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Frankfurt: Erneut queerfeindlicher Angriff

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Von: Kathrin Rosendorff

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Dragqueen Ember Remember war Teil einer Gruppe, die angegriffen wurde.
Dragqueen Ember Remember war Teil einer Gruppe, die angegriffen wurde. © Peter Jülich

Drei Wochen nach dem Angriff auf die Dragqueen Electra Pain gibt es wieder Übergriffe in der Frankfurter Innenstadt.

Ich wurde ins Gesicht geschlagen, auf den Boden geschmissen, getreten: an den Hinterkopf, in die Magengrube, ich konnte zum Glück mein Gesicht verstecken“, erzählt die Frankfurter Dragqueen Ophidia Scales in einem Video, das sie auf ihrem Instagram-Account veröffentlicht hat. Sie habe am Montag immer noch Schmerzen, sagt sie im Gespräch mit der FR. Es sei ein Glück, dass sie nicht schlimmer verletzt worden sei.

Drei Wochen nach der Pfeffersprayattacke auf die Dragqueen Electra Pain an der Konstablerwache gab es am frühen Sonntagmorgen einen erneuten queerfeindlichen Angriff in der Frankfurter Innenstadt. Die Polizei ermittelt jetzt gegen fünf unbekannte Männer wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung auf sexueller Grundlage und Bedrohung. Das teilte die Polizei am Montag auf FR Anfrage mit.

Anders als bei Electra Pain sei Ophidia Scales nicht als Dragqueen, sondern laut eigener Aussage „privat als Mann mit pinkem Sakko und Einstecktuch“ in einer neunköpfigen Gruppe unterwegs gewesen. Zwei Männer in der Gruppe waren als Dragqueens unterwegs. „Es ist nicht der erste homophobe Angriff an dieser Stelle. Es passiert sehr oft“, sagt Ophidia Scales. Auch zwei andere in ihrer Gruppe seien am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr auf der Großen Friedberger Straße verletzt worden. Sie waren auf dem Weg in die Alte Gasse, wo es viele queere Bars gibt.

Ein 25-Jähriger soll dabei mit einem Nothammer bedroht und eine 30-jährige Dragqueen mit einem unbekannten Gegenstand beworfen und am Kopf getroffen worden sein, teilt die Polizei mit. Mit dem Nothammer soll der Aggressor anschließend noch die Scheibe eines nahe gelegenen Geschäfts in der Großen Friedberger Straße eingeschlagen haben.

Die 26-jährige Ophidia Scales, die im Alltag als Krankenpfleger in der Psychiatrie arbeitet, erzählt: „Bereits an der Konstablerwache hatten uns drei Typen homophob beleidigt. Sie liefen uns hinterher, als wir weiter in Richtung Große Friedberger Landstraße gingen.“ Als einer der Männer sie ins Gesicht schlug, habe sie sich zunächst gewehrt. „Ich habe ihn getreten, dann haben er und zwei andere Männer mich überwältigt, zu Boden gerissen und mehrmals geschlagen.“ Ophidia Scales erinnert sich nur an drei Männer. Diese seien zwischen 19 bis 25 Jahre alt gewesen, so schätzt sie.

Niemand der Zeug:innen habe reagiert. „Es waren so viele Leute, die den Übergriff gesehen haben, sie saßen vor der Dönerbude und haben lieber weiter ihren Döner gegessen und ihren Ayran getrunken. Ich würde mir nicht nur für die Zukunft eine Polizeipatrouille vor Ort wünschen, sondern auch mehr Zivilcourage.“ Die Polizei ermittelt nun. Ophidia Scales betont: „Die homophoben Vorfälle häufen sich. Es wird aber von der Polizei immer alles schön geredet. Und es passiert am Ende nichts. Bis jemand stirbt.“

Die Dragqueen Ember Remember war ebenfalls Teil der Gruppe, die sich in Kleingruppen aufgeteilt hatte, die hintereinander liefen. Sie selbst sei vor Angst wie gelähmt gewesen, konnte nicht einschreiten. Auch sie erinnert sich nur an drei Täter. Verbale homophobe Attacken seien schon „daily business“. Die 21-Jährige selbst war als Dragqueen gestylt.

„Einer von uns rief die Polizei an. Ich selbst bin zu einer Polizeistreife am Regenbogenkreisel gelaufen.“ Der Beamte habe gesagt, er wisse Bescheid, Verstärkung sei unterwegs. „Ich fand es schade, dass er nicht ausgestiegen ist, denn wir waren so unter Schock, dass es uns später schwerfiel, die Täter zu beschreiben. Er hätte sich als Polizist besser die Gesichter merken können.“ Denn als die anderen Polizisten eintrafen, waren die Täter schon geflüchtet.

Der Beamte, der ihn befragte, sei wenig einfühlsam gewesen. Fragte, ob er denn nun männlich oder weiblich eintragen sollte. „Aber andere Beamte waren wohl sehr sensibel, als sie die anderen befragten.“

Ember Remember betont, sie sei die einzige Dragqueen, die sich, als Dragqueen gestylt, trauen würde, in Frankfurt Bahn zu fahren. „Viele schrieben mir jetzt, dass sie gar nicht mehr nach Frankfurt kommen wollten aus Angst.“ Überhaupt würden sich die meisten homosexuellen Männer nicht trauen, auf der Straße Händchen zu halten. „Das geht nur in den queeren Bars. Wir brauchen einfach Sicherheit.“

Auch sie wünscht sich mehr Polizeipräsenz. Bereits nach dem Angriff auf die Dragqueen Electra Pain hatten die Grünen im Römer mehr Polizeipräsenz an der Konstablerwache gefordert. Frauen und queere Menschen mieden diesen Ort „oder versuchen sich unauffällig zu verhalten, wenn sie dort vorbeimüssen“, hatte Fraktionschef Dimitrios Bakakis mitgeteilt. Ophidia Scales und viele der LSBT*IQ-Community fordern auch, dass queerfeindliche Angriffe statistisch besser erfasst werden sollten.

Straftaten in Zusammenhang mit „Geschlecht/sexueller Identität“ und damit auch transphobe Angriffe werden in fast allen Bundesländern und Polizeipräsidien erst seit 2020 extra erfasst, zuvor wurden lediglich homophobe Delikte ausgewiesen. Eine positive Ausnahme ist Berlin, wo es bei der Polizei zudem seit rund 30 Jahren eine hauptamtliche Ansprechperson für Betroffene gibt.

Laut Polizei liegt die zur Anzeige gebrachte Zahl an Übergriffen (verbal und körperlich) gegen Angehörige der LSBT*IQ-Community innerhalb der vergangenen 18 Monate in Frankfurt im mittleren einstelligen Bereich. „Diese Zahl beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich auf die Konstablerwache, sondern vielmehr auf den gesamten Bereich des Innenstadtkerns und damit auch auf den Bereich Große Friedberger/Alte Gasse“, sagt eine Sprecherin der Polizei. Die Örtlichkeiten würden als publikumsträchtigere Orte ohnehin durch die Polizei umfangreich bestreift.

Nach den zehn bis 15 Tätern, die Electra Pain Anfang März angegriffen haben sollen, wird weiter gesucht. Am Montag teilt sie auf ihrer Instagram-Story ein Video eines Mannes, der von einem weiteren queerfeindlichen Angriff berichtet. Am Donnerstag soll ein Freund von ihm auf der Zeil von fünf jungen Jugendlichen mit Füßen und Fäusten getreten und geschlagen worden sein. „So was darf nicht passieren“, sagt der Mann. Der Polizei war der Fall zunächst nicht bekannt. Ember Remember sagt, sie verstehe den Hass gegen die Community nicht. „Warum interessiert es andere Leute, was ich anziehe und welches Geschlecht ich liebe?“ mit gha

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