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Eine Frau der offenen Worte: Evelyn Brockhoff, Christoph Boeckheler
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Eine Frau der offenen Worte: Evelyn Brockhoff, Christoph Boeckheler

Kultur

Frankfurt: Evelyn Brockhoff geht in den Ruhestand

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Evelyn Brockhoff, langjährige Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte, geht in Rente.

Schmucke Vorgärten, im regnerischen Vorsommer üppig ergrünt, säumen die ruhige Wohnstraße am Sachsenhäuser Berg. Von der Terrasse aus blickt Ottmar Hörls Goethe-Skulptur milde lächelnd ins Rund. Evelyn Brockhoff, schlank und hochgewachsen, wie stets um Contenance bemüht, kann dennoch eine gewisse Aufregung nicht verbergen. Ende Juni steht ein Einschnitt in ihrem Leben an: Die Kunsthistorikerin geht in Ruhestand, nach einem Vierteljahrhundert im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt und 18 Jahren an der Spitze des Hauses.

„Ich habe immer gekämpft, aber auf charmante Weise“, so charakterisiert die 65-jährige sich selbst. Sie hat das Stadtarchiv aus seiner verstaubten Abgeschiedenheit geholt und für die Menschen geöffnet: Mit 140 Ausstellungen und zahllosen Diskussions- und Erinnerungsforen.

Wenn die gebürtige Frankfurterin jetzt ihre Position verlässt, wird diese Leerstelle schmerzlich zu spüren sein. Sie hat unermüdlich dafür gestritten, dass Stadt-, Bau- und Architekturgeschichte präsent bleiben. Es war Brockhoff, die 1990 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) die Dauerausstellung „Von der Urhütte zum Wolkenkratzer“ konzipierte, die heute noch zu sehen ist. Damals war sie Leiterin des Archivs und Vizedirektorin des DAM. Es war Brockhoff, die 1998 die Dauerausstellung in der Paulskirche entwickelte, schon zuvor hatte sie 1985 die Ideen- und Gestaltungswettbewerbe für die Renovierung des denkmalgeschützten Bauwerks organisiert. Sie setzte sich für den Maler Johannes Grützke ein, der dann in der Rotunde im Erdgeschoss der Kirche das Monumentalgemälde „Zug der Volksvertreter“ schuf.

Paulskirche: Brockhoff verzieht schmerzlich das Gesicht, wenn der Dauerausstellung dort heute vorgeworfen wird, dass sie in keiner Weise mehr den Anforderungen der Zeit entspreche. „Ich hätte die Ausstellung schon lange gerne modernisiert und digitalisiert, aber ich habe bei der Stadt keinen Adressaten für dieses Anliegen gefunden“, sagt sie offen. „Es gab einfach kein Interesse daran.“ Erst Oberbürgermeister Peter Feldmann habe sich der Sache angenommen, das Engagement des Sozialdemokraten lobt die Christdemokratin als „phantastisch“.

Der Archäologin und Kulturanthropologin ist bewusst, dass das 175. Jubiläum der Nationalversammlung in der Paulskirche im Jahre 2023 immer näher rückt, ohne dass die Kommune schon etwas vorbereitet hat. „Die Stadt muss in die Puschen kommen, was sie überhaupt zu diesem Anlass macht.“ Brockhoff erinnert an das große Programm zum 150-Jährigen, an dem sie 1998 mitwirkte: „Das war ein Feuerwerk!“

In ihrem Arbeitszimmer im Institut steht ein ganz besonderes Stück, das sie einst aus der Paulskirche rettete: Ein polierter Tisch in dunklem Furnier. Sie holte ihn aus dem sogenannten VIP-Raum des Gebäudes, in dem sich Prominente vor ihrem Auftritt vor dem 1000-köpfigen Publikum sammelten. An diesem Tisch saßen US-Präsident John F. Kennedy ebenso wie Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer. Das Möbel und die dazugehörigen Stühle waren grün verschimmelt und verrottet, Brockhoff ließ sie restaurieren.

Es ist eine kleine Facette ihrer Arbeit, mit der sie sich gegen das Vergessen stemmte. Viele Ausstellungen im Institut für Stadtgeschichte, die sie persönlich kuratierte oder als Direktorin verantwortete, waren wichtig für Frankfurt. Die dauerhafte Schau der Bilder von Jörg Ratgeb etwa, die seit 2003 in Refektorium und Kreuzgang der Karmeliterkirche zu sehen sind. Oder „Frankfurt Sound“ über den Jazz in der Stadt 2004/2005 oder „Die Kaisermacher“ über Frankfurt als Krönungsstadt und die Goldene Bulle 2006/2007 oder 2013/2014 „Heimat/Front“ über die Stadt im Luftkrieg.

Die Tochter eines Gastwirt-Ehepaares, das zeitweise das Restaurant im Frankfurter Gewerkschaftshaus geführt hatte, machte auch Erfahrungen in der Kommunalpolitik. OB Wolfram Brück (CDU) berief sie 1986 zur Grundsatzreferentin für kulturelle Fragen. Im Politikbetrieb lernte sie, für ihre Positionen unverblümt einzutreten. Doch die Rituale und Intrigen im Römer stießen sie ab, nach drei Jahren kehrte sie dem Rathaus den Rücken.

Geblieben ist ihre Offenheit. Etwa, wenn sie über das neue Maintorviertel in der Nachbarschaft des Stadtarchivs spricht. Sie hatte gehofft, dass dieses Quartier sich mit Menschen beleben und so auch ihr Haus aus der Abgeschiedenheit holen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Das Viertel, urteilt Evelyn Brockhoff, sei „eine Steinwüste, ungemütlich und zu eng“.

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