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Frankfurt: Freche Nager in edlem Gewand

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Von: George Grodensky

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Uschi Heusel stellt im Struwwelpeter-Museum aus. Michael Schick
Uschi Heusel stellt im Struwwelpeter-Museum aus. Michael Schick © Michael Schick

Die Dietzenbacher Künstlerin Uschi Heusel zeigt ihr „Museum of modern Rat“ im Struwwelpeter-Museum.

Im Struwwelpeter-Museum in der neuen Frankfurter Altstadt spukt es. Nicht schlimm natürlich, sind ja oft Kinder zu Gast. Dennoch geschieht unerklärlicher Schabernack. Wahrscheinlich steckt dahinter der Geist von Goethes Tante Melber, vermutet Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg. Johanna Melber hat dort gewohnt, als es die alte Altstadt noch gab. Eine Plakette am Sims erinnert daran. Immer, wenn im Haus etwas schief läuft, kann nur der Geist von Tante Melber Verursacher sein.

Wer nun in den zweiten Stock hinaufsteigt und sich länger in das Portrait von Tante Melber vertieft, ahnt, dass an der Geschichte was dran sein könnte. Die Dame trägt ein hintersinniges Lächeln, die Augenbrauen leicht hochgezogen, als säße ihr ein Schalk im Nacken und lasse sie nächtens wandeln, voller Flausen im Kopf. Wobei: Eigentlich sehen alle Portraits, die Uschi Heusel malt, so schalkhaft aus. Heusel ist Cartoonistin und Künstlerin aus Dietzenbach. Und man muss es so deutlich sagen: Sie malt Ratten. Entsprechend trägt ihr Oeuvre den Titel „Museum of modern Rat“.

Natürlich sind Ratten intelligente Tiere. Und Heusels Nager sind besonders possierlich. Als Comicstrip erscheint ihr Ludwig seit 1998 regelmäßig in der Offenbach Post. In der Schau im Frankfurter Museum sind nun auch neue Gemälde zu sehen, angelehnt an berühmte Vorbilder (ohne Ratten), Manuskripte, Zeichnungen und Kuriositäten aus Heusels Sammlung.

„Es ist so schön, dass wir wieder ausstellen können, sagt Zekorn-von Bebenburg. „Auf etwas hinzuarbeiten, das hat mir gefehlt“, sagt die Künstlerin. Geplant war die Schau bereits 2020. Die Verzögerung ist ausnahmsweise nicht Tante Melbers Schuld, diesmal kam die Pandemie dazwischen. Heusel sieht darin das Positive: Ihre Ratte feiert in der aktuellen Schau als Figur ihren 25. Jahrestag.

Angefangen hat es mit einem ungewöhnlichen Auftrag. Autodidaktin Heusel hatte sich gerade mit der Airbrush-Technik vertraut gemacht, da fragte sie ein Motorradfahrer, ob sie ihm nicht eine Ratte auf die Harley sprühen könne. „Ein Rocker“, erinnert sie sich. Der Entwurf, in der Vitrine im Museum zu bewundern, gefällt nicht nur dem Kunden, auch Heusel geht er nicht mehr aus dem Kopf. Immer mehr beschäftigt sie sich mit den frechen Tieren. Sie werden ihr Markenzeichen.

Beim Besuch der Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben kommt ihr ein Geistesblitz. Dort hängen schwere Ölschinken mit gravitätischen Portraits. „Malen kannst Du doch auch“, denkt sie sich. Seither malt sie Rattenportraits im Stile alter Meister. Etwa die Ratte mit dem Perlenohrring nach Vermeer. Als ob das nicht heiter genug wäre, versieht sie die Bilder noch mit Textminiaturen, die manch Volte schlagen.

„Witz, der um die Ecke gedacht ist, das zeichnet Heusel aus“, sagt Zekorn-von Bebenburg. Natürlich hat Heusel auch einen eigenen Struwwelpeter gezeichnet, den Struwwelludwig. Der hat, wie das berühmte Vorbild, lange Nägel, aber nicht an den Fingern, sondern in der Hand. Nägel aus dem Baumarkt.

Mit ihrem fröhlichen und an sich harmlosen Spott eckt Heusel durchaus mal an. Den großen Reformator Martin Luther als Rattengestalt zu sehen, hat nicht allen Christen in Dietzenbach gefallen. Überregionale Aufmerksamkeit hat ihr der Streit um den Steinberg-Kreisel eingebracht.

Steinberg ist ein Stadtteil von Dietzenbach. Bei der Neugestaltung des Kreisverkehrs bringt Heusel einen Entwurf für eine Verzierung ein. Selbst finanzieren werde sie das Kunstwerk über Sponsoren, verspricht sie den Stadtoberen. Nicht nur deswegen sind alle Gremien angetan. In der Öffentlichkeit bildet sich aber Gegenwehr, sogar eine Bürgerinitiative will das Werk verhindern. Vergebens. Seit 2016 ziert die Mitte des Kreisels von Steinberg ein Haufen Felsbrocken, auf dem eine 1,68 Meter große Ratte hockt, die vergnügt in die Ferne schaut.

Museum of Modern Rat. Komische Kunst von Uschi Heusel. Noch bis 6. November im Struwwelpeter-Museum Frankfurt, Hinter dem Lämmchen 2-4. www.struwwelpeter-museum.de

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