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Bis zu einer Million Menschen halten sich tagsbüber in Frankfurt auf.

Analyse

Frankfurt im ewigen Wandel

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In der immer weiter wachsenden Metropole gibt es nicht die eine Stadtgesellschaft – es gibt viele Gruppen, die wenig Berührungspunkte haben.

Ein Abend in Paris. In einem Ausgehviertel treffen sich fünf Touristen aus Deutschland. Man setzt sich zusammen und stellt fest, dass alle am Tisch aus Frankfurt kommen. Und dann beginnt ein Gespräch über die Stadt, in dem sich schnell herausstellt, dass das Frankfurt der einen Touristengruppe mit dem Frankfurt der anderen sehr wenig zu tun hat.

Da ist Gruppe A (zwei Personen): in Frankfurt geboren, an der Goethe-Uni studiert, Arbeitsplatz in Frankfurt, Freundeskreis überwiegend in Frankfurt. Wohnhaft in Stadtteilen wie Gallus, Sachsenhausen und Bornheim, immer latent mit der Sorge lebend, irgendwann einmal die Mietwohnung, in der man seit vielen Jahren wohnt, nicht mehr bezahlen zu können, weil immer mehr Menschen mit höheren Einkommen in die Stadt ziehen. Gentrifizierung – das Wort kennen viele Menschen, die seit langem in Frankfurt leben, ziemlich gut.

Weitere Merkmale der Personengruppe A: regelmäßige Besuche in Kneipen, die es seit Jahrzehnten gibt (Wagner, Solzer, Adler, Drosselbart), Begeisterung oder zumindest Sympathie für Eintracht Frankfurt, ausgestattet mit einer gehörigen Portion Lokalpatriotismus (oft übertrieben) und großer Skepsis gegenüber Gebäuden wie dem neuen Henninger Turm.

Kommen wir zu Gruppe B (drei Personen): Wie sich herausstellt, kommen die drei jungen Männer ursprünglich aus München. Dorthin fahren sie jeden Freitag (manchmal auch schon Donnerstagabend) zurück, um das Wochenende zu verbringen. Sie wohnen im Europaviertel, in einer Straße, von der die Gruppe A noch nie etwas gehört hat, weil sie in dem neuen Stadtteil nur die Europaallee kennt, die der Volksmund „Stalin-Allee“ nennt. Diese Bezeichnung findet Gruppe B despektierlich, weil die Allee in ihren Augen zwar nicht unbedingt schön ist, aber ihre Vorteile hat (breit genug, kaum Staus, schnelle Anbindung zur Autobahn).

Im Übrigen gehen auch die Neu-Frankfurter aus München gerne in Restaurants – vorwiegend in Lokale in der Innenstadt, die vor allem direkt nach Geschäftsschluss gut besucht sind und sogenannte After-Work-Partys ausrichten. Den Lokalpatriotismus der Gruppe A sehen sie durchaus problematisch, weil sie denken, dass viele Probleme Frankfurts (etwa die immer noch hohe Kriminalitätsrate) dabei ausgeblendet würden. Dass immer mehr Hochhäuser in der Stadt gebaut werden, finden sie hingegen ausnahmslos gut – daheim in München sagen sie oft, dass sie in der Stadt mit den höchsten Häusern wohnen.

Ja, das sind alles Stereotype und pauschale Zuschreibungen, zugespitzt bis zum Äußersten. Zumal es sehr viele Menschen gibt, die weder zu Gruppe A noch zur Gruppe B gehören. Menschen, die zwar nicht in Frankfurt geboren sind, die hier auch nicht studiert haben, sondern zum Arbeiten hergekommen sind. Die sich aber längst mit der Stadt identifizieren und sich zum Teil als Frankfurterinnen oder Frankfurter sehen.

Doch das Gespräch in Paris, das es tatsächlich gab, zeigt wieder einmal: Für viele Menschen ist Frankfurt einfach nur der Ort zum Arbeiten. Sie verbindet nichts mit der Stadt. Für andere ist Frankfurt Heimat – oft wirkt ihr Bezug zur Stadt überhöht und aus der Zeit gefallen.

Frankfurt wächst: Unter diesem Motto steht auch ein FR-Stadtgespräch zu unserer Serie, zu dem die Frankfurter Rundschau für Donnerstag, 12. September, 19 Uhr, in das Haus am Dom, Domplatz 3, einlädt.

Wie viel Wachstum verträgt die Stadt noch? Wo können neue Wohnungen entstehen? Wie kann Frankfurt eine Stadt für alle bleiben? Was kann die Politik tun, damit die Mieten nicht noch weiter steigen? Solche Fragen stehen im Mittelpunkt der Diskussion.

Auf dem Podium sprechen Planungsdezernent Mike Josef (SPD), Lisa Hahn von der Initiative Mietentscheid, Architekt Stefan Forster und Bauunternehmer Wolfgang Ries. Die FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert moderieren. cm

Diese Gemengelage ist in keiner anderen deutschen Großstadt derart ausgeprägt. Frankfurt lebt von Menschen, die Urfrankfurter oft despektierlich als „Business-Nomaden“ bezeichnen. Diese Wortwahl klingt nicht nur arrogant, sie ist es auch.

Alteingesessene Frankfurter und Neubürger suchen nur selten den Kontakt zueinander. Und so kommt es immer wieder zu Situationen, die auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Bei Partys im Nordend oder in Bockenheim etwa stellen Menschen, die sich vorher nicht kannten, ganz oft fest, dass sie gemeinsame Freunde oder Bekannte haben. Seltsam für eine Metropole, in der zum Stichtag 18. Februar 2019 genau 750 049 Menschen lebten, was Frankfurt zur fünftgrößten Stadt Deutschlands macht. Oder?

Tatsächlich gibt es innerhalb der Stadtgesellschaft mehrere Gruppen, die nur wenig Berührungspunkte haben. Damit sind nicht nur die Extreme – Gruppe A und B aus Paris – gemeint. Viele Menschen in den westlichen Stadtteilen etwa bleiben weitgehend unter sich oder haben viel stärkere Bezüge in den Main-Taunus-Kreis als in andere Frankfurter Stadtteile. Auch im dörflich geprägten Norden der Stadt finden sich eingeschworene Gemeinschaften. Und dann gibt es große Migranten-Communitys.

Rund 220 000 Frankfurterinnen und Frankfurter (etwa 30 Prozent) haben keinen deutschen Pass, hinzu kommen knapp 175 000 Deutsche mit Migrationshintergrund. Frankfurt, so sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) immer wieder, ist eine internationale Stadt. Häufig geht es in den Sitzungen der Kommunalpolitiker um Integration, die Stadtregierung hat ein eigenes Dezernat dafür eingerichtet und Peter Feldmann sagt regelmäßig, dass Deutsche und Ausländer in Frankfurt friedlich zusammenlebten. Das stimmt. Doch zur Wahrheit gehört auch: Manche Migranten leben in weitgehend abgeschlossenen Gesellschaften – oder aber Deutsche und Ausländer leben einfach nebeneinander her, ohne große Berührungspunkte.

Und die neuen Frankfurter? Für sie gibt es Stammtische, an denen Englisch oder Französisch gesprochen wird. Der Frankfurter Journalist Matthias Arning, einst Lokalchef der Frankfurter Rundschau, hat sein Buch „Frankfurt für Anfänger“ unlängst auch auf Englisch veröffentlicht. Am kommenden Montag diskutiert er unter anderem mit dem früheren Eintracht-Trainer Dragoslav Stepanovic beim Debattierclub Montagsgesellschaft über Neubürger und Integration. Der Titel der Veranstaltung („The Frankfurt Way – Best practice for Germany!“) lässt die allermeisten echten Frankfurter ratlos zurück.

Doch „echte Frankfurter“ – gibt es sie eigentlich noch in großer Zahl? Zumindest präsentiert Michael Wolfsteiner, der Statistikchef beim Bürgeramt, eine Zahl, die das vermuten lässt. 32,6 Prozent der Einwohner sind auch hier geboren. Das sind rund 250 000 Menschen, was viel klingt. Aber: Darunter sind halt auch Zehntausende Babys und Kleinkinder.

Andere Zahlen zeigen deutlich, wie sehr sich Frankfurts Stadtbevölkerung austauscht. Zum einen wächst die Stadt massiv: Seit der Jahrtausendwende kamen 123 000 Einwohnerinnen und Einwohner hinzu. Gleichzeitig aber ziehen Frankfurter vermehrt ins Umland. Im Jahr 2017 etwa zogen 2500 Menschen mehr von Frankfurt in die Nachbargemeinden als umgekehrt. Hauptgrund für die Wanderungsbewegungen sind die Mieten, die in manch Nachbarstadt immer noch deutlich niedriger sind als in Frankfurt selbst.

Auch darum ging es bei besagtem Gespräch im Paris. Wie viel sie an Miete bezahlten, wollten die Urfrankfurter von den Neubürgern wissen. Gruppe B musste passen. Die Kosten für die Wohnung übernimmt die Firma, die Miete wird direkt an den Vermieter überwiesen.

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