Gastbeitrag

„Es reicht uns noch lange nicht“

Frankfurt engagiert sich gegen Antisemiten, trotzdem stehen wir noch am Anfang. Wenn der 9. November zu einer Lehre gut ist, dann ihnen nicht das Feld zu überlassen. Meron Mendel und Peter Feldmann in einem Gastbeitrag.

Wenn wir heute an Frankfurt denken, sehen wir eine vielfältige, weltoffene Stadt, in der rechten Ausschreitungen entschieden entgegengetreten wird. Doch ist es erst ein Menschenalter her, dass in Frankfurt ganz andere Farben zu sehen waren.

Am Tag der Novemberpogrome, vor genau 82 Jahren, feierten die Nazis den 15. Jahrestag des Hitlerputsches. Flaggenschmuck und Aufmärsche bestimmten das Bild Frankfurts. In der Nacht dann: der Flammenschein brennender Synagogen, zerstörte Ladenfronten, Mobs in den Straßen.

Uniformierte SA- und SS-Männer, Gestapo und Polizei nahmen tags darauf jüdische Bürgerinnen und Bürger Frankfurts fest, inhaftierten sie in der Festhalle. Diese „Sammelaktion“ dauerte bis zum 12. November. Danach wurden sie – 2621 Personen – in Bussen zum Südbahnhof gebracht, von einem Mob mit Schlägen empfangen und von dort aus in das KZ Buchenwald deportiert. Ein Transport mit 243 weiteren Personen ging am 14. November ins KZ Dachau, der nächste am 16. November, diesmal mit 168 Personen. Währenddessen gab es einen Liederabend im Saalbau, einen Regierungsempfang im „Frankfurter Hof“, einen Galaabend im Palmengarten.

In den Scherben zerstörter jüdischer Geschäfte feierten die Nazis ihren Triumph. Aus subtiler Verachtung war offene Gewalt geworden. Widerstand erfuhren sie nahezu keinen. Mehr als zweieinhalbtausend Menschen verschleppt, zahlreiche Verletzte, zerstörte Existenzen – keiner schritt ein. Dabei fanden die Ausschreitungen in der Innenstadt Frankfurts statt.

Es gibt Menschen, die die Aufarbeitung der Vergangenheit für abgeschlossen halten. Sie müssen keine 180-Grad-Wende in der Geschichtspolitik fordern, die Nazizeit nicht „Vogelschiss“ der Geschichte nennen. Es reicht, dass sie innerlich mit den Schultern zucken, wenn das, was vor 82 Jahren geschah, zur Sprache kommt. Es reicht ihnen, wie man so sagt.

Weckruf, der nicht zu überhören war

Auch deswegen fangen wir gerade erst an. Uns reicht es nämlich noch lange nicht. Tatsächlich haben wir das Gefühl, dass jetzt erst das Gedenken praktisch wird, aus dem „nie wieder“ eine konkrete Handlungsaufforderung wird.

Vielleicht, weil wir mit Halle einen Weckruf hatten, der nicht zu überhören war. Der antisemitische Anschlag auf die Synagoge wurde nur durch eine Holztür nicht zu einem Massaker. Leider hat erst dieser Angriff vielen bewusst gemacht, wie virulent der Antisemitismus in Deutschland nach wie vor ist.

Dass auch nach Halle nicht genug und nicht schnell genug gehandelt wurde, zeigen jüngste Ereignisse, etwa das Attentat in Hamburg. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach Halle, am Laubhüttenfest. Ein jüdischer Student wird hinterrücks angegriffen, weil er Kippa trägt. Erst vergangene Woche versetzte ein islamistischer Attentäter die jüdische Community Wiens in Angst, als er unweit der Synagoge auf Menschen schoss, vier von ihnen tötete.

Während Jüdinnen und Juden in Deutschland sich mehr und mehr bedroht fühlen, konnten wir – auch in Frankfurt – den Eindruck gewinnen, dass Halle noch viel zu wenige Menschen aufgerüttelt hat.

Wer auf Demonstrationen entstellte Davidssterne verwendet, weil er sich an einfache Hygieneregeln halten soll, handelt antisemitisch. Wer Verschwörungstheorien über jüdische Unternehmer weiterträgt, handelt antisemitisch. Wer nicht gegen das Handeln einer israelischen Regierung protestieren kann, ohne sich „from the river to the sea“ ein freies Palästina – und damit die Auslöschung Israels – zu wünschen, handelt antisemitisch. Wer einem jüdischen Pianisten „Opferanspruchsideologie“ unterstellt, handelt antisemitisch. Dass so etwas nach Halle noch möglich ist, eher noch zunimmt, auch das zeigt uns: Wir stehen noch am Anfang.

Frankfurt ist auf vielfältige Weise engagiert gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit. Das neueröffnete Jüdische Museum blickt nicht nur in die Vergangenheit; schon jetzt greift es auf vielfältige Weise in die Gegenwart ein. Das Fritz-Bauer-Institut richtete 2017 zusammen mit dem Historischen Seminar der Goethe-Universität den Lehrstuhl zur Geschichte und Wirkung des Holocaust ein – der erste zu diesem Themenfeld in der Bundesrepublik Deutschland. Unsere jüdische Gemeinde ist ein aktiver und wichtiger Teil unserer Stadt. Es gibt die Initiative 9. November. Es gibt die Bildungsstätte Anne Frank, die Betroffene von rassistischer und antisemitischer Gewalt berät und auch in der Pandemie Hetze und antisemitischen Verschwörungserzählungen etwas entgegensetzt – nämlich Bildung und Aufklärung.

Mut machen auch die zehn Courage-Schulen in Frankfurt, deren Schülerinnen und Schüler sich aus Eigeninitiative gegen Rassismus verpflichten.

Es ist ein Anfang. Und doch ist es nur das: ein Anfang. Diejenigen, die unser Geschichtsbild neu justieren wollen, machen das schon jetzt. Sie besetzen die sozialen Medien, füllen sie mit Hass. Sie erobern Plattformen, deren Reichweiten die Propagandamaschinen der Nazis in den Schatten stellen. Wenn wir Gedenken wirklich praktisch werden lassen wollen, müssen wir hier ansetzen. Denn wenn der 9. November überhaupt zu einer Lehre gut ist, dann doch zu der, dass den Nazis hier endgültig das Feld überlassen wurde.

Wir haben heute den ermutigenden Impuls einer Jugend, die als politikverdrossen galt und nun so engagiert ist, dass es manchem schon wieder zu viel wird. Nehmen wir dieses Engagement an! Geben wir den jungen Menschen eine Öffentlichkeit.

Damit wir nicht für immer am Anfang stehen.

(Meron Mendel ist der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Peter Feldmann (SPD) ist der Oberbürgermeister Frankfurts.)

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