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„Fridays for Future“-Demo in Frankfurt – Die Sehnsucht nach Klimagerechtigkeit

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Von: Thomas Stillbauer

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Die Erde nur geliehen, den Opernplatz wieder mal besetzt: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frankfurter Kundgebung.
Die Erde nur geliehen, den Opernplatz wieder mal besetzt: Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frankfurter Kundgebung. © Monika Müller

„Fridays for Future“ und ihre Verbündeten demonstrieren, feiern und planen die Zukunft. 8000 Protestierende auf der Straße zählt die Bewegung, 2500 zählt die Polizei.

Frankfurt – Am Ende der Demo steht noch einmal alles still. Die Kreuzung Bockenheimer Landstraße und Senckenberganlage, einer der ganz großen Knotenpunkte zwischen Bockenheim und dem Westend: ein buntes Wimmelbild aus Menschen, die Kreideslogans auf den Asphalt malen und zum vermutlich 2022. Mal an diesem Tag skandieren: „What do we want?“ – „Climate justice!“ – „When do we want it?“ – „Now!“

Es geht um Gerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, und zwar sofort. Ein paar Autofahrer hupen, aber eher zaghaft. Klare Sache, dass es mit dem schnellen Weiterkommen an diesem Freitagnachmittag nichts wird. Oder soll man sagen: auch an diesem Freitagnachmittag? Kurze Zeit später wird die Frankfurter Polizei launig twittern: „Die Verkehrsbehinderungen sind nun aufgehoben. Nun herrscht wieder das gewohnte Chaos im #FfMVerkehr in #Bockenheim und der #Innenstadt.“

„Fridays for Future“: Start an der Bockenheimer Warte

Auch darum geht es ja: um den verbrennungsmotorisierten Verkehr, Teil des Problems, Teil der Klima-Ungerechtigkeit, gegen die die „Fridays for Future“ und die große Zahl ihrer Verbündeten auf die Straße gehen.

Aber von Anfang an. Freitag, 12 Uhr, Bockenheimer Warte. Hier startet, was die Frankfurter „Fridays“ aus alter Gewohnheit Sternmarsch nennen, auch wenn der Stern diesmal nur einen Strahl hat: aus Bockenheim zur Alten Oper. „Wo das Klima sich wandelt, wird der Widerstand zur Pflicht“, wandelt ein großes Transparent den berühmten Brecht-Spruch ab. „Machen ist wie wollen, nur krasser“, ruft ein anderes Plakat zum Handeln auf. Und noch eins: „Fahr langsam – stop Putin“, eine Werbung fürs Tempolimit, das Sprit und CO2 sparen helfen würde.

„Wir schwänzen nicht, wir streiken“, zitiert eine „Fridays“-Sprecherin den frühen Slogan der Schülerinnen- und Schülerbewegung. Der habe sich verändert, sagt sie: „Es heißt jetzt: Wir schwänzen nicht, wir kämpfen!“ Applaus. „Bei ‚Fridays for Future‘ zu sein, ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt die junge Frau. Sie habe unvergleichliche Freundschaften geschlossen und so viele Meilensteine miterlebt, den größten am 13. August vorigen Jahres, als eine gewaltige Demo in Frankfurt den bundesweiten Klimaprotest bündelte, ehe ein bombastischer Wolkenbruch über der Innenstadt niederging wie der Zorn eines allzu lang gereizten Klimagottes. „Wie haben wir das in den vergangenen Jahren alles hingekriegt?“, fragt die Sprecherin. Und antwortet selbst: „Weil wir niemals aufgeben.“

„Fridays for Future“: Mit Sprechchören und Musik zieht die Schar Richtung Opernplatz

Jetzt aber los. Mit Sprechchören und Musik zieht die Schar Richtung Opernplatz. Auf der Bockenheimer Landstraße steht eine Frau strahlend am Straßenrand. „Schreiben Sie Hilde, das reicht“, sagt sie. Dass sie 72 sei und nichts als Hochachtung für die Ausdauer der jungen Leute empfinde, sagt sie. Dass sie ihnen von Herzen wünsche, auch noch in einer gesunden Umwelt aufzuwachsen, sagt sie. Und dass sie deshalb heute wieder dabei sei. „Das ist meine Pflicht, finden Sie nicht?“

Am Opernplatz eine erste kurze Verkehrsblockade. Dann: warten auf den Lautsprecherwagen. Es wird getanzt, es wird gemeinsam geschrien, es ist überwältigend, was für eine Energie diese jungen Menschen ausstrahlen und – bei aller Wut – was für eine fröhliche und positive Stimmung sie immer wieder zustande bringen. Und übrigens: was für eine Maskendisziplin.

Putin und fossile Brennstoffe: in Frankfurt nicht willkommen.
Putin und fossile Brennstoffe: in Frankfurt nicht willkommen. © Monika Müller

„Es haben sich Dinge in der Politik getan“, sagt eine weitere „Fridays“-Sprecherin, als der Lautsprecherwagen angekommen ist. „Nur nicht die Dinge, die wir brauchen, um noch eine Zukunft zu haben.“ Lächerlich nennt sie es, Gas aus Katar zu importieren, um russisches Gas zu verhindern. Der russische Angriffskrieg wird von den „Fridays“ in aller Schärfe verurteilt – und auch der Plan der Bundesregierung, 100 Milliarden Euro für Rüstung auszugeben: „Geld, das nie für Kimaschutz oder Soziales zur Verfügung stand.“ Das grüne Umweltministerium nennt ein „Fridays“-Sprecher „einfach nur heuchlerisch“, es bringe „keine wichtigen Veränderungen“.

Es geht die Mainzer Landstraße entlang, dann rechts in die Friedrich-Ebert-Anlage. Nicht die größte Demonstration aller Zeiten – 8000 Leute zählen die „Fridays“, 2500 zählt die Polizei –, aber sie ist schnell, und sie ist mächtig. Am Ende das Wimmelbild an der Bockenheimer Warte und der erzwungene Stillstand. „Ich weiß gar nicht, warum wir angehalten haben“, sagt die Frau mit dem Mikro auf dem Lautsprecherwagen, aber es spreche eigentlich auch nichts dagegen. Aus den Boxen dröhnt, passend: „Ich bin schon viel zu lange hier, ich muss hier weg“ von der Band Kraftklub. Die Autos hupen. Wer hier wegmuss, genau das ist die Frage, wenn es um Klimagerechtigkeit geht.

Die Initiative „Eine Stadt für alle“ fordert anschließend: „Wir brauchen ein Ende der fossilen Industrie und kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr.“ Applaus. „Keine neuen Autobahnen und grün angestrichenen Luxuswohnungen.“ Applaus. Ökologische und soziale Fragen ließen sich nur gemeinsam lösen. Es gehe nicht um Klimaschutz oder Wohnungsbau, beides funktioniere nur zusammen.

„Fridays for Future“: „Endlich wieder raus auf die Straße – es ist nötiger denn je“

„Endlich“, sagt auf dem Opernplatz die Demonstrantin Marie. „Endlich wieder raus auf die Straße – es ist nötiger denn je. Wir haben keine Zeit mehr.“ Durchdachter Klimaschutz sei Energiepolitik mit erneuerbaren Quellen, sagt die 23-Jährige, „und das ist auch der beste Schutz gegen den Krieg, der um Ressourcen geht.“

„Ob Krieg oder Klimakrise: Menschen über Profite“ steht auf dem Transparent an der Spitze der Demonstration, als sich die Menschenmenge schließlich in Bewegung setzt. Die Kleinsten gehen ganz vorne. Und schreien aus Leibeskräften nach Gerechtigkeit. „Das ist ein Überfall“ steht auf einem anderen Transparent. Viel Feuerwehr und Polizei rast mit Tatütata entgegen und kommt nicht recht durch. Das liegt nicht an den Demonstrierenden, die sofort Platz machen, geschmeidig wie ein Makrelenschwarm im Meer. Es liegt an den Autos, die sich stauen und nicht wegkommen. Es ist schon seit Jahrzehnten keine gute Idee mehr, mit dem Wagen in die Innenstadt zu fahren, Demo hin, Demo her.

Auf dem Uni-Campus Bockenheim wird anschließend gefeiert, im Senckenberg-Museum dann abends die Zukunft besprochen, mit Leuten, denen die „Fridays“ vertrauen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese Verbindung ist gewachsen, sie ist stark. Fast könnte man sagen: zukunftsfähig. Wenn es die Politik zuließe, könnte daraus etwas wachsen, das allen hilft. Klimagerechtigkeit vielleicht. (Thomas Stillbauer)

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