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Zumindest die meisten Gläubigen sind in der Abu Bakr-Moschee ins Gebet vertieft.

Medientour durch Moscheen

Versteckt, verdächtig, offen, prächtig

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Was ist ein „deutscher Islam“? Gibt es Einflüsse aus dem Ausland? Eine Tour für Medienvertreter sollte Antworten liefern und wurde selbst zu einem kleinen Politikum.

Der Weg zum Islam führt in der Hohenstaufenstraße in einen Hinterhof. Ein großer grauer Parkplatz, ein weiß-braunes Lagerhaus mit Klinkersteinfassade. Links auf der Rückseite des grauen Vorderhauses führt eine Metalltreppe in das Obergeschoss. Nur ein simpler Schuhschrank vor dem Eingang deutet darauf hin, dass sich hinter der Tür ein islamisches Gotteshaus verbirgt. Im Innern der IIS-Moschee in Frankfurt zeigt ein kleiner Flachbildschirm die Gebetszeiten an. „Beim Freitagsgebet haben wir hier Menschen aus mehr als 40 Nationen“, berichtet Mohammed Johari, Sprecher des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen (IIS). Man sei von Anfang an „multikulturell“, aber eben auch „seit jeher deutsch“, so Johari. 

Es ist eine klare Ansage, die der studierte Sozialpädagoge an diesem Dienstag trifft. Aus seiner Sicht ist damit wohl die Leitfrage, die über dieser vom Mediendienst Integration organisierten Tour steht, bereits beantwortet: Was ist ein deutscher Islam? Eine Frage, die schon voraussetzt, dass es einen deutschen Islam gibt, während wieder darüber gestritten wird, ob „der Islam“ überhaupt zu Deutschland gehört. 

Mohammed Seddadi und der Journalist Daniel Bax (rechts) in der Abu Bakr-Moschee.

Johari hat am rechten Rand des Panels Platz genommen. Ein jugendlich wirkender Mann, trotz des kahlrasierten Schädels. Ein Bartkranz umrahmt das Gesicht, die Oberlippe ist rasiert - nach dem Vorbild des Propheten Mohammed. Ihm zur Seite sitzt Naime Cakir, Religionswissenschaftlerin aus Gießen: moderne Kleidung zusammengebundenes lockiges Haar. Neben ihr Johannes Heesemann als Vertreter des Frankfurter Rats der Religionen und am linken Rand Said Barkan, Rechtsanwalt und Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Hessen. Es ist Ramadan: Gläubige Muslime verzichten tagsüber auf Nahrung und Getränke. Vor Heesemann und Cakir stehen Wassergläser auf dem Tisch. Vor Johari und Barkan nicht. 

„Es stellt sich die Frage, welche Kriterien wir nehmen, um einen deutschen Islam zu definieren“, sagt Naime Cakir. Für Johari zeigt sich die Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft schon im sozialen Engagement seiner Gemeinde. „Moscheen sind Institutionen der sozialen Arbeit in Deutschland.“ Barkan betont, dass sich der Zentralrat als „deutsche Religionsgemeinschaft“ verstehe. „Was uns eint, ist, dass wir deutsche Muslime sind“. Einfluss aus dem Ausland lehne man ab. 

Aber genau das bezweifeln manche. Wohl deshalb stockt derzeit der Dialog mit der hessischen Landesregierung, mutmaßt Barkan. „Aus Angst vor negativer Presse und denjenigen, die bloggen und hetzen.“ Barkans Anspielung ist für Eingeweihte deutlich zu verstehen. Zu denen, „die bloggen und hetzen“, gehört aus seiner Sicht die Offenbacherin Sigrid Hermann-Marschall. 

Die SPD-Frau beobachtet seit Jahren islamistische Gruppierungen deutschlandweit, bloggt darüber, gilt den einen als Expertin, anderen als rotes Tuch. Die Tour des Mediendienstes hatte sie im Vorfeld als „Werbetour für Muslimbrüder“ bezeichnet. Ihre Kritik zielte vor allem auf zwei Teilnehmer: Johari und Barkan. 

Beiden wirft sie Zusammenarbeit mit Organisationen, die der radikal-islamischen Muslimbruderschaft nahestehen sollen, vor. „Wir sprechen hier von langjähriger Betätigung in den immer selben Zusammenhängen“, sagt Hermann-Marschall. Unterstützt werden ihre Thesen teilweise durch das Landesamt für Verfassungsschutz, das etwa den IIS „Bezüge“ zum „Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland“ bescheinigt, der seinerseits „ideologisch und organisatorisch der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) nahesteht“ - die als deutscher Ableger der Muslimbruderschaft betrachtet wird. 

Johari spricht in diesem Zusammenhang von einer „mehrschrittigen Kontaktschuldhypothese“ des Verfassungsschutzes, die er ablehne. Unbeachtet bliebe, dass der IIS Kontakte zu mehr als 200 Organisationen und Institutionen pflege. „Wir haben uns um Vermittlung bemüht“, erklärt Diether Heesemann. „Aber der Verfassungsschutz hat uns nicht ansatzweise Einblick gewährt, wie er zu dieser Bewertung kam.“ 

Abu Bakr-Moschee | Frankfurt | 07.05.2019

Die Abu Bakr-Moschee in Hausen ist optisch das Gegenteil des versteckten IIS-Gemeindezentrums. Das Minarett mit der grünen Spitze weit sichtbar, die Tür zur Praunheimer Landstraße weit offen. Im Innern einer der schönsten Gebetsräume der Stadt: „Die Leuchte ist aus Marokkko, der Teppich aus der Türkei, die Fliesen sind aus Spanien. Die Architekten aber natürlich deutsch“. Mohammed Seddadi, Geschäftsführer des Moscheevereins, ist stolz auf das Gotteshaus, das oft als „die schönste Moschee“ Frankfurts bezeichnet wird. 13.23 Uhr beginnt das Mittagsgebet. Etwa 40 Männer nehmen daran teil. Vor der Moschee verabschiedet sich eine Schulklasse. „Drei Mal die Woche haben wir Führungen“, sagt Seddadi: „Wir sind immer offen.“ 

Seddadi ist ein jovialer Typ mit dem Körperbau eines Bären. Lachend erzählt er vom Besuch hessischer Polizisten, vom „gemäßigten Imam“ der Gemeinde, der aus Ägypten stammt. Natürlich, sagt er, wären ihm Imame, die in Deutschland ausgebildet wurden, lieber. „Aber die haben Gehaltsvorstellungen, das können wir uns nicht leisten.“ Der Verein finanziert sich durch die Vermietung von Wohnungen, Einnahmen aus Ladengeschäften und Spenden.

Die marokkanisch geprägte Abu Bakr Moschee galt lange als eine Art Vorzeigeinstitution, die gerne auch von Frankfurter Stadtoberen besucht wurde. Wegen ihrer Anbindung an den Stadtteil, der Offenheit der Verantwortlichen, die den Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften suchten. Einen Schatten darauf warfen allerdings Berichte über Auftritte des radikalen marokkanischen Predigers Tarik Ibn Ali, gegen den in Spanien wegen des Verdacht der Terrorunterstützung ermittelt wird. Es ist eines der wenigen Themen, bei denen Seddadi nicht Lachen kann.

„Bitte nennen sie ihn nicht einen Prediger“, sagt Seddadi. Die Bezeichnung sei für jemanden wie Tarik Ibn Ali zu viel der Ehre. Man habe ihm eine Bühne geboten, wie vielen anderen auch - im guten Glauben. Inzwischen müssen Redner unterschreiben, dass sie das Grundgesetz respektieren. Und alle Vorträge in der Moschee würden aufgezeichnet. Mit dem Verfassungsschutz arbeite man zusammen. 

Während Seddadi den Pressevertretern erklärt, wie schwierig es sei, hauptsächlich mit Ehrenamtlichen die Arbeit der Moscheegemeinde zu organisieren, wird vor dem Gotteshaus das Iftar vorbereitet - das Fastenbrechen am Abend. Nachbarn gehen vorbei und grüßen die Männer im Hof. „Der Islam ist in Deutschland angekommen“, ist sich Naime Cakir sicher. Auch wenn es noch einiges zu diskutieren gibt.

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