. Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Eine Hilfseinrichtung hat für Prostituierte einen Rückzugsort fern des harten Alltags geschaffen. PX Sozialwerk will künftig mehr leisten als nur humanitäre Hilfe.

Es ist ein kleines Stück Geborgenheit im Bahnhofsviertel. An einer der schmuddeligsten Ecken im Viertel, zwischen Laufhäusern, Drogendelirien und Uringestank gibt es einen Rückzugsort für Frauen, die es besonders schwer haben. „Drop-In-Center“ nennt sich die Hilfseinrichtung von PX Sozialwerk in der Niddastraße. Hinter dem etwas bürokratischen Begriff verbirgt sich eine geräumige und liebevoll eingerichtete Wohnung, in der Prostituierte ein Stück heile Welt im Bahnhofsviertel erleben dürfen.

Mindestens dreimal die Woche können sich die Frauen hier aufwärmen, austauschen und eine Auszeit von ihrem Alltag nehmen. „Wenn das ‚Open´-Schild leuchtet, sind wir da“, sagt Laura Wuttke, eine der Festangestellten des PX Sozialwerks. Dann dauert es meist nicht mehr lange, bis es klingelt. Zwischen fünf und 20 Frauen halten sich dann regelmäßig in der großen Dreizimmerwohnung auf - mit einer großen Wohnküche mit kleinem Weihnachtsbaum, einem Wohnzimmer mit Kinderecke, einem Arbeitszimmer und einer „Beauty Lounge“ mit Schminkecke, Klamotten und Sofa. „Das ist unser Herzstück“, sagt Wuttke, weil sich die Frauen dort gerne aufhalten.

Wuttke war es, die mit der Betreuung von Prostituierten im Bahnhofsviertel vor sieben Jahren anfing. In den ersten Jahren war es noch eine rein aufsuchende Arbeit in den Bordellen. „Die Grundidee war, eine Brücke zu schlagen in die Außenwelt, denn wir sehen, dass die Frauen in einer Parallelwelt leben“, so Wuttke. Etwas überraschend war die aus der kirchlichen Arbeit entstandene Initiative in den Bordellen willkommen. „Wir dachten, es wird schwieriger“, erinnert sich Katharina Lorenz, eine weitere von vier Festangestellten bei PX Sozialwerk.

Wegen des Erfolgs wurde die Arbeit schrittweise ausgeweitet. Im Juni 2020 wurde eine kleine Anlaufstelle in der Kaiserstraße geschaffen. „Beide Seiten müssen wissen, wo man sich findet“, erläutert Wuttke den Entwicklungsschritt. Nun geht die Hilfseinrichtung, die sich komplett über Spenden finanziert, noch einen Schritt weiter weg von der rein humanitären Hilfe. Ende des Sommers wurden neue, deutlich größere Räumlichkeiten in der Niddastraße bezogen. Das große Arbeitszimmer mit Blick auf die Karlstraße wirkt noch etwas leer. Doch dort soll bald ein Bereich für Co-Working entstehen, um die Frauen fit für ein mögliches Arbeitsleben jenseits der Prostitution zu machen. „Wir wollen ihnen zeigen, wie es ist, einen Job zu haben“, erklärt Wuttke. Die meisten der insgesamt etwa 120 Frauen, die in die Räumlichkeiten in der Niddastraße kommen, sind in der Armutsprostitution gefangen. „Sie spüren permanent finanziellen Druck“, so Wuttke. In den meisten Fällen werden sie von Männern ausgenutzt. Manche werden von Männern zu PX gebracht, andere müssen sich sogar ihren Ausweis von einem Mann geben lassen, wenn dieser für gemeinsame Aktivitäten gebraucht wird. „Es geht sehr viel dunkler und gewalttätiger zu, als man glaubt“, weiß Wuttke aus ihrer siebenjährigen Erfahrung. Ihre Arbeit wurde unlängst mit der Walter-Möller-Plakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

Unter den Frauen selbst gibt es Konkurrenz, doch in dem Hort in der Niddastraße ist das vergessen. „Wir sind die Schweiz“, sagt Lorenz lächelnd. Die Stimmung sei meist sehr friedlich, denn die Frauen wissen den Rückzugsort sehr zu schätzen. Man geht höflich miteinander um, es geht auch selten etwas kaputt. „Es ist ein Stück weit Familie hier“, sagt Lorenz. Die Frauen zeigen sich dankbar für den Rückzugsort, nur nicht in der Öffentlichkeit. „Die meisten Frauen führen ein extremes Doppelleben“, begründet Wuttke die Scheu der Frauen, die aus allen möglichen Ländern, nur nicht aus Deutschland kommen. Dennoch seien die „Amtssprachen“ in der Niddastraße laut Lorenz „Deutsch und Hände-Füße“.

Unter den 25 ehrenamtlich Helfenden sind auch eine Musiktherapeutin und eine Barista. Als eines der ersten Empowerment-Projekte soll daher die Arbeit in einer Cafébar stehen. „Die Frauen können gut mit Menschen umgehen und sind offen“, so Wuttke, die ohnehin wert darauf legt, dass die Frauen keine Opfer, sondern stark seien. Die Wertschätzung sei wichtig. Und die bekommen die Frauen in der Niddastraße mehr als sonst irgendwo im Bahnhofsviertel.

Auch interessant

Kommentare