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Frankfurt: Er flog noch niemals nach New York

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Von: Stefan Behr

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Fliegt er oder fliegt er nicht? Ralf W. muss sich zu der Frage vor Gericht verantworten.
Fliegt er oder fliegt er nicht? Ralf W. muss sich zu der Frage vor Gericht verantworten. © Michael Schick

Prozess gegen falschen Piloten und echten Betrüger, der seit seiner Jugend auch nur sehr selten richtig frei war.

Piloten, so behauptet es zumindest das „Fliegerlied“, sei nichts verboten. Das reimt sich zwar, ist aber formaljuristisch nicht ganz korrekt. Und außerdem ist Ralf W. gar kein Pilot. Die Menschen fliegen nicht mit ihm, sondern auf ihn. Der 56-Jährige, der gut die Hälfte seiner Lebenszeit im Gefängnis gesessen hat, ist ein notorischer Betrüger und Dieb, ein Gauner, wie er im Buche steht. Oder im Film zu sehen ist, etwa in Steven Spielbergs „Catch Me If You Can“.

Wie dort Leonardo DiCaprio trägt Ralf W. im echten Leben eine Pilotenuniform, um andere aufs Kreuz zu legen. Seine Jagdreviere sind Flughäfen und Hotelbars. Er trägt eine selbst geschneiderte, recht echt wirkende Pilotenuniform und hat sich einen Facebook- und einen E-Mail-Account angelegt, die die Scharade untermauern.

Seit Donnerstag sitzt W. mal wieder in seinem eigentlichen Cockpit, nämlich auf der Anklagebank, diesmal der des Frankfurter Landgerichts. Dreizehn Taten umfasst die Anklage, die W. von Ende Mai 2020 bis Mitte Januar 2021 in Frankfurt begangen haben soll, statt wie vereinbart seinen Bewährungshelfer aufzusuchen und sich redlich zu nähren. Seine Masche ist immer dieselbe. Der falsche Pilot kommt mit Fremden ins Gespräch. Irgendwann erwähnt er, dass er als Pilot Tickets auch für andere zu Schleuderpreisen oder gar für lau erstehen könne. Fast alle beißen an. Bestenfalls verlieren sie ihre Handys, die W. sich kurz „ausleiht“, um die Tickets zu ordern. Meistens wird aber noch eine kleine „Gebühr“ fällig, die er selbst als Pilot zahlen müsse.

Manchmal trinkt W. mit seinen Opfern einfach nur in Flughafenkneipen, bis die irgendwann mal auf die Toilette müssen und den vermeintlichen Piloten bitten, kurz auf ihr Gepäck aufzupassen, mit dem dieser dann zuverlässig mit unbekannter Destination entfleucht.

Meistens setzt W. auf die Schnäppchenmentalität seiner Opfer - er wartet, bis sie selbst auf den Ticketkauf zu sprechen kommen. Manchmal nutzt er aber auch die Verzweiflung der Menschen aus. So etwa in einem jetzt angeklagten Fall: Ein desperater Afghane, der vergebens versucht, das Geheimnis der RMV-Ticketautomaten zu enträtseln, wendet sich an den Piloten. Der hilft beim Ticketkauf, dreht ihm anschließend einen angeblichen Billigflug nach Kabul und eine fachkundige Führung zu den Sehenswürdigkeiten Frankfurts an. Als der Afghane kurz einen Corona-Test machen will, passt W. auf seine Habseligkeiten auf - mit dem üblichen Endergebnis.

Im Januar 2021 aber gerät W. an die Unrechten. In einem Hotel schwätzt er zwei Gästen und einem Angestellten drei Tickets nach New York, Business Class, zu je 150 Euro auf. Letzte Zweifel zerstreut der Hotelangestellte: Der Fremde habe ihm Schokolade geschenkt, die er im Duty-Free-Shop gekauft habe, also müsse er wohl ein echter Pilot sein.

Die drei zahlen, aber in einem keimt über Nacht doch die Saat des Zweifels. Er checkt im Internet die echten Lufthansauniformen und findet kleine, aber feine Unterschiede. Er ruft beim Lufthansaservice an und erfährt, dass lediglich eine Reservierung auf seinen Namen vorliege, zahlen müsse er am Ticketschalter. Er informiert die beiden anderen, das Trio beschließt, den Missetäter beim Check-out in der Hotellobby zu stellen. Doch W. ist schlau genug, um 5 Uhr morgens via Feuertreppe auszuchecken.

Dann aber wird er Opfer seiner eigenen Schnäppchenmentalität. Einem der Betrogenen hatte er seine Handynummer gegeben. Der ruft ihn an und sagt, einer seiner Freunde würde gerne noch ein Ticket kaufen. W. lässt sich darauf ein. Als er sich mit dem vermeintlichen Kunden am Zoo trifft, ruft dieser die Polizei. Bevor die eintrifft, kassiert W. allerdings noch eine Tracht Prügel, die er bis heute in unguter Erinnerung hat.

Der Prozess wird fortgesetzt. Zu Beginn hatte W.s Verteidiger der Kammer noch einen Deal angeboten: ein „reuevolles Geständnis“ seines Mandanten, ein daraus resultierender Verzicht auf aus aller Welt geladene Zeugen und ein kurzer Prozess gegen eine milde Strafe und die sofortige Aufhebung des Haftbefehls. Doch die Kammer ahnt, dass von W. ein Freiflug auf die Seychellen leichter zu bekommen wäre als Reue.

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