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Gastredner Thomas Karlauf redete Klartext.

20. Juli 1944

Erinnerung an das Hitler-Attentat: Gedenkstunde in der Paulskirche

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Zum 75. Jahrestag des Hitler-Attentats gibt es in der Paulskirche viele kritische Töne.

Am Ende blieben in der Paulskirche viele nachdenkliche Gesichter zurück. Zur Gedenkstunde an die Ereignisse des 20. Juli 1944 waren am 75. Jahrestag deutlich mehr Menschen gekommen als sonst, wie Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann in seiner Eröffnungsrede anmerkte. Was die mehreren Hundert Gäste danach zu hören bekamen, war sicher nicht das, was sie erwartet hatten.

Denn Gastredner Thomas Karlauf, der Anfang des Jahres eine umfangreiche Biografie über den Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg vorgelegt hatte, nahm den Anwesenden in der Paulskirche die Illusion, dass der Oberst der Wehrmacht und seine Verbündeten aus Gewissensgründen gehandelt hätten. „Die Motive der Offiziere waren andere als die, die einem heute zuerst einfallen“, begann Karlauf. Es habe sich trotz des Holocaust und der vielen anderen menschlichen Verbrechen nicht um einen „Aufstand des Gewissens“ gehandelt, sondern um Patriotismus und politische Vernunft. Dahinter habe die Absicht gestanden, nach Hitlers Tod und vor dem endgültigen militärischen Zusammenbruch auf Augenhöhe mit den Feinden verhandeln zu können.

„Doch von einem primär militärischen Motiv wollte nach dem Krieg niemand etwas wissen“, führte Karlauf weiter aus. So sei mit der Zeit jene „pathetische Lesart“ entstanden, damit sich im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik viele Bürger selbst ein bisschen als Widerstandskämpfer und „kleine Stauffenbergs“ hätten fühlen können. Für seine Argumentation führte Karlauf Kritiker jener Tage wie die Publizistin Hannah Arendt an: Die Kenntnis der Massenmorde habe den hohen Offizieren nicht mal einen Gewissenskonflikt bereitet. Oder Anne Frank, die nach dem gescheiterten Attentat in ihr Tagebuch schrieb, die Generäle hätten den Krieg wohl gründlich satt. Populärer wird Karlaufs Sicht auf den 20. Juli 1944 damit nicht.

„Vielleicht ist das dem ein oder anderen an diesem Tag zu wenig“, schloss Karlauf. Vielleicht hätte es aber manchem geholfen, wenn der Biograf erwähnt hätte, dass es neben dem Attentatsversuch der Offiziere ja auch viele zivile Widerstandskämpfer im Deutschen Reich gegeben hat. Stattdessen sagte Karlauf, der Kunstschreiner Georg Elser hätte für seinen Attentatsversuch auf Hitler im Bürgerbräukeller 1939 viel eher als Stauffenberg ein Gedenken verdient, weil seine Motive untadeliger gewesen seien. Als ob nur Bombenleger wahre Widerstandskämpfer seien.

Einer, der diese Zeit selbst miterlebt hat, kam am Ende nur mittels seines Instruments zu Gehör. Der 94-jährige Emil Mangelsdorff hat für seine Liebe zum Jazz zwei Wochen gesessen, am Samstag sorgte er mit seinem Saxofon für die nachdenklichen Töne, die zu den Gesichtern passten.

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