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Bezeichnet sich selbst als „Barfußhistoriker“: Dieter Wesp.

NZ-Zeit

Frankfurter findet Liste mit arisierten Gebäuden

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Der Erziehungswissenschaftler Dieter Wesp findet ein Zeitdokument und kurbelt damit die Forschung zur Enteignung von Juden wieder an.

Jahrelang lief Dieter Wesp an der Villa Kennedy vorbei. Irgendwann packte den Frankfurter Stadtführer die Neugier, und er wollte die Geschichte des altehrwürdigen Hauses in seiner Nachbarschaft erforschen. Bei seinen Recherchen stieß er 2016 im Institut für Stadtgeschichte auf ein Dokument, das sein Herz höher schlagen ließ. „Haus- und Grunderwerb der Stadtgemeinde Frankfurt am Main von Juden seit 1933“ lautet die Überschrift des Schriftstücks vom 25. Juni 1945, das sich in einer Magistratsakte findet.

Darin aufgelistet sind auf 13 Seiten 170 Grundstücke und Immobilien, die sich die Stadt in der Zeit des Nationalsozialismus unter den Nagel riss. Darunter sind eben jene Villa Kennedy, damals noch Villa Speyer, das Große Anwesen der von Weinbergs in Sachsenhausen, das ehemalige Literaturhaus in der Bockenheimer Landstraße, aber auch viele kleinere Häuser von einfachen Kaufleuten. Erstellt hat die Liste der damalige Baudezernent Adolf Miersch im Auftrag des neuen, von den Amerikanern ernannten Frankfurter Bürgermeisters Wilhelm Hollbach.

Frankfurt: Wesp ist nicht der erste, der auf die Liste stieß

Wesp ist von seinem Fund begeistert und fragt beim Fritz-Bauer-Institut an. Kennt ihr die Liste? Nein, heißt es dort. Wesp ruft beim Institut für Stadtgeschichte an. Kennt ihr die Liste? Nein, heißt es dort. Erziehungswissenschaftler Wesp ist verblüfft. „Dass ich als Barfußhistoriker auf diese Liste stoße, hätte ich nicht gedacht.“

Beim Institut für Stadtgeschichte ist Thomas Bauer für die Zeit des Nationalsozialismus zuständig. Er gibt unumwunden zu, dass er erst durch Wesp auf die ominöse „Miersch-Liste“ aufmerksam wurde. „Wir haben hier viele Dokumente, aber wir sind dafür zuständig, die Sachen zu bewahren und zur Verfügung zu stellen. Forschung ist nicht unser Brot“, sagt Bauer, der aber gleichwohl konstatiert: „Die Liste ist eines der Schlüsseldokumente der NS-Geschichte.“

Wesp ist allerdings nicht der Erste, der auf die Liste stieß. Zwei Wissenschaftlerinnen hatten das brisante Dokument in Aufsätzen aufgegriffen, Monica Kinggreen 2001 in „Raubzüge der Stadtverwaltung“ und Doris Eizenhöfer 2005 in „Die Stadtverwaltung Frankfurt am Main und die Arisierung von Grundbesitz“. Geschichtswissenschaftlerin Eizenhöfer, die dazu in Frankfurt auch ihre Magisterarbeit schrieb, arbeitet mittlerweile als Archivarin in einem Unternehmen, schreibt aber nebenher ihre Doktorarbeit über diese Thematik. Auch sie sagt: „Die Liste ist eine sehr gute Quelle und eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.“

Wesps Recherchen münden schließlich in seinem Buch „Villa Kennedy: Wohnhaus - Forschungslabor - Luxushotel“, das 2017 erschien (ISBN-13: 9783745041125). Darin fügt er die Liste an. Das Institut für Stadtgeschichte hat sie nach sorgfältiger Sichtung seit Mittwoch in der Rubrik „Archivschatz“ auf seiner Internetseite zur Verfügung gestellt. Das Historische Museum in Frankfurt wird die Liste, die Erziehungswissenschaftler Wesp ans Licht der Öffentlichkeit brachte, vom 7. März an in der Ausstellung „Vergessen“ präsentieren.

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