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Die Zukunft wird geprobt. Bald wandelt sich der Ort zu einem offenen Haus der Kulturen.

„Festival der Selbstverwaltung“

Altes Haus mit neuer Zukunft in Frankfurt

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Frankfurter Studenten und solche, die es einmal waren, feiern 66 Jahre Selbstverwaltung — und einen Abschied. 

Nanu, wohin ist denn die alte Burschenherrlichkeit entschwunden? Gerade eben war sie doch noch da. Aber der AfE war ja auch gerade eben noch da und jetzt ist er weg. Manchmal entsteht, wie im Fall der alten Burschenherrlichkeit, etwas Neues, etwas Besseres, wie etwa die neue Studierendenmenschlichkeit.

Manchmal, wie beim AfE-Turm, aber auch nicht.

Wie das beim Studierendenhaus auf dem alten Bockenheimer Campus aussehen wird, muss sich noch zeigen. Am Samstag war zumindest schon mal „Festival der Selbstverwaltung“. Denn nach 66 Jahren zieht der AStA, der bislang das Haus bespielt hatte, ins Westend um, was ja auch durchaus altersgerecht ist. Aber heute wird erst einmal, so steht es auf dem Flyer, „der Übergang in eine aufregende Zukunft geprobt“, denn „bald schon wird das Studierendenhaus zum Offenen Haus der Kulturen, einem selbstorganisierten, interdisziplinären Kulturzentrum“, für das an diesem Tag der symbolische Grundstein gelegt werden soll.

Das klingt so aufregend, wie es in Wirklichkeit auch ist. Auch wenn um kurz vor 15 Uhr einer der Organisatoren die Handvoll Gäste aufscheuchen muss, die sich im Café KoZ in die dort angebotenen Kuchen festgebissen haben: „So, ich glaub’, der Festakt geht draußen los, wir schmeißen alle mal ein bisschen raus.“ Das klingt dann eher unentschlossen, aber der Ton soll sich draußen rasch ändern.

Erst einmal erinnern draußen aber zwei junge Männer mit Gitarre und Panflöte an die vielleicht dunkelsten Momente der jüngeren Musikgeschichte. Unterbrochen werden die Lieder durch Tonbandaufnahmen von Studierenden, die sich über das Studierendenhaus auslassen. Eine Studentin findet dessen Architektur „ein bisschen syrianisch“, ist aber generell zufrieden, weil das Haus ihrer Einschätzung nach „keine Leitkultur“ habe.

Das Schultheaterstudio zeigt Szenen aus seinem Programm.

Doch noch während des Festakts tun sich erste Gräben auf. Ein junger Besucher mit möglicherweise zu viel Alkohol, sicherlich aber mit zu viel Wut im Blut wurde wohl aufgrund seiner abrasierten Haarpracht für einen Nazi gehalten. Ob zu Recht oder Unrecht, das bleibt fraglich, aber der junge Heißsporn kann nur mühsam von seiner Freundin vom Campus gezerrt werden. „Komm her, du Schwuchtel mit dem rosa Schal“, brüllt der Glatzkopf zum Abschied, aber sein Kontrahent kommt nicht, sondern brüllt zurück: „Ich hau’ dir auf die Fresse!“ Gut, kann man jetzt sagen, Dialog der Kulturen, ein Anfang ist gemacht, aber da ist noch viel Luft nach oben.

Die unschöne Szene am Rande der Feier, zu deren Beginn in etwa 100 Studierende und solche, die es wohl mal waren, gekommen sind, wird dann aber durch die Freudenschüsse aus der Konfettikanone und das Knallen der Sektkorken beendet. Es erklingt Musik aus den Boxen: nicht etwa der „Rauch-Haus-Song“ von Ton Steine Scherben (1972), wie man eigentlich hätte erwarten können, sondern „Our House“ von Madness (1982). Vor 66 Jahren war zur damaligen Eröffnung noch ein Eichendorff-Stück gespielt worden.

Theater gibt es natürlich auch heute noch, wenn auch in leicht gewandelter Form. Im Festsaal im ersten Stock zeigen junge Schauspieler des Schultheaterstudios Szenen aus ihren aktuellen Stücken. Die tragen Titel wie „Unser Schicksal ist Politik“ oder „Illegal“, aber wenn man das nicht weiß, sieht man bloß einen jungen Mann, der ein ziemlich traurig und irgendwie syrianisch klingendes Stück auf Playback mitsingt. In den folgenden Szenen reicht die Akustik der Vortragenden nicht über die dritte Sitzreihe hinaus und erteilt so verkrusteten Theaterkonventionen eine klare Abfuhr.

Nur wenige Meter entfernt ist „Horkheimers Geist“ zu hören, und zwar in einer „performativen Audioinstallation“. Horkheimers Geist klingt etwas blechern. Aber immer noch schlau.

Lesen Sie dazu auch: Das Studierendenhaus - ein Ort der Revolte

Später am Abend werden dann noch „Vertreter*innen der Initiativen, die das Studierendenhaus in Zukunft bespielen wollen“, im Rahmen einer Podiumsdiskussion diskutieren, wie dieses zu bespielen sei.

Spannende Frage, aber eines steht mal zu vermuten: An der Leitkultur, die dem Studierendenhaus zumindest ein Stück weit dann doch zu eigen ist, wird sich erst einmal wenig ändern. Und auf diese Leitkultur macht auch nach wie vor ein Schild am Eingang aufmerksam. Es bittet alle Besucher des Hauses, es sofort dem Hausmeister oder einem anderen Verantwortungsträger zu melden, wenn irgendwo in dem Haus ein Polizist gesichtet werden sollte, auch in Zivil. Denn die müssen nach wie vor leider draußen bleiben – Dialog und Toleranz in allen Ehren, aber irgendwo muss schließlich auch mal Schluss sein. Dieser an und für sich einfache Sachverhalt wird auf dem Schild hochkomplex erläutert. Vielleicht auch eine Art Hommage an Horkheimer selig, der da sagte: „Je simpler die offizielle Ideologie, um so komplizierter heute ihre Ableitung. Diese Einsicht besagt, dass das Denken aus der Mode kommt.“

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