Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Krabbelnde Zeugen: Jens Amendt, forensischer Entomologe am Institut für Rechtsmedizin Frankfurt, kann mit Insekten die Liegezeit einer Leiche bestimmen und hilft Ermittlern, Morde aufzuklären.
+
Krabbelnde Zeugen: Jens Amendt, forensischer Entomologe in Frankfurt, kann mit Insekten die Liegezeit einer Leiche bestimmen. Hier zeigt er in Gläsern eingelegte Maden von Schmeißfliegen. (Archivbild)

So helfen Larven der Kripo

Frankfurter Insektenforscher löst mit Maden Mordfälle: Herr der Fliegen

  • Julian Dorn
    VonJulian Dorn
    schließen

Jens Amendt aus Frankfurt ist forensischer Entomologe. Er unterstützt die Kripo – mit seinem Wissen über Insekten. Wie können Maden Mörder entlarven?

Frankfurt – Ob er sich nach 20 Jahren in seinem Beruf manchmal noch ekle? Bei dieser Frage muss Jens Amendt am Telefon lachen. „Selbstverständlich. Seltsame Vorstellung, dass es anders sein könnte“ , antwortet er. „Haben Sie schonmal eine in Fäulnis begriffene Leiche gesehen oder gerochen? Das kann man nicht so einfach ausblenden.“ Die Faszination für seinen ungewöhnlichen Job aber überwiegt.

Amendt, der am Institut für Rechtsmedizin in Frankfurt arbeitet, hat Geschmack gefunden an einem eher unappetitlichen Metier: Er ist forensischer Entomologe,* einer von nur vier in Deutschland. Der Experte „befragt“ die krabbelnden Zeugen auf Leichen, um Todesfälle aufzuklären: Insekten, die tote Körper als Brutstätte und Nahrungsquelle besiedeln und zersetzen.

Die kleinen Tiere können zu großen Helfern für Kriminalisten werden. Das Alter und die Arten der Insekten sowie ihre Entwicklungsstadien verraten Amendt viele Geheimnisse: zum Beispiel die Liegezeit einer Leiche. 

Frankfurter Kriminalbiologe Amendt kommt zum Einsatz, wenn Rechtsmediziner ratlos sind

Die Arbeit des Kriminalbiologen, der zuvor Insektenkundler beim Senckenberg-Institut war, beginnt da, wo das Latein der Rechtsmediziner endet. Denn nicht immer führen die klassischen Methoden zum Ziel. Um den Todeszeitpunkt zu ermitteln, drücken Gerichtsmediziner normalerweise auf Totenflecke, ertasten die Leichenstarre und messen die Körperkerntemperatur.

Kleine Tiere mit großem kriminalistischen Potential: Jens Amendt, forensischer Entomologe in der Rechtsmedizin der Universität Frankfurt, kann in Maden sogar Drogen nachweisen. (Archivbild)

„In den ersten Stunden ist das auch sehr präzise“, sagt Professor Amendt. „Doch spätestens nach zwei bis drei Tagen bringt das nichts mehr.“ Bei stark verwesten oder skelettierten Leichen funktionieren diese Methoden ohnehin nicht. Und nun? Dann kommen die Maden ins Spiel – und spätestens jetzt klingelt in Amendts Büro im Institut für Rechtsmedizin an der Kennedyallee das Telefon. Der Forensiker versteht die Sprache der Insekten und kann ihre Botschaften auf toten Körpern lesen.

Forensischer Entomologe: Insekten besiedeln eine Leiche in bestimmter Abfolge

Noch vor Rechtsmedizin und Spurensicherung sind die Kerbtiere bei einem Toten. Sie siedeln sich in einer bestimmten Abfolge in dem „Ökosystem Leiche“ an, wie der Forscher sagt: „Zuerst kommen die Schmeißfliegen“, zählt er auf. Angelockt vom Duft des Todes, den sie lange vor der menschlichen Nase registrieren.

Innerhalb weniger Minuten legen sie ihre winzigen Eier ab – in Nasenlöcher und Mund, in Stichwunden oder Schusskanälen. Nach kurzer Zeit schlüpfen aus den hunderten abgelegten Eiern winzige, weiße Maden. Dann beginnt das große Fressen – durch Haut und Organe.

Forensische Entomologie in Frankfurt: Detektivarbeit mit vielen Variablen

Den Schmeißfliegen folgen in festgelegten Zyklen Käse- und Latrinenfliegen. Die letzten Gäste auf einer Leiche sind dann Käfer und Milben, „die das vertilgen, was noch vom Körper übriggeblieben ist“, erklärt der Biologe: Mit ihren Mundwerkzeugen können sie, anders als Fliegenmaden, Haut- und Knorpelreste verzehren.

Zweimal häuten sich die Maden, bevor sie bereit für die Metamorphose sind: Dann verpuppen sie und wandeln sich, eingehüllt in ihre Chitinhülle, über Tage zu Fliegen. Das kann unterschiedlich schnell passieren. Die Zeitspanne, die eine Larve in Abhängigkeit von Umweltfaktoren bis zu einer bestimmten Entwicklungsphase benötigt, liest der Entomologe in artspezifischen Diagrammen ab. So stellt er fest, wie lange eine Leiche schon am Fundort liegt.

Forensiker aus Frankfurt bestimmt die Liegezeit einer Leiche mit Hilfe von Maden

Dabei muss Amendt aber immer auch äußere Einflüsse beachten, die sich auf die Entwicklung der Insekten auswirken können. Wie ist das Wetter am Fundort? Wurde der Körper im Freien oder in einem Auto gefunden? Liegt die Leiche im Gras oder hängt sie an einem Baum?

Entscheidend sei aber vor allem die Umgebungstemperatur, betont der Experte. „Insekten* sind wechselwarm, ihre Wachstumsrate ist also stark temperaturabhängig.“ Bei Hitze wachsen sie schneller, bei Kälte langsamer. „Wie schnell sich ein Insekt in Abhängigkeit von der Temperatur entwickelt, ist artspezifisch.“

Forensische Entomologie ist ein schwierige Sisyphusarbeit

Deswegen ist es wichtig, zweifelsfrei festzustellen, welches Insekt unter dem Mikroskop liegt. Eine komplexe Sisyphusarbeit. Für das bloße Auge sehen Maden schließlich alle gleich aus, sind oftmals Millimeter klein und hauchdünn. Zudem gibt es rund 1000 bekannte Schmeißfliegenarten, von denen etwa 45 in Deutschland leben. 

Doch Amendt hat einen Trick: Im Labor füttert er die Maden mit rohem Hackfleisch, lässt sie weiter wachsen, bis sie zur Fliege geworden sind. „Die lässt sich dann leichter zuordnen als eine Made.“ Notfalls helfen auch Molekularbiologen. Sie haben DNA-Tests entwickelt, mit denen die Larven der forensisch wichtigsten Arten unterschieden werden können.

Auch der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke beschäftigt sich mit der Insektenfauna auf Leichen, um Rückschlüsse auf die Todesumstände zu ziehen. (Archivbild)

Frankfurter Kriminalbiologe Jens Amendt: Insektenkunde kann nur Anhaltspunkte liefern

Viel Zeit verbringt Amendt in seinem Labor über dem Mikroskop und sammelt Daten: Der Biologe hat Fliegenlarven beim Wachsen begutachtet, er hat Maden vermessen, um ihr Alter zu bestimmen und dokumentiert, wie schwankende Temperaturen das Wachstum beeinflussen. Der Forensiker hat in Feldversuchen beobachtet, was sich auf Tierkadavern so alles tummelt. Und er untersucht viele „Madenleichen“, wie er seine Studienobjekte selbst nennt, die in der Rechtsmedizin landen.

Wunder dürfen Fahnder nicht erwarten, wenn Amendt mit seiner Analyse fertig ist. „Wir können das Alter der Insekten und damit die minimale Liegezeit der Leiche drei bis vier Wochen lang noch auf den Tag genau eingrenzen.“ Allein: Ob Liege- und Todeszeit deckungsgleich sind, das weiß er nicht. Amendt kann anhand der Insektenfauna auf dem Körper zwar zum Beispiel sagen, dass der Mensch mindestens seit zehn Tagen tot ist, weil sich auf der Leiche Maden labten, die so alt sind. Aber ob er auch vor zehn Tagen starb?

Insektenforscher Jens Amendt aus Frankfurt: Auch Drogen lassen sich in Insekten nachweisen

Schließlich könne es sein, gibt der Experte zu Bedenken, dass das Opfer schon vor zwölf Tagen ermordet, die ersten zwei Tage nach dem Tod aber in einem luftdicht verschlossenen Plastiksack aufbewahrt wurde. So konnten sich also anfangs noch gar keine Insekten ansiedeln. Erst als der Täter die Leiche in einem Wald abgelegt und Tiere den Sack beschädigt hatten, entdeckten Kerbtiere den Körper.

Kriminalist und Insektenkundler: Jens Amendt mit seinem wichtigsten Werkzeug, dem Mikroskop

„Wir bestimmen also nur die minimale Leichenliegezeit: einen Zeitraum, der in der Regel nicht unterschritten wird, aber einen länger zurückliegenden Todeszeitpunkt nicht ausschließt.“ Doch ein Zeitfenster sei besser als keines, so der Forensiker. Und ohne die Entomologen hätten die Ermittler oftmals gar keinen Hinweis darauf, wann der Mensch starb, meint Amendt.

Hin und wieder bewahrt er Kriminalisten auch vor Trugschlüssen. Der Insektenforscher hat ein Beispiel: Spaziergänger finden bei Frankfurt eine leicht verweste Leiche in einem Gebüsch. Die Ermittler glauben, dass das Mordopfer dort erst seit wenigen Tagen liege. Ein Irrtum, wie der Biologe nachweist: Schweißfliegenmaden hatten sich nämlich auf ihr bereits zweimal gehäutet. Es müssen also über drei Wochen gewesen sein, schlussfolgert er. Denn das Häuten dauert so lange.

Frankfurts forensischer Insektenkundler: Kriminalistisches Potential der Entomologie nicht ausgeschöpft

Selbst Gifte und Drogen lassen sich mit Kerbtieren nachweisen. „Beim Fressen von Gewebe nehmen die Insekten auch deren Inhaltsstoffe in sich auf.“ Das sei vor allem bei skelettierten Leichen hilfreich. In solchen Fällen hat ein Toxikologe kein Gewebe mehr, das er auf Drogen oder Medikamente untersuchen könnte. Dann helfen Maden und verlassene Fliegenpuparien, „denn sie speichern die Gifte“, erklärt der Kriminalbiologe.

Fachleute fanden bereits Rückstände von Beruhigungsmitteln im Kot und den Häuten von Speckkäfern, die Ermittler neben einer skelettierten Leiche entdeckten. Selbst einen Mord ohne Leiche klärte die Polizei so schon auf. Entomologen stießen im Kofferraum des Verdächtigen auf eine Made, in deren Magen sich die DNA des Opfers nachweisen ließ.

Kriminalbiologe Amendt aus Frankfurt: Ermittler haben oft noch Berührungsängste

Eine Disziplin mit viel Potenzial, glaubt Amendt. Wird das denn auch von Polizei und Justiz ausgeschöpft? Zu selten werde der forensische Entomologe an Tatorte gerufen, meint er. Aus zwei Gründen: Zunächst seien die meisten Toten, die von Insekten befallen sind, – in Frankfurt waren es im vergangenen Jahr 100 – keine Verbrechensopfer.

Häufig sind es die einsame alte Dame, die in ihrer Wohnung eines natürlichen Todes stirbt und erst nach Wochen gefunden wird oder der Junkie, der sich in einer Grünanlage den goldenen Schuss gesetzt hat. „Da sagen sich die Ermittler: ‚Warum sollte ich hier einen Insektenkundler hinzuziehen, wenn die Umstände doch klar sind?‘“

Schon in der DDR gab es einen forensischen Entomologen

Schließlich kosten Amendts Dienste Geld und Zeit. Und dann sind da noch die Berührungsängste. „Natürlich ist das Thema wenig appetitlich“, sagt der Forensiker. Ob er hinzugezogen wird, hänge stark von der Dienststelle ab, „manche sind da auch offener.“ In Italien, Frankreich und beim FBI in den USA weiß man dagegen schon lange, welches kriminalistische Potential Insekten haben. Sogar in der DDR habe es einst einen forensischen Insektenkundler gegeben, erzählt Amendt.

Der Entomologe ist nicht nur in Frankfurt, sondern öfter in ganz Deutschland für die Kripo im Einsatz. Denn ab und zu helfen Maden, Mordfälle* zu lösen. Wenn keiner mehr weiter weiß – dann klingelt bei Amendt wieder das Telefon. (Julian Dorn) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare