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Frankfurt: Eva Szepesi (89) überlebte als Kind Auschwitz

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Von: Kathrin Rosendorff

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Eva Szepesi eröffnete vor 51 Jahren mit ihrem Mann den Laden „Pelze am Dornbusch“. Ihre Tochter Anita und deren Mann Ernst Schwarz führen diesen weiter.
Eva Szepesi eröffnete vor 51 Jahren mit ihrem Mann den Laden „Pelze am Dornbusch“. Ihre Tochter Anita und deren Mann Ernst Schwarz führen diesen weiter. © Michael Schick

Eva Szepesi brauchte 70 Jahre, um über den Tod ihrer Familie in Auschwitz weinen zu können. Heute erzählt sie Jugendlichen davon – und berührt mit ihrer Geschichte.

Frankfurt – Eva Szepesi überlebt als Zwölfjährige Auschwitz am Ende nur, weil die Aufseher denken, sie sei bereits tot. „Als wir zum Todesmarsch zusammengetrieben wurden, also die, die noch laufen konnten, lag ich auf einer Pritsche. Ich war zu dem Zeitpunkt schon sehr krank, fieberte und war kaum bei Bewusstsein. Ich war nur noch ein Skelett. Sie mussten schnell weg, und sie dachten eben, ich wäre tot. Also haben sie mich liegen gelassen, neben mir lagen Tote und Halbtote“, erzählt sie.

Tagelang liegt Szepesi, die damals noch ihren Mädchennamen Diamant trägt, dort. Ab und zu habe sie jemand mit Schnee gefüttert. „Das Erste, was ich sah, war ein russischer Soldat mit einer Pelzmütze und einem roten Stern. Er hat mich angelächelt. Das war die erste menschliche Wärme seit langem. Das hat so gutgetan. Es war der 27. Januar 1945, die Befreiung von Auschwitz. Er war der Tag, an dem mir mein zweites Leben geschenkt wurde.“

Eva Szepesi: In den 1950ern zog die gebürtige Ungarin nach Deutschland

Eva Szepesi gehörte damit zu den 400 Kindern, die aus dem Konzentrationslager befreit wurden. Ihre eintätowierte Häftlingsnummer A-26877 ist immer noch auf ihrem linken Unterarm. „Nur etwas verblasst.“

Zwei Tage vor dem 77. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 2022 sitzt die 89-jährige im roten Pulli in dem Frankfurter Geschäft „Pelze am Dornbusch“ auf dem Sofa. Sie sieht deutlich jünger aus, hat kaum Falten („Ich benutze nur ein bisschen Nivea-Creme“) und ist auch sonst sehr fit.

Den Laden im Dornbusch hatte die gebürtige Ungarin und gelernte Schneiderin vor 51 Jahren mit ihrem 1993 verstorbenen Mann eröffnet. Ursprünglich wollte das Paar mit seiner damals dreijährigen erstgeborenen Tochter Judith nur zwei Jahre bleiben. Der Mann war als Mitarbeiter der ungarischen Handelsvertretung nach Frankfurt entsandt worden.

„Ich wollte erst nicht kommen. Ich konnte kein Wort Deutsch. Und ich wollte auch nicht ins Täterland. Aber mein Mann bat mich sehr, weil er sich einsam fühlte. Als wir aber dann nach Ungarn zurückkehrten, begann einen Tag später der Ungarische Volksaufstand 1956. Wir sind dann wieder nach Frankfurt. Das war wohl Schicksal. Ich sollte wohl hierbleiben.“

Unweit von ihr stehen ihre zweitgeborene Tochter Anita (57) und deren Mann Ernst Schwarz, die mittlerweile den Laden im Dornbusch führen. Wie so oft begleiten sie Eva Szepesi bei Interviews. Ihr Schwiegersohn, der auch Vorsitzender des Dachverbands der Frankfurter Gewerbevereine ist, hatte schon länger die Idee, am Internationalen Holocaust-Gedenktag den Ginnheimer Spargel statt wie sonst pink nun gelb erleuchten zu lassen. Es soll die höchste Erinnerungskerze Deutschlands sein. Er fragte bei den Betreibern des Turms an. Die fanden die Idee gut. An diesem Donnerstagabend wird die Premiere sein. Anita Schwarz sagt: „Es gibt mittlerweile viele junge Menschen, die mit dem Namen Auschwitz nichts mehr in Verbindung bringen. Wir wollen sie mit der Initiative sensibilisieren. Gerade in einer Zeit, wo der Antisemitismus wächst.“ Unter dem Hashtag #LichtDerErinnerung sollen Frankfurter:innen den Turm fotografieren und auf Instagram teilen.

Eva Szepesi: Flucht aus Ungarn in die Slowakei zu Fuß

„Licht der Erinnerung. Der Name ist schön“, sagt Eva Szepesi. Sie lächelt viel, manchmal ist sie gerührt, und ihre Augen glänzen, wenn sie von ihrer Mutter und ihrem „kleinen süßen Bruder“ Tamás erzählt, die knapp ein halbes Jahr vor ihrer eigenen Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet wurden. Das hat sie aber viele Jahre nicht gewusst.

In einem Vorort von Budapest wächst sie auf. Ab April 1944 muss die Familie den „Judenstern“ tragen. Als die Deutschen wenige Tage später einmarschieren, schickt die Mutter Eva mit der Tante sofort weg. Sie fliehen zunächst zu Fuß durch den Wald in die damalige Slowakei. Ihre Mutter habe ihr versprochen, dass sie und der Bruder nachkämen.

Dieser Gedanke habe sie auch, als sie im Herbst 1944 allein nach Auschwitz im Viehwaggon deportiert wurde, am Leben gehalten. „70 Jahre hatte ich die Hoffnung, dass sie noch leben. Bis ich 2016 in Auschwitz ihre Namen las. Erst ab da konnte ich anfangen zu trauern und zu weinen.“ Ihr Vater, der ins Arbeitslager einberufen worden war, galt bereits seit 1943 als verschollen. „Aber das hatte mir meine Mutter verschwiegen.“

2017 erhält Eva Szepesi das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement

2020 sorgt Szepesis Auftritt bei Markus Lanz für bundesweite Aufmerksamkeit, als Comedian Atze Schröder, nachdem er ihre Geschichte gehört hatte, so berührt war, dass er stellvertretend für die Taten seines Vaters, der als Soldat „die schlimmsten Sachen im Krieg gemacht hatte“, um Entschuldigung bat. „Ich war erst überrascht, dann gerührt.“

Seit Jahren erzählt sie immer wieder ihre schmerzhafte Geschichte und spricht deutschlandweit vor und mit Schüler:innen. 2011 hat sie ihr Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht. Ungarn-Slowakei-Polen (1944–1945)“ veröffentlicht.

2017 erhielt Szepesi für ihr Engagement als Zeitzeugin das Bundesverdienstkreuz. Zuvor hatte sie 50 Jahre lang geschwiegen. „Aus Scham, Schmerz. Und nach dem Krieg wollte auch lange niemand meine Geschichte hören.“

Bis 1995 Mitarbeiter:innen der Shoah Foundation des US-Regisseurs Steven Spielberg sich bei ihr melden. Die Stiftung sammelt Dokumentationen aller Überlebenden des Holocaust. Sie fragen sie, ob sie zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz reisen und ihre Geschichte erzählen möchte.

1995 spricht Eva Szepesi erstmals über ihre Erlebnisse in Auschwitz

Zunächst lehnt sie vehement ab: „Ich wollte auf gar keinen Fall noch mal nach Auschwitz.“ Ein halbes Jahr später bekommt sie erneut eine Anfrage. Ihre Töchter Anita und deren zwölf Jahre ältere Schwester Judith spüren, dass es wichtig ist, dass die Mutter ihre Geschichte erzählt, und sagen: „Wir begleiten dich.“ Auch eine jüdische Jugendgruppe reist mit.

„Einen Abend vor der Gedenkfeier saßen meine Töchter und ich zusammen mit den Jugendlichen im Hotelzimmer auf dem Boden im Schneidersitz. Da fragte mich Benni Bloch, damals der Leiter der Zentralwohlfahrtsstelle: „Erzählen Sie doch mal von Ihrer Kindheit.“ Und dann erzählt sie zum ersten Mal alles.

Eine Aufseherin in Auschwitz sagte: „Du bist 16, und versuche gar nicht dich jünger zu machen“

So auch, wie ihr nach ihrer Ankunft in Auschwitz ihre geliebten Zöpfe abgeschnitten wurden und sie kahl geschoren wurde. Dann musste sie sich ausziehen. „Ich wollte die dunkelblaue Strickjacke, die meine Mutter mir gestrickt hatte, erst nicht ausziehen. Aber ich wurde gezwungen. Also habe ich die Jacke wunderschön gefaltet und hingelegt, dann kam die Aufseherin und hat die Jacke mit ihrem Fuß weggeschleudert.“

Eine andere Aufseherin rettete der Zwölfjährigen das Leben: „Du bist 16, und versuche gar nicht, dich jünger zu machen.“ Sie ist verwirrt, aber sie folgt. Später wird ihr klar, dass sie als Kind sofort umgebracht worden wäre. Das Lagersystem brauchte Erwachsene, die stark genug waren zu arbeiten: „Ich musste so auch Munition säubern.“ Sie wird geschlagen, hungert, bei Appellen muss sie stundenlang im Schnee stehen.

Enkelsohn Leroy trägt bis heute ein Foto von Eva Szepesis im KZ ermordeten Bruder in der Brieftasche

An dem Abend im Hotel ist es auch das erste Mal, dass ihre Töchter die Geschichte der Mutter hören. Anita Schwarz sagt: „Wir wussten, dass unsere Mutter in Auschwitz war. Mehr nicht. Aber auch bevor sie darüber sprach, war diese Schwere da. Die ermordeten Familienmitglieder waren immer Teil von uns.“ Als sie die Geschichte der Mutter erstmals hört, kann sie die Worte kaum ertragen: „Ich habe erst mal zugemacht“, sagt Schwarz. Mit der Zeit redet die Familie offen darüber, reist 2016 gemeinsam nach Auschwitz. Fünfmal sei sie mittlerweile dort gewesen.

Ihr Enkelsohn Leroy (21) trägt bis heute ein Foto von Eva Szepesis kleinem Bruder Tamás, der mit sieben Jahren ermordet wurde, in der Brieftasche: „Das Foto hat er dabei, seitdem er auf seine erste Klassenfahrt gefahren ist, weil Tamás selbst nie auf eine Klassenfahrt gehen konnte“, erzählt Schwarz. Ihr Sohn dreht als Schüler die Doku „Drei Frauen, drei Generationen. Anders sein – jüdisch sein“ (Youtube), in der auch seine drei Jahre ältere Schwester Celina neben der Großmutter und Mutter spricht. „Der Film wird auch an Schulen gezeigt“, so Szepesi.

Der Europaturm wird am heutigen Donnerstag (16 bis 24 Uhr) gelb leuchten. Eva Szepesi spricht am Abend bei einer Gedenkstunde im Papageno-Musiktheater. Es gibt keine Tickets mehr.

Jugendliche versprechen Eva Szepesi: „Wir werden Ihre Zeugen sein, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben.“

Auch am 27. Januar 2022 wird sie vor Jugendlichen im Horváth-Zentrum im früheren KZ-Außenlager Walldorf sprechen. „Es ist meine Pflicht, den Opfern, die für immer stumm gemacht worden sind, eine Stimme zu geben.“

Wie reagieren junge Menschen auf ihre Geschichte? „Viele weinen“, sagt Anita Schwarz. Oft bekäme ihre Mutter später noch Briefe, in denen sie sich bedankten und ihr versprächen: „Wir werden Ihre Zeugen sein, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben.“ (Kathrin Rosendorff)

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