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Im sogenannten White Room fotografiert Sandra Mann ihre Protagonistinnen so, wie diese sich selbst sehen. Foto: Sandra Mann.
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Im sogenannten White Room fotografiert Sandra Mann ihre Protagonistinnen so, wie diese sich selbst sehen.

Zuwanderung

Fünf Frauen, fünf Schicksale

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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In einem Bildband zeigt das Frauenreferat die Geschichte von geflüchteten Frauen, die nach Frankfurt kamen.

Maryam aus Afghanistan, Heba aus Syrien, Wend-Yiida aus Burkina Faso, Ayan aus Somalia und Helen aus Eritrea hatten alle unterschiedliche Gründe, aus ihren Heimatländern nach Deutschland zu fliehen. Sie flohen vor Krieg, Zwangsheirat und Terrorgruppen; jede hat ihre ganz persönliche Geschichte, jede hat grausame Dinge erlebt, viele sahen sich bereits mit dem Tod konfrontiert.

Die beeindruckenden Geschichten der fünf Frauen, die als Geflüchtete nach Frankfurt kamen und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben, werden in dem Bildband „Ich will mein Leben extrem verändern“, herausgegeben vom Frauenreferat Frankfurt, präsentiert. In Bild und Text zeigt das Projekt die jetzigen Lebenssituationen der Frauen und gibt Einblicke in die Hintergründe für Flucht und Migration. Die Fotografien und Texte stammen von der Frankfurter Künstlerin und Fotografin Sandra Mann, die die Frauen über viele Monate hinweg begleitet hat. Insgesamt stecken zwei Jahre Arbeit in dem Projekt.

Der Bildband

Der Bildband „Ich will mein Leben extrem verändern“ wurde vom Frauenreferat Frankfurt herausgegeben. Die Fotografien stammen von Sandra Mann. Zwei Jahre Arbeit stecken in dem 80-seitigen Bildband.

Er ist im Buchhandel , ISBN 978 3940 599 094 für 18 Euro, beim Nizza-Verlag per E-Mail an frankfurt@nizzaverlag.de oder online unter www.nizzaverlag.de/index.php?id=bestellenfreihaus erhältlich. hsr

Manns Fotokonzept basiert auf drei Ebenen. Zunächst hat sie die Frauen in ihrem Studio, im sogenannten White Room, fotografiert – ein komplett weißer Raum mit weißen Möbeln. „So tritt alles, was farbig ist, in den Vordergrund“, erläutert Mann. „Im White Room können sich die Frauen so präsentieren, wie sie sich selbst sehen.“ Zudem hat sie die geflüchteten Frauen in ihrem persönlichen Umfeld fotografiert. Als dritte Säule kommen Fotos aus dem „alten“ Leben der Frauen, aus ihrer Heimat und von der Flucht hinzu.

Mann sagt, sie habe großen Respekt vor Menschen, die ihre Heimat verließen. „Die Frauen hätten die Flucht nicht angetreten, wenn die Situation in ihren Ländern nicht so schwierig wäre.“ Durch ihre Arbeit mit den Frauen sei ihr Unverständnis für Menschen, die dies kritisierten, gestiegen. „Ich habe von dem Projekt mitgenommen, dass Menschen unglaublich viel erreichen und erleiden können, um Freiheit und Sicherheit zu erlangen.“ Die Geschichten der Frauen sind für sie „Mutmachgeschichten“. Mit ihrem Projekt wollen das Frauenreferat und Mann für mehr Toleranz werben, Stereotypen entgegenwirken und die Individualität von Geflüchteten zeigen.

Eine der porträtierten Frauen ist Heba. Sie ist 31 Jahre alt und schwanger, als sie 2012 gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei anderen Kindern aus Damaskus nach Ägypten flieht – neun Monate nach Ausbruch des Kriegs in Syrien. Zwei Jahre lebt die Familie in Ägypten, doch sie werden ausgegrenzt und beschließen, die Flucht nach Europa zu wagen. Weil die Grenze zu dem benachbarten Libyen, von wo aus Heba und ihre Familie mit dem Boot nach Italien fahren wollen, geschlossen ist, fliegen sie zunächst nach Algerien. Von da an bewegen sie sich anonym, sie fahren mit Bussen und auf Lastwagen durch Tunesien nach Libyen und dann schließlich mit dem Boot nach Italien. Über Frankreich gelangen sie im September 2014 nach Deutschland, wo Hebas Schwager lebt. 33 Tage dauert die Flucht von Ägypten aus.

Die fünfköpfige Familie wohnt in einer Zweieinhalbzimmerwohnung in Sachsenhausen.

Wenn Heba über diese Erlebnisse spricht, lässt sich ihr Auftreten schwer mit dem Gesagten vereinbaren. Sie erzählt, wie ihre Wohnung in der Nähe von Damaskus zerbombt worden sei, wie sie den Schleppern auf der Flucht ausgeliefert gewesen seien, wie sie tagelang ohne Essen und Wasser hätten auskommen müssen, wie in Libyen auf sie geschossen worden sei, wie das Boot, das sie nach Italien bringen sollte, fast gesunken und sie fast ertrunken seien. Bevor ein italienisches Hilfsschiff sie gerettet habe, habe sie Todesangst gehabt, sagt Heba. „Ich habe nur gehofft, dass ich als erste sterbe, damit ich nicht mitansehen muss, wie meine Kinder sterben.“ Immer wieder sagt Heba, „das war nicht einfach“, doch sie bleibt gefasst. Sie lacht oft, hat keine Hemmungen, über das Erlebte zu sprechen. Trotz der schrecklichen Dinge, die sie erlebt hat, wirkt sie positiv und lebensfroh.

Zunächst kommen Heba und ihre Familie in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen unter, nach einem Monat kommen sie in ein Hotel nach Frankfurt, nach einem halben Jahr erhalten sie Asyl. Heute lebt Heba mit ihrer Familie in einer Zweieinhalbzimmerwohnung in Sachenhausen, macht eine Ausbildung zur Erzieherin, spricht fließend Deutsch, ihre Kinder schlagen sich gut in der Schule, ihr Mann arbeitet als Lieferant. Auch wenn nicht alles perfekt ist, Bürokratisches oft herausfordernd und die Wohnung für fünf Personen eigentlich zu eng ist, Heba ist angekommen in Frankfurt.

Der Bildband.

Sorgen macht sie sich um ihre 77-jährige Mutter, die noch immer in Damaskus lebt. „Ich telefoniere jeden Tag mit ihr“, sagt Heba. Sie hofft, sie bald wiederzusehen. Doch zurückzugehen nach Syrien, das kann sich Heba nicht mehr vorstellen. Zu sehr habe sie sich durch das Leben in Deutschland verändert. Ihr Blick sei weiter geworden, das Miteinander verschiedener Religionen und Kulturen gefällt ihr. Heba trägt Kopftuch und trinkt keinen Alkohol, weil sie es so möchte. Aber sie findet es gut, dass andere das anders handhaben und keiner den anderen verurteilt. Diese Freiheit möchte Heba nicht mehr missen.

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