Dorothée Weber-Bruls: „Ich habe festgestellt, dass ich eine Riesenlücke habe, nämlich die Astrophysik. Jetzt, wo ich das erkannt habe, brenne ich mehr zu erfahren.“ 
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Dorothée Weber-Bruls: „Ich habe festgestellt, dass ich eine Riesenlücke habe, nämlich die Astrophysik. Jetzt, wo ich das erkannt habe, brenne ich mehr zu erfahren.“  

Physikalischer Verein

Frankfurt: Die erste Präsidentin in 200 Jahren

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Mit Dorothée Weber-Bruls ist jetzt erstmals eine Frau an der Spitze des Physikalischen Vereins in Frankfurt. Ihr Ziel: Den Leute, die Angst vor der Physik zu nehmen.

Es gilt als uncool, Physiker zu sein. Das ist nicht gut“, sagt Dorothée Weber-Bruls. Seit Anfang des Jahres ist die 56-Jährige die Präsidentin des Physikalischen Vereins. In der fast zweihundertjährigen Geschichte des Vereins steht zum allerersten Mal eine Frau an dessen Spitze. Beim Interview sitzt Weber-Bruls, im himmelblauen Kleid und mit rot lackierten Fingernägeln, umgeben von vielen alten Büchern und einer Otto-Stern-Gedenktafel im Erdgeschoss des Vereins in Bockenheim.

Ihr Büro ist noch nicht ganz fertig eingerichtet. Die öffentlichen Vorträge des Physikalischen Vereins sind nicht für Physik-Nerds konzipiert. Sie sollen die breite Masse anziehen. Die Bandbreite reicht von Urknall bis Robotertechnik, von Klimawandel bis Hirnforschung. Auch die Sternwarte gehört zum Verein.

„Ich sehe meine Aufgabe als Botschafterin. Ich möchte meine Begeisterung für Physik nicht nur auf junge Frauen, die im Physik-Studium immer noch in der Minderheit sind, sondern auf alle jungen Leuten transferieren. Überhaupt möchte ich allen Menschen die Angst vor der Physik nehmen“, sagt sie. Um auch junge Leute zu erreichen, hat sie als erstes einen Instagram-Account für den Verein einrichten lassen.

Für sie persönlich sei Alter kein Thema. „Ein großer Fehler ist, wenn man sich als Frau zu sehr mit seinem Aussehen und Alter beschäftigt. Das kostet zu viel Energie und macht nicht glücklich.“ Im Hauptberuf arbeitet sie als Patentanwältin für die internationale Wirtschaftskanzlei Jones Day in der Innenstadt. Freitags gibt sie Patentrecht-Vorlesungen an der Goethe-Universität.

Dort promovierte sie auch als Physikerin. Mit 28 Jahren bekam sie ein Stipendium, um als Postdoc (Postdoktorand) in Oxford zu arbeiten. Das brach sie aber schnell ab. „Die mir nahe gelegte Unilaufbahn wollte ich am Ende doch nicht einschlagen“, sagt sie. „Ich habe zwar Spaß daran, ständig weiter zu lernen, aber die Geduld, die man in der Forschung haben muss, ist nicht meine beste Eigenschaft“, sagt sie und lacht. Außerdem wollte sie zu dem Zeitpunkt auch eine Familie gründen.

Ihre Töchter sind heute 23 und 25 Jahre alt. Sie teilen sich mit ihrer Mutter das Sorgerecht für zwei Chihuahuas und eine französische Bulldogge. „Meine Töchter wohnen beide in der Wohnung unter mir.“ Ihre ältere Tochter führt im Bahnhofsviertel ein Poké-Bowls-Restaurant mit hawaiianischen Speisen, ihre jüngere Tochter studiert Jura.

Der Verein

Etwa zweitausend Mitglieder hat zurzeit der Physikalische Verein, Robert-Mayer-Straße 2. Zu den populärwissenschaftlichen Vorträgen und Workshops kommen jährlich 20 000 Besucher, darunter viele Schüler.

Die thematische Bandbreite reicht von Urknall bis Robotertechnik, von Klimawandel bis Hirnforschung. Außerdem gibt es immer freitags Astronomie-Vorträge. Alle Veranstaltungen: auf www.physikalischer-verein.de rose

Weber-Bruls wird als jüngstes Kind von dreien in Frankfurt geboren. Ihr Vater Dolf Weber ist Rechtsanwalt. „Er war Jahrgang 1936, also gehörte er zu den weißen Jahrgängen, was ihm als junger Anwalt half. Er war einer der Anwälte, die bei den Auschwitz-Prozessen Privatkläger vertraten“, erzählt sie. Ihre Mutter ist Historikerin. Weber-Bruls besucht das Goethe-Gymnasium. „Ich hatte da einen sehr tollen Mathematik- und Physiklehrer.“ Fing da auch schon ihre Begeisterung für die Physik an?

„Nein, eigentlich noch früher. So mit sechs Jahren. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder bekam immer so tolle Technik-Baukästen geschenkt. Aber er interessierte sich da nicht sonderlich für. Ich hingegen habe sehr gerne seine Sachen aufgebaut.“ Weber-Bruls lacht. Sie sei immer schon sehr wissbegierig gewesen. Sie liest Jules Vernes’ „Zum Mittelpunkt der Erde“, fragt sich, warum der Himmel blau ist, überhaupt, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Ihr Bruder wird Arzt, die ältere Schwester Juristin. Nach einem vorgezogenen Abitur reist Weber-Bruls sechs Monate durch Europa, lernt Französisch und „andere wichtige Sachen des Lebens wie Skifahren“. Dann beginnt sie, Geophysik an der Goethe-Uni zu studieren. Ihr Plan A ist nämlich, Erdbebenforscherin zu werden. „Aber ich war vor 35 Jahren meiner Zeit voraus und bekam damals keinen Praktikumsplatz als Frau.“ Also wechselte sie zur Festkörperphysik. Sie untersucht die Ausbreitung von Schallwellen in fester Materie. Während ihrer Promotion forscht sie auch am Tieftemperatur-Labor des Max-Planck-Instituts sowie an Neutronenreaktoren in Frankreich und Dänemark. „Dann habe ich mich ein bisschen umgeschaut, was man denn so alles machen kann mit der Physik.“

Sie beginnt während ihrer Promotion ein Volontariat beim Hessischen Rundfunk. Sie darf auch einen Beitrag der TV-Sendung „Blick durch die Wissenschaft“ erstellen sowie die Co-Moderation übernehmen. Am Ende bricht sie ihr Volontariat ab, weil es dort zu hierarchisch gewesen ist. „Ich bin 1,80 Meter groß und es fing schon damit an, dass ich immer sitzen musste, nur weil der Co-Moderator kleiner war als ich. Das fand ich nicht okay.“ Also überlegte sie neu. „Ich lernte einen älteren Patentanwalt kennen, der so begeistert von seinem Beruf erzählte. Da dachte ich, das klingt spannend.“

Sie erzählt ihren Lebenslauf fast beiläufig, als berichte sie gerade, was sie alles im Supermarkt eingekauft hat. „Als ich fertig war mit meinem ganzen Physikzeug, habe ich meine Ausbildung zur Patentanwältin in Bremen, München und Paris gemacht.“

Als Patentanwältin transferiere sie auch Wissen. „Ich setze sprachlich um, was Ingenieure entwickelt haben, und arbeite es dann für Juristen auf.“ Künstliche Intelligenz und selbstfahrende Autos seien heute wichtige Themen in ihrem Beruf und auch Teil der Vorträge, die der Verein anbiete. „Es ist wichtig, den Leuten auch die Angst vor der Technik zu nehmen, nur so kann man den Fortschritt vorantreiben.“ Sie möchte in Zukunft auch gerne selbst Vorträge halten.

Ihr Tagesplan ist straff. Von 10 bis 21 Uhr arbeitet sie. Morgens ist ihre Freizeit. Sie reitet seit ihrer Kindheit, macht Yoga, kümmert sich um die Hunde. Da sie im Westend lebt, fährt sie überall mit dem Rad hin. Abends kocht die jüngere Tochter oder sie trifft Freunde.

Wie schafft sie da noch die Aufgabe als Präsidentin des Physikalischen Vereins? „Ich halte Ansprachen, schaffe den Rahmen, aber die Geschäfte leitet der wissenschaftliche Direktor Bruno Deiss.“ Außerdem gehe sie spät zu Bett. Ein bisschen traurig ist sie, dass ihre Töchter keine Physikerinnen geworden sind. „Meine ältere Schwester ist bereits Oma. Der Junge ist vier, an dem bin ich schon dran“, sagt Weber-Bruls und lacht.

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