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Hartmut Schmidt, Vorsitzender der Frankfurter Initiative Stolpersteine, hilft auch beim Putzen der Steine.

Porträt

Erinnern statt vergessen

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Hartmut Schmidt unterstützt seit vielen Jahren die Initiative Stolperstein nicht nur mit seinen Kenntnissen in der Öffentlichkeitsarbeit.

Hartmut Schmidt geht in die Hocke. Er muss sich etwas anstrengen, um mit Lappen und Politur an die kleine Messingplatte im Boden zu kommen. Der 77-Jährige hat Probleme mit den Knien. Und doch bückt er sich, wackelt ein bisschen, schnaubt kurz und poliert. Es dauert nicht lange, bis die zehn mal zehn Zentimeter große Platte mit der Inschrift wieder glänzt. Langsam richtet sich Schmidt wieder auf und geht zur nächsten Platte. Schritt für Schritt, Stein für Stein.

2003 hat die Initiative Stolperstein begonnen, die kleinen Mahnmale des Künstlers Gunther Demnig in Frankfurt verlegen zu lassen. 1550 sind es inzwischen, Quader mit Messingplatte an der Oberseite, die an Opfer des Nationalsozialismus in Frankfurt erinnern. An deportierte Juden, Menschen im Widerstand, Homosexuelle, Zeugen Jehovas oder die sogenannten Asozialen – Menschen, die den Nazis nicht in den Kram passten, die krank waren oder obdachlos, Prostituierte, Wanderarbeiter. Zu finden sind die Steine im Gehweg vor der letzten freiwillig bewohnten Adresse der Deportierten.

Kerzen und Blumen am 9. November erinnern an die Pogrome.

Zweimal im Jahr ruft die Initiative Stolperstein zur Putzaktion auf. Am 9. und 10. November, zum Andenken an die Reichspogromnacht und am jüdischen Tag des Gedenkens an den Holocaust im Frühjahr. Die 15 bis 20 Mitglieder der Initiative wischen nicht alleine. An 700 Stellen in der Stadt liegen Steine, für 650 gibt es Putzpat:innen. Auch die Hausbewohner:innen beteiligen sich. Viele stellen auch Kerzen auf und legen Blumen ab.

Gedenken

Die Initiative Stolperstein verleiht Stolpersteinen in der Stadt frischen Glanz. Die Initiative sucht noch Putzpat:innen in Eckenheim, Griesheim, der Innenstadt, im Nordend, Ostend, Praunheim, Rödelheim, Sossenheim und Westend. www.stolpersteine-frankfurt.de

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt lädt ein zum gemeinsamen, digitalen Gedenken für Montag, 9. November, 18 Uhr. Der Link zum Stream wird auf https://jg-ffm.de sowie auf dem Facebook- und Instagramprofil der Gemeinde mitgeteilt. Die Gemeinde kooperiert mit March of the Living und lädt dazu ein, ein symbolisches Licht gegen Antisemitismus, Hass, Diskriminierung und Intoleranz auf https://kristallnacht.motl.org/de anzuzünden.

Die AG Geschichte und Erinnerung in Höchst verzichtet auf eine größere Gedenkveranstaltung mit Programm. In kleiner Gruppe wird sich am Standort der früheren Synagoge am Ettinghausenplatz ohne Musik und Glockengeläut getroffen.

Das Filmforum Höchst lädt für Dienstag, 10. November, ab 19 Uhr zur Konzertlesung mit dem Titel „In Auschwitz gab es keine Vögel“ ein. Anschließend gibt es ein Gespräch mit Autorin Monika Held und Musiker Gregor Praml, Eintritt sieben Euro, um 21 Uhr Wiederholung ohne Diskussion. Reservierung unter: E-Mail klaus-peter.roth.VHS@stadt-Frankfurt.de wird empfohlen.

Musikalische Andacht in der Frankfurter Diakonissenkirche, Cronstettenstraße 57-61, Montag, 9. November, 18 Uhr. Das Frankfurter Mara Ensemble spielt Kammermusik von Komponisten jüdischen und christlichen Glaubens. sky

In diesem November müssen die Rundgänge zu den Steinen wegen Corona ausfallen. Hartmut Schmidt seufzt. Er hat einen gewissen Gleichmut gegen die Unbill in der Welt entwickelt. Manche Menschen finden, Stolpersteine seien als Erinnerung nicht geeignet. Passanten würden sie mit Füßen treten oder Schlimmeres. Schmidt sieht das nicht so. In Frankfurt habe bislang noch niemand einen Stein beschädigt, beschmiert oder entfernt. Sie sind ein Angebot. Wer möchte, kann stehen bleiben und sie studieren. Wer nicht möchte, kann einfach weiter eilen.

Schmidt ist selbst oft genug in Eile gewesen. Als jüngstes von acht Geschwistern wächst er in einem Dorf in Bayrisch-Schwaben auf. Das Studium, Germanistik und Publizistik, zieht ihn 1966 nach Berlin. Bei den 68ern marschiert er vorne mit. Ist Maoist, Parteifunktionär. „Dann kam irgendwann die Frage, was man eigentlich so beruflich machen soll.“ Vieles bleibt ihm als Kommunist verschlossen, der öffentliche Dienst zum Beispiel. 1979 kommt er bei der evangelischen Kirche in Frankfurt in der Öffentlichkeitsarbeit unter, zwei Jahre später wechselt er zum Evangelischen Pressedienst (epd).

Von Revoluzzer zum Protestanten. „Das war kein großer Schritt“, sagt Schmidt. Immerhin wächst er in christlichem Milieu auf. Sein Vater ist der Pfarrer im Dorf, ein kritischer Geist, auch zur NS-Zeit. Zwar wird er Mitglied bei den Deutschen Christen, dem Verband der Nazis, bleibt aber subversiv gegen den Führer. Schmidt junior trägt einen entsprechenden Vermerk in seiner Geburtsurkunde.

„Früher war es Sitte, dass der jeweilige König oder Führer des Landes die Patenschaft für den siebten Sohn übernimmt“, erzählt er launig. Bei Hartmut Schmidt hat Hitler verzichtet. „Die Gesinnung meines Vaters hat ihm nicht gepasst.“ Schmidt senior verdankt es der schützenden Hand des Gauleiters, dass er die NS-Zeit unbeschadet übersteht.

Die Stolpersteine lernt Hartmut Schmidt als Journalist für den Evangelischen Pressedienst kennen. Er ist sofort fasziniert. „Die 68er haben sich mit dem Thema eigentlich gar nicht befasst“, sagt er heute. Emanzipation von kapitalistischer Ausbeutung war das Ziel, ja auch die Entnazifizierung der Gesellschaft. „Aber an den Schicksalen der Menschen war man gar nicht interessiert“, sagt Schmidt.

Und dann hat er sie plötzlich vor sich liegen. Kleine Steine mit Namen, Daten, Schicksalen. Alleine in seine Straße im Norden liegen 17 Stolpersteine. Schmidt tritt der Initiative bei. Er denkt da gar nicht lange drüber nach. Und weil er der Einzige ist, „der mit einem Computer umgehen“ kann, noch dazu Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit hat, ist er schnell der Koordinator des Ganzen.

Fasziniert von einer Idee

Die Arbeit „ist ein wichtiges Stück Erinnerungskultur“, sagt Schmidt. Darum ist es der Initiative wichtig, dass Pat:innen die Steine finanzieren. Viele Nachkommen bieten an, die Kosten zu übernehmen, 120 Euro. Das konnten die Frankfurter bislang immer rigoros ablehnen. „Es soll ein bürgerschaftliches Engagement sein.“

Der Kontakt zu den Nachkommen sei auch immer sehr bewegend. Zur Verlegung oder Enthüllung der Steine reisen sie an, meist aus Israel oder den USA. Es gibt Abende der Begegnung zwischen Pat:innen und Nachkommen. Auch das hat Corona 2020 verhindert. Schmidt und Mitstreiter:innen überlegen nun, die Enthüllungen per Livestream ins Internet zu übertragen. Es muss ja weitergehen.

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