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Mann überrollt Fußgänger mit SUV - dieser sitzt jetzt im Rollstuhl

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Von: Stefan Behr

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Die Justitia-Figur in Frankfurt.
Die Justitia-Figur in Frankfurt. © Renate Hoyer

In Frankfurt soll er einen Mann mit seinem SUV überfahren haben. Dieser sitzt seit dem im Rollstuhl. Der Angeklagte legt ein Teilgeständnis ab.

Frankfurt – Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Und laut ihr begibt sich der heute 22 Jahre alte Baris S. im Mai 2021 aus dem schwäbischen Dorf Bobingen nach Frankfurt am Main – in dem fast schon rührenden Ansinnen, mit seinem Range Rover im hiesigen Kiez „Eindruck zu machen“. Das Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt, auch wenn S. zur Unterstützung vier Kumpels und einen weiteren Range Rover mitgebracht hat.

Etwa gegen 1 Uhr machen die beiden SUV dann immerhin Eindruck auf Bogdan F. Der Automechaniker will die beiden Fahrer durch Rufen und Gesten darauf aufmerksam machen, dass sie gerade in eine Einbahnstraße abbiegen. Als keine Reaktion erfolgt, stellt F. sich auf die Fahrbahn und zückt sein Handy, womöglich um die Verkehrssünder zu filmen. Baris S. fährt ganz dicht an ihn heran. Dann bleibt das Fahrzeug stehen. Dann gibt er Gas. F. wird von dem 2,8 Tonnen schweren SUV überrollt.

Flucht nach Unfall in Frankfurt: Das Opfer hat einen Traum

S. flüchtet und stellt sich Stunden später der Polizei. F. erwacht Wochen später aus dem Koma. Es gibt fast nichts in seinem Körper, was heil geblieben wäre. Der 53-Jährige wird sein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen sein. Aber er hat einen Traum, sagt er am Dienstagmorgen im Zeugenstand des Landgerichts: „Irgendwann mit dem Rollator oder auf Krücken wieder gehen können, auch wenn es nur ein paar Meter sind – wieder ein bisschen selbstständig zu sein.“

An den Tag der Tragödie kann er sich nicht mehr erinnern. Ebenso wenig wie an die Wochen zuvor. Ganze Abschnitte seines früheren Lebens sind aus seinem Gedächtnis gelöscht. Manchmal weiß er mittags nicht mehr, ob er morgens seine Medikamente genommen hat. Es gibt jetzt andere Menschen, die das für ihn wissen und die sich in dem Pflegeheim, in dem F. jetzt lebt, um ihn kümmern.

SUV-Fahrer von Frankfurt: „Ich schäme mich sehr“

Vor Gericht sitzen immer wieder Menschen, die ohne Zögern den Tod eines anderen Menschen in Kauf nehmen, weil sie sich aus den dämlichsten Gründen in ihrer Ehre verletzt fühlen. Baris S. macht auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als würde er zu ihnen zählen. Optisch erinnert der junge Mann mit der dicken Brille an einen Woody Allen vom Bosporus. S. ist türkischer Staatsbürger, aber wie schon seine Eltern in Bobingen geboren, und wie viele ins Schwäbische Migrierte neigt er zu Überintegration. Als Hobbys nennt er Fußballspielen, Radfahren und Bergsteigen.

Der Range Rover, sagt der Maschinenanlagenführer, sei ein von der ganzen Familie finanziertes und Vernunftauto, das lediglich dazu diene, sicher von A. nach B. zu kommen. Am Tattag habe er seine Brille vergessen. Er sei sicher gewesen, dass F. ihm mit einem Sprung zur Seite ausweichen werde. Er habe „einen schlimmen Fehler gemacht“, sagt S. „Ich schäme mich sehr.“

Typisches Poser-Verhalten in Frankfurt: S. stand bereits unter Beobachtung

In S.s Heimatdorf gibt es die Sage vom „Bobinger Büble“. In kurz: Schlauer Bobinger Bursche landet vor Gericht und spielt auf Anraten seines Anwalts den Schwachsinnigen. Nach dem Freispruch fordert der Anwalt sein Honorar. Das clevere Büble prellt den Anwalt, indem er weiterhin den Deppen markiert.

S. versucht nun vielleicht die umgekehrte Version. Denn den guten Eindruck, den seine Vorstellung aufgebaut hatte, zerstört er durch seine Aussagen zur Tat. Die Angebertour durch den Kiez marginalisiert er zur Kaffeefahrt. Dabei ist aktenkundig, dass S. und seine Kumpels schon vor der Tat unter Beobachtung einer Polizeistreife standen, weil sie typisches Poser-Verhalten zeigten. S. hingegen gibt vor, mit der Poser-Szene nichts zu tun zu haben.

SUV-Fahrer ist kein unbekannter: Bereits vor der Situation in Frankfurt im Konflikt mit dem Gesetz

Und verschweigt der Großen Strafkammer, dass er bereits zuvor als Autofahrer mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Die Kammer weiß das natürlich trotzdem. Er habe doch bloß „ein paar Donuts gezogen“, gesteht S. kleinlaut.

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Das „Ziehen von Donuts“ aber ist ein in der Poser-Szene beliebtes und in strukturschwachen Regionen nach wie vor übliches Balzritual, bei dem die Paarungswilligen durch Driften die Straße mit Kreisen aus Gummiabrieb markieren. Der Prozess wird fortgesetzt. Ein Urteil soll Ende März fallen. (Stefan Behr)

Zuletzt standen in Frankfurt zwei Raser wegen zweifachen Totschlags vor Gericht.

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