Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Gedenkstätte für Soner A. vor dem Wohnhaus in Frankfurt-Griesheim. Foto: privat
+
Gedenkstätte für Soner A. vor dem Wohnhaus in Frankfurt-Griesheim.

Polizei

Frankfurt: Ermittlungen wegen Totschlags gegen zwei Polizisten

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
    schließen

Bei einem Polizeieinsatz in Frankfurt-Griesheim im Juni 2021 kommt ein psychisch Kranker ums Leben. Nun wird ermittelt.

Frankfurt am Main - Nach dem tödlichen Polizeieinsatz in Frankfurt-Griesheim Ende Juni wird gegen eine Polizeibeamtin und einen Beamten wegen Totschlags ermittelt. Dies geht aus einem Schreiben des zuständigen Ermittlungsrichters hervor, von dem die Frankfurter Rundschau Kenntnis erlangte. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die die Ermittlungen führt, hüllt sich hingegen bislang in Schweigen und teilte auf FR-Anfrage lediglich mit, die Ermittlungen würden „ganz neutral wegen Schussabgabe“ geführt. Zu weiteren Nachfragen in dem Fall erteilt die Staatsanwaltschaft keine Auskünfte.

Der 41-jährige Soner A. war am 22. Juni in seinem Wohnhaus in der Erzberger Straße erschossen worden. Ein Nachbar hatte an dem Morgen kurz nach 11 Uhr die Polizei gerufen, weil er laute Stimmen von mehr als einer Person aus der Wohnung zu hören glaubte. Ein dreiköpfiges Streifenteam des zuständigen 16. Reviers rückte wegen einer möglichen Gefährdungslage wie Geiselnahme aus. In den Mitteilungen der Polizei hieß es unmittelbar nach dem tödlichen Einsatz, der 41-Jährige habe mit Pistole und Messer bewaffnet geöffnet und einen der Beamten die Treppe runtergestoßen. Auch in einer gemeinsamen Mitteilung des Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft tags darauf hieß es, der 41-Jährige habe die Streifenbesatzung sofort angegriffen. „Im weiteren Verlauf kam es zu Schussabgaben“, hieß es in der Mitteilung vom 23. Juni. Weitere Angaben wurden seitdem nicht gemacht. Der 41-Jährige war schließlich an inneren Blutungen gestorben.

Tödliche Schüsse in Frankfurt-Griesheim: Schwetsern des Opfers noch immer fassungslos

Die drei Schwestern des getöteten Soner A. sind auch knapp drei Monate nach dem tragischen Ereignis noch immer fassungslos und versuchen verzweifelt, die Tat zu verstehen. Esma, die älteste der Schwestern, erfuhr nach persönlichen Gesprächen in der Nachbarschaft Details. Demnach war es keineswegs so, dass die Situation sofort nach Eintreffen der Streifenbesatzung eskalierte, wie sie bei einem Treffen mit der FR schildert. Vielmehr habe es ein mehrminütiges Gespräch an der Wohnungstür gegeben. Offenbar wollten die zwei Beamten und ihre Kollegin in die Wohnung des 41-Jährigen, um sich davon zu überzeugen, dass dort alles in Ordnung sei. Schwester Fatma schüttelt den Kopf: „Er war ein ängstlicher Mensch und die Wohnung sein Rückzugsgebiet, da hat er nicht mal uns reingelassen.“

Soner A. war im Viertel bekannt und beliebt, lebte aber ein zurückgezogenes Leben. Er war psychisch krank und litt seit seiner Jugend an einer Psychose, die er allerdings wieder in den Griff bekam. Er holte sein Abitur an der Abendschule nach und begann ein Maschinenbaustudium. Doch mit dem Prüfungsstress bekam er Rückfälle, die bis in die Gegenwart anhielten. Mitunter schrie er in Alpträumen oder führte tagsüber laute Selbstgespräche in der Wohnung. Eine Tatsache, die den Nachbarn offenbar zu seiner folgenreichen Fehleinschätzung einer möglichen Gefährdungslage verleitete.

Nachdem A. von mehreren Kugeln getroffen war, zog er sich in seine Wohnung zurück. Die Polizei wartete auf das Eintreffen des Spezialeinsatzkommandos Kassel (SEK) und riegelte den Bereich um die Erzberger Straße weiträumig ab.

Der Verkehr auf der unmittelbar an die Erzberger Straße grenzenden Bahnlinie wurde eingestellt, selbst am 200 Meter entfernten Bahnhof Griesheim standen mit Gewehren bewaffnete Polizeikräfte, um die Öffentlichkeit vor einem Mann zu schützen, der schwer verletzt in seiner Wohnung lag.

Tödliche Schüsse in Frankfurt-Griesheim: War der Einsatsz rechtswidrig?

Das SEK stürmte schließlich gewaltsam und fand Soner A. alleine in seiner Wohnung liegend. Die Sterbeurkunde weist als Todeszeitpunkt 14.15 Uhr aus, mehr als zweieinhalb Stunden nach den Schüssen. Schwester Esma ringt um Fassung: „Er ist langsam verblutet, das ist das, was uns verrückt macht.“ Das bestätigt auch Fatma: „Das Danach macht uns zu schaffen. Dass ihm Hilfe verweigert wurde und zuvor ein deeskalierender Eingriff der Polizei nicht stattgefunden hat.“

Die psychische Erkrankung von A. war aktenkundig. Esma berichtet, sowohl ein Polizist des Polizeipräsidiums Frankfurt als auch ein Beamter des Landeskriminalamts hätten ihr bestätigt, die psychische Erkrankung des Bruders sei ihnen bekannt. Doch dann hätte die Streife gar nicht ohne die Unterstützung des SEK oder eines Psychologen tätig werden dürfen.

Esma, die selbst einige Zeit als Betreuerin ihres Bruders eingesetzt war und als Lehrerin an einer Schule unweit des Tatorts unterrichtete, kann nicht verstehen, warum die Polizei nicht um Deeskalation bemüht war: „Hätte man mich angerufen, ich wäre in fünf bis sieben Minuten da gewesen.“

Tödliche Schüsse in Frankfurt-Griesheim: Die Staatsanwaltschaft schweigt

Die Polizei ging offenbar davon aus, dass Soner A. im Besitz von scharfen Waffen sei. Seine Schwestern bezweifeln das. „Dafür hat er gar nicht das Geld gehabt, wir haben ihn mit Lebensmitteln und Kleidung unterstützt“, so Fatma.

Die Staatsanwaltschaft hatte auch noch darauf hingewiesen, möglicherweise habe A. einer der Einsatzkräfte die Dienstwaffe entwendet. Doch dazu, oder ob in der Wohnung des Opfers wirklich scharfe Waffen gefunden wurden, schweigt sich die Staatsanwaltschaft bislang ebenso aus, wie zu der Frage, wer denn Schüsse abgegeben hat. Laut Angaben des Ermittlungsrichters soll gegen zwei der drei Einsatzkräfte ermittelt werden, demnach hat der dritte Beamte nicht geschossen. (Oliver Teutsch)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare