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Noch hat Zara auf der Zeil geöffnet, aber am Jahresende ist Schluss.

Bekleidung

Fashion ist aus der Mode

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Besonders die Bekleidungsbranche leidet unter der Pandemie. Schlechte Aussichten für Beschäftigte.

Keine andere Branche im Einzelhandel ist von den Auswirkungen der Pandemie und dem stärker werdenden Onlinehandel so stark betroffen wie die Bekleidungsbranche. Die Umsatzeinbußen betrugen zuletzt 29 Prozent. „Die Textilbranche ist der größte Verlierer“, betont Marcel Schäuble, bei der Gewerkschaft Verdi für die Textilbranche zuständig. Bei den Kunden gebe es auch nach der Lockdown-Phase eine erhebliche Kaufzurückhaltung. Womöglich haben viele Angst um den eigenen Job und wollen lieber was auf die hohe Kante legen, als ihr Geld in Klamotten zu investieren.

Als Folge davon dünnen viele Anbieter ihre Filialnetze aus. „Frontbegradigung“ nennen das Sanierer. Die Konkurrenz ist groß, der Fashion-Markt gilt als übersättigt. Leidtragende sind in den meisten Fällen die Angestellten, denn die Unternehmen kämpfen mit harten Bandagen. Bei Zara auf der Zeil werden zum Jahresende rund 70 Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. „Die Schließung hat uns sehr überraschend getroffen“, gesteht Las Mary Douglas, die nicht nur Betriebsrätin der Filiale auf der Zeil, sondern auch Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats des Unternehmens ist. Douglas hat so ihre Vermutungen, warum die gut gelegene Filiale auf der Zeil der Ausdünnung des Filialnetzes zum Opfer fällt, nicht aber die Häuser in der Nordweststadt und am Rathenauplatz. „Wir haben viele langjährige Mitarbeiter mit unbefristeten Verträgen“, so Douglas. Die seien dem Konzern offenbar zu teuer. Die Mitarbeiter der gekündigten Filiale hätten Jobs in anderen Häusern von Zara angeboten bekommen. „Aber überwiegend nur 15 oder 20 Stunden die Woche, davon kann niemand leben“, so Douglas. Vakanzen für Vollbeschäftigung in den Frankfurter Filialen seien nicht dabei gewesen, obwohl das Haus am Rathenauplatz den Angaben der dortigen Kollegen zufolge unterbesetzt sei, so Douglas.

Arbeitnehmer

Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in der Bekleidungsbranche ist seit Jahren rückläufig. Obwohl die Anzahl der Beschäftigten in Hessen von 2014 bis 2019 laut Bundesagentur für Arbeit von 2 388 010 auf 2 664 534 stieg, sank sie im Einzelhandel mit Textil im gleichen Zeitraum von 1944 auf 1559.

In Frankfurt sieht die Entwicklung ähnlich aus. Dort stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs von 2014 bis 2019 insgesamt von 537 809 auf 614 271, während sie im Einzelhandel mit Textil im gleichen Zeitraum von 767 auf 504 sank.

Gewerkschaftssekretär Schäuble hat „Bauchschmerzen“, weil er vermutet, dass Zara womöglich im kommenden Jahr an anderer Stelle wieder eine Filiale eröffnet und dort dann überwiegend junge Kollegen mit befristeten Verträgen einsetzt.

Ein Verkäufer oder eine Verkäuferin im Einzelhandel verdienen mit mehreren Jahren Berufserfahrung nach Tarif 16,59 Euro pro Stunde. Diesen Lohn scheinen angesichts der Krise aber immer weniger Konzerne zahlen zu wollen, wie Horst Gobrecht, Leiter des Fachbereichs Handel bei Verdi, verdeutlicht. „Einen Job finden sie derzeit im Bereich Fashion, wenn Sie bereit sind für den Mindestlohn zu arbeiten.“ Wer 11,50 Euro bekäme, sei schon gut dran. Den Tariflohn von 16,59 Euro die Stunde würden manche Unternehmen in der Bekleidungsbranche nicht mal ihren Teamleitern zahlen, sagt Gobrecht.

Da immer mehr Betriebe schließen, haben die vielen arbeitslos werdenden Beschäftigten in der Bekleidungsbranche auch eine schlechte Verhandlungsposition. Wie viele durch die Krise ihren Job verlieren, wird sich erst zeigen, wenn die derzeit ausgesetzte Pflicht zur Insolvenzanmeldung wieder gilt.

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