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Frankfurt: Flugsteig in Warteposition

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Von: Jutta Rippegather

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Der Aussenbereich vom neuen Terminal 3.
Der Außenbereich vom neuen Terminal 3. © Renate Hoyer

Pier G ist fertig und wird jetzt für vier Jahre eingefroren. Ein Team schaut regelmäßig nach dem Rechten.

Diese Koffer haben definitiv schon bessere Tage gesehen. Die meisten sind arg ramponiert, einige mit großen Kreuzen versehen. Alle sind leer. Das erleichtert den Männern in den blauen Overalls und gelben Warnwesten die Arbeit. In der Checkin-Halle legen sie die Gepäckstücke auf Bänder, kurze Zeit später sausen die eine Etage tiefer über ein langes Förderband. Scanner lesen die Barcodes an den Banderolen aus und ordnen die Koffer ihrem Ziel zu. Einem fiktives Ziel. Das Gepäck bleibt in Frankfurt. Das hier ist nur ein Testbetrieb.

Rekord-Bauzeit

Flugsteig G ist fertig, der Brandschutz abgenommen. Nach einer Rekord-Bauzeit von nur zweieinhalb Jahren könnte der Pier mit der dunklen Fassade im Süden des Frankfurter Flughafens theoretisch in Betrieb gehen. So war es geplant, nachdem Fraport mit Lockangeboten erfolgreich Billigfluggesellschaften nach Frankfurt geholt hatte, die Kapazitäten knapp wurden. Dann kam Corona, das Geschäft mit dem Fliegen stürzte ab. Der Druck ist nicht mehr da. Und Ryanair ist im Frühling auch wieder abgewandert.

Ursprünglich sollten schon in diesem Jahr die ersten Fluggäste von Flugsteig G aus in die Luft gehen. Jetzt hat Fraport ihn offiziell in den „Ruhestand versetzt“. Eine Eröffnung ist für 2026 avisiert. Zu diesem Zeitpunkt, so hofft die Branche, sind die Fluggastzahlen auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Bis dahin ist demnach keine Eile mehr geboten: Jetzt soll Flugsteig G gemeinsam mit dem nebenan entstehendem Hauptgebäude von Terminal 3 und den Piers H und J in Betrieb gehen.

Flugsteig G

Die Baugenehmigung erteilt die Stadt Frankfurt im August 2018. Ein Jahr später beginnt der Rohbau. Die Inbetriebnahme ist zu dieser Zeit für 2022 vorgesehen. Der Termin ist auf 2026 verschoben. Der Kostenrahmen von vier Milliarden Euro ist eingehalten.

Die Arbeit mit Fertigteilen beschleunigen das Tempo, so dass im Juni 2020 der Innenausbau startet; etwa die Installation von Lüftungsanlage oder Einbau der Fenster.

In der Spitze sind pro Tag 900 Bauarbeitende am Flugsteig aktiv.

Im Kopfgebäude entsteht die Gepäckförderanlage mit insgesamt 1244 Meter langen Förderbahnen, die bis zu 3000 Gepäckstücke pro Stunde befördern kann.

Als Solitär sollte der Flugsteig ursprünglich in Betrieb gehen. Jetzt wird er mit dem Terminal-Hauptgebäude verbunden. Dazu startet Mitte 2023 die Erweiterung des Kopfgebäudes.

Vor Inbetriebnahme ist eine zwölfmonatige Vorbereitungsphase notwendig. In dieser Zeit wird das Konzept für die Innengestaltung mit dem Namen „German Urban Lifestyle“ umgesetzt, werden die Sicherheitskontrollen installiert, das Equipment für die Airlines verbaut und die Flächen für Gastronomie und Geschäfte eingerichtet. Am Ende stehen umfangreiche Tests.

Eine Verlängerung des Pierstegs von derzeit 400 Meter auf 600 Meter wäre möglich. Dann würde die Kapazität von fünf auf sieben Millionen Fluggästen steigen. Die Zahl der Flugzeugpositionen am Gebäude würde von 9 auf 16 steigen.

Die Anbindung des neuen Terminals erfolgt über eine neue Autobahnabfahrt. Es gibt ein Parkhaus mit 8500 Stellplätzen. Von 2026 an verbindet die neue Sky Line-Bahn Terminal 3 mit den anderen beiden Terminals im Norden. Für einen möglichen S-Bahn-Halt hat Fraport einen Trog freigehalten. Weitere Investitionen in eine Anbindung an die Schiene sind nicht vorgesehen. jur

Die Ausstattung ist spartanischer ausfallen als nebenan. Grauer Hochleistungsestrich auf dem Boden, die Technik an den Decken bleibt sichtbar. Der Bau musste schnell hochgezogen werden. Und: So mancher Fluggast verzichtet gerne auf Luxus, um günstiger von A nach B zu kommen.

Ohne Schnickschnack

Auf dieses Publikum zielt Flugsteig G ab. „Nüchtern und ohne Schnickschnack.“ So beschreibt Fraport-Vorstand Stefan Schulte am Donnerstag das Ambiente des Piers mit einer Kapazität von 5 Millionen Passagiere pro Jahr, die mit einem Ausbau noch gesteigert werden könnte. Gleichwohl handele es sich um einen „vollwertigen Flugsteig“, betont er beim Rundgang durch die leeren Gänge und Hallen. Der „Wohlfühlcharakter“, versichert Schulte, werde mit der Inneneinrichtung kommen. Mit den Sitzmöbeln in den Wartebereichen, den Geschäften, der Gastronomie, der Wanddekoration, der Infrastruktur der Airlines. Konzepte, technischen Bedarfs änderten sich schnell. Deshalb hat Fraport nur fertiggestellt, was garantiert auch noch in vier Jahren aktuell sein wird. Die Toiletten etwa, die Aufzüge und Rolltreppen oder die Pavillons für die Passkontrolle.

Flugsteig G sei nie einzig für Billigflieger konzipiert worden. Die Fraport-Leute werden nicht müde, dies immer wieder zu betonen. Doch Geschäftsleute werden hier wohl eher selten in die Luft gehen. Konzipiert ist er für Direktflüge, so genannte Point-to-Point-Verkehre, hauptsächlich zu klassischen Urlaubsdestinationen. Mit kurzen Wegen und entsprechend ausgerichtetem Angebot an Läden und Gastronomie. Es gibt keine Lounges und Gepäckspeicher. Ein Teil der 13 Gates kann für Schengen- wie für Non-Schengen-Verkehr genutzt werden. Neun Positionen liegen direkt am Gebäude. Die anderen sind per Bus erreichbar. Noch stehen vereinzelt Hubwagen und anderes Arbeitsmaterial herum. Doch von einer Baustelle kann nicht mehr die Rede sein. Die Klimaanlage rauscht, die grauen Böden glänzen.

„Jetzt werden wir Flugsteig G einfrieren“, sagt Harald Rohr, Geschäftsführer der für den Ausbau Süd verantwortlichen Fraport-Gesellschaft. Sein Flugsteig-Team hat bereits neue Aufgaben übernommen – etwa den Bau des Bähnchens zu unterstützen, das das neue Terminal mit den beiden anderen verbinden soll.

Einfrieren bedeutet nicht, dass keiner den Flugsteig in Warteposition mehr betritt. Bis zur Inbetriebnahme müssen regelmäßig Rohre gespült, Heizungen und Klimaanlagen gewartete werden. Auf „alles,was mit Hygiene zu tun hat“ werde geachtet, versichert Geschäftsführer Rohr. Dies werde mit Fraport-Personal gewährleistet. Der Diplom-Ingenieur ist nicht nur der Hauptverantwortliche für eine der größten Baustellen der Republik. Er weiß nicht nur, dass das Dach des Empfangsgebäudes im August fertig wird, er verrät auch, woher die ramponierten Koffer kommen, mit denen der Bodenverkehrsdienst die Gepäckförderanlage testet. Ein Teil sind ausrangierte Exemplare der Fraport-Belegschaft. „Es gab einen Aufruf.“ Rund 350 Koffer stammen aus der Hauptstadt. Vom Probebetrieb des neuen Flughafens BER.

So soll es eines Tages aussehen: Fraport-Vorstand Stefan Schulte (links) und Harald Rohr, Geschäftsführer der Fraport Ausbau Süd GmbH. Renate Hoyer
So soll es eines Tages aussehen: Fraport-Vorstand Stefan Schulte (links) und Harald Rohr, Geschäftsführer der Fraport Ausbau Süd GmbH. Renate Hoyer © Renate Hoyer

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