Die neue Ausstellung im 1822-Atelier in Frankfurt, Fahrgasse 9, der Künstlerin Isabelle Ratzinger stellt auch ihren Galeristen Max Pauer aus. Foto: Rolf Oeser
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Die neue Ausstellung im 1822-Atelier in Frankfurt, Fahrgasse 9, der Künstlerin Isabelle Ratzinger stellt auch ihren Galeristen Max Pauer aus. Foto: Rolf Oeser

Frankfurt

Frankfurt: Der Galerist als Exponat

  • Clemens Dörrenberg
    vonClemens Dörrenberg
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Die Künstlerin Isabell Ratzinger stellt im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse einen ganz besonderen Büromenschen aus

Wer beim Vorbeilaufen genau hinsieht, kann ihn häufiger an seinem Schreibtisch in dem Ausstellungsraum sitzen sehen. Etwas versteckt hinter einer Säule nutzt Galerist Max Pauer das 1822-Forum der Frankfurter Sparkassen-Stiftung in der Fahrgasse gleichzeitig als Büro mit großem Schreibtisch. In den nächsten Wochen werden ihn Passanten ganz nah hinter der Glasscheibe beobachten können und Besucher sogar noch mehr von ihm zu sehen bekommen. Denn die junge Künstlerin Isabell Ratzinger hat für ihre erste Einzelausstellung in die Galerie eine Zwischenwand aus Gipskarton eingezogen, Holzmöbel sowie eine Stehlampe bei Ebay-Kleinanzeigen bestellt und das Büro Pauers nach vorne verlagert. So werde der „Galerist zum Exponat“.

Und der sei anfangs wenig von dem Einfall begeistert gewesen. „Ich bin doch schüchtern, das ist eine ganz schlechte Idee“, habe er ihr gesagt, berichtet die 23-jährige Künstlerin, die im neunten Semester an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) studiert. Dabei habe sie ihn zu Beginn ihres Studiums vor knapp fünf Jahren während eines HfG-Rundgangs ganz anders kennen gelernt. Pauer sei offen und interessiert auf die jungen Semester zugegangen und habe sie animiert und eingeladen, sich für Ausstellungen im 1822-Forum zu bewerben. Dass er selbst in den Fokus einer Ausstellung rücken könnte, hat er damals wohl noch nicht geahnt.

Die Ausstellung

Das 1822-Forumin Frankfurt ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 13 bis 16 Uhr geöffnet:

Zu diesen Zeitensitzt Galerist Max Pauer an seinem Schreibtisch, arbeitet und ist bis zum 22. Februar Teil der nach ihm benannten Ausstellung „Zimmer um Max Pauer“, die die junge Künstlerin Isabell Ratzinger geschaffen hat.

Vernissage ist am 13. Januar von 19 bis 21 Uhr. cd

Nach ihrer erfolgreichen Bewerbung habe Ratzinger Pauer, der selbst als Künstler tätig ist und Glasmalerei betreibt – aber eben auch oft im Büro sitze – Stück für Stück für ihre Idee gewinnen können. Sie habe ein Faible für „Büromenschen und ihr unmittelbares Umfeld“, sagt die gebürtige Darmstädterin. Frankfurt sei dafür prädestiniert. Besonders im Ostend beobachtet sie gerne Gruppen von Angestellten auf dem Weg zur Mittagspause. Sie findet es spannend, sich vorzustellen, wie diese den meist nüchtern eingerichteten Arbeitsplatz individuell und kreativ beleben, etwa durch Familienfotos und spielerische Kommunikationsformen unter Kollegen.

Überhaupt reizt Ratzinger das Spielerische. Am Schreibtisch in ihrem Zimmer einer Offenbacher Wohngemeinschaft hat sie für die Ausstellung einen Bleistift umgestaltet, den Max Pauer „mit feinem Finger“ für die Besucher öffnen soll. Halbiert und ausgehöhlt, sind in dem Schreibgerät Salzstangen als „Haupt-Nahrungsmittel des Galeristen“ und Überbleibsel von Vernissagen zu entdecken. In den Salzstangen, die ebenfalls geteilt wurden, liegen wiederum halbierte Streichhölzer. In diese hat Ratzinger schließlich noch Stecknadeln eingearbeitet. Mit Lack hat sie dann die Einzelteile fixiert.

Die Raufaser-Tapete, mit der die Künstlerin die Wände tapeziert hat, hat auch eine tiefere Bedeutung und soll mehr darstellen als Wandschmuck. Weil die Maserung der Tapete durch eingearbeitete Holzspäne entsteht, hatte sie den Einfall, aus mehreren rechteckigen Flächen an den Wänden die Späne in mühevoller Kleinarbeit herauszupuhlen. Die Späne wiederum, so suggeriert sie dem Betrachter, scheint sie an abgesägten Möbelteilen wie Tischecke oder Stuhlbein als Masse eingesetzt zu haben. Die ausgesägten Holzstücke hat Ratzinger auf einer Kommode drapiert und bezeichnet sie als „Trophäen“, die das „urzeitliche Kunst-Schaffen“ symbolisieren sollen. „Das ist ein gutes Bild, wie man arbeitet und Lebenszeit zubringt“, sagt sie. Als Boden dient PVC-Belag in Laminat-Optik.

Büromensch Pauer erhält laut der Künstlerin hinter einer Wand auch noch eine imaginäre Nachbarin. Von dort wird durch ein von Ratzinger gebautes elektrisches Gerät das kratzende Geräusch einer Gabel auf einem Teller erzeugt. Pauer hat über das unangenehme Geräusch, das dem der Glasmalerei ähneln soll, durch einen Knopf im Tisch die Kontrolle. Daneben wird er die eine oder andere Kommodenschublade öffnen und weitere Überraschungen zum Vorschein bringen. Als Performance will die junge Künstlerin ihr Werk nicht verstehen, vielmehr als raumgestalterische Arbeit. Statt eines Ausstellungskataloges erhalten die Besucher im Büro-Stil einen Fensterbriefumschlag mit einem Selbstportrait der Künstlerin als Briefmarke und Papp-Karten vergangener Exponate.

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