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Frankfurt entdeckt die Bildhauerin Christa von Schnitzler neu

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Von: Andreas Hartmann

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Eine Ausstellung von Skulpturen der Frankfurter Künstlerin Christa von Schnitzler ist bis Ende April 2023 im Institut für Stadtgeschichte im Frankfurter Karmeliterkloster zu sehen. Bild: Renate Hoyer
Eine Ausstellung von Skulpturen der Frankfurter Künstlerin Christa von Schnitzler ist bis Ende April 2023 im Institut für Stadtgeschichte im Frankfurter Karmeliterkloster zu sehen. Bild: Renate Hoyer © Renate Hoyer

Skulpturen der Künstlerin Christa von Schnitzler sind selten öffentlich ausgestellt - jetzt bietet sich die Chance, ihr Werk im Frankfurter Karmeliterkloster zu sehen

Die meisten Menschen, die durch die Frankfurter Sandgasse schlendern, werden die drei dort aufgestellten, etwas verloren wirkenden Skulpturen wohl übersehen. Die wenig begangene Fußgängerzone zwischen Friedrich-Stoltze-Platz und Paulskirche ist kein besonders schöner Ort für Kunst, die hier etwas von Innenstadtmöblierung hat.

Dabei würde es sich durchaus lohnen, einmal vor der schlanken Bronzestele in der Mitte stehen zu bleiben und das zu machen, was im Museum strengstens verboten wäre: Hier darf man die glatte, kühle Oberfläche der ganz entfernt noch an eine menschliche Figur erinnernden Stele streicheln, man kann sie von allen Seiten ansehen, immer mal wiederkommen und das wechselnde Licht und Wetter auf dem edlen Material beobachten.

Man wird hier beim Betrachten wohl fast immer alleine sein, denn die Frankfurter Künstlerin, die diese Arbeit 1978 schuf, ist heute kaum noch bekannt – die Stele in der Sandgasse war bisher das einzige in der Stadt öffentlich ausgestellte Werk der Bildhauerin Christa von Schnitzler, die am 13. Juli 100 Jahre alt geworden wäre. „Sie gehört zu den wichtigsten Bildhauerinnen der zeitgenössischen Kunst“, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig zur Eröffnung der wohl ersten wirklich umfassenden Ausstellung „Mit Köpfen und Körpern“, die sich dem Werk widmet, und die in den kommenden Monaten bis zum 30. April 2023 im stimmungsvollen Kreuzgang des Frankfurter Karmeliterklosters zu sehen ist.

„Wir freuen uns sehr, dass wir Skulpturen aus ihren wichtigsten Werkgruppen präsentieren können“, sagt Franziska Kiermeier, kommissarische Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte. Ob man hier von einer Wiederentdeckung der hervorragenden Bildhauerin sprechen kann? Es ist wohl eher eine große Entdeckung, die Kuratorin Claudia Olbrych im Auftrag des Instituts für Stadtgeschichte mit ihrer Ausstellung gemacht hat, trotz der wichtigen Ausstellungen und renommierten Preise, die die Bildhauerin im Lauf ihres Lebens bekam.

Noch ganz kurz vor ihrem Tod im Juni 2003 erhielt Christa von Schnitzler die Goetheplakette der Stadt Frankfurt zugesprochen. Verliehen werden konnte ihr die Auszeichnung nur noch posthum. Von Schnitzler sei eng mit Frankfurt verbunden gewesen, wo sie in den 1940er Jahren an der Städelschule in der Bildhauerklasse von Toni Stadler studierte, sagt Hartwig, und habe das kulturelle und künstlerische Leben der Stadt seit den 1960er Jahren mitgeprägt.

Eine Ausstellung zum 100. Geburtstag

Das Leben der Bildhauerin Christa von Schnitzler, am 12. Juli 1922 in Köln geboren und am 28. Juni 2003 in Frankfurt gestorben, ist eng mit der Stadt verbunden. Die Künstlerin stammte aus einer wohlhabenden, kulturaffinen Bankiersfamilie und wuchs in Rom, Paris, England und den Niederlanden auf.

Von 1942 bis 1944 studierte sie an der Frankfurter Städelschule bei Prof. Toni Stadler, wo sie auch ihren Mann, den Bildhauer Michael Croissant kennenlernte. Beide folgten ihrem Dozenten an die Münchner Akademie.

Als ihr Mann 1966 eine Professur an der Städelschule erhielt, kehrte das Paar nach Frankfurt zurück. Hier kam es zur Trennung, Croissant zog weg, von Schnitzler blieb in Frankfurt und teilte sich in Sachsenhausen ein Atelier mit der Künstlerkollegin Gisela Nietmann. 1995 erhielt von Schnitzler den Maria-Sibylla-Merian-Preis des Landes Hessen, 2003 posthum die Goetheplakette der Stadt Frankfurt. Begraben ist sie in Bad Münstereifel.

Zugänglich ist die Ausstellung „Mit Köpfen und Körpern. Christa von Schnitzler zum 100. Geburtstag“ im Kreuzgang des Frankfurter Karmeliterklosters (Institut für Stadtgeschichte), Münzgasse 9, noch bis zum 30. April 2023 täglich von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. aph

Vielleicht war die Künstlerin zurückhaltender als ihre männlichen Kollegen? Das mag ein Grund dafür sein, dass Christa von Schnitzler nicht bekannter wurde. Das ikonische Bild der Fotografin Maren Eggert von 1979, das für die Ausstellung wirbt, zeigt die Bildhauerin jedenfalls in ihrem Atelier in der Textorstraße bescheiden in der Ecke stehend und fast verborgen hinter einem Wald ihrer Skulpturen. Sie habe einmal in einem Interview gesagt, sie sehe ihre sehr abstrakten Figuren als weiblich an, berichtet Olbrych.

Vielleicht ist die Denkmalinstallation der drei Figuren in der Sandgasse Zufall, vielleicht auch nicht: Da steht das Werk der Christa von Schnitzler ganz schlank und bescheiden im Schatten zwischen den ungleich größeren von Ehemann Michael Croissant und dem Bildhauer Hans Steinbrenner, einem künstlerischen Weggefährten. Alle drei waren sie Schüler des Städel-Professors Toni Stadler, von dem der Marshallbrunnen in der Taunusanlage stammt. Die Männer Stadler, Steinbrenner und Croissant sind allerdings weitaus bekannter geworden. Bis heute gebe es nur wenige Frauen in den Bildhauerklassen der Kunstakademien, sagt Kuratorin Olbrych.

Vielleicht ist es aber auch zu ungerecht, vom Vergessen und Wiederentdecken zu sprechen. Denn die Erinnerung an Christa von Schnitzler ist noch höchst lebendig. Sie habe sich sehr gefreut, wie viele Sammlerinnen und Sammler sich doch bis heute für das Werk der Bildhauerin begeistern könnten, erzählt die Kuratorin. Auch habe sie bei ihren Forschungen viele Menschen kennengelernt, die von interessanten Begegnungen mit von Schnitzler berichten konnten. Und schließlich trennen sich die Leihgeber:innen der Ausstellung für fast ein Jahr von ihren Bronze- und Holzfiguren, das spricht schon von einer Begeisterung für dieses Werk, die man teilen möchte.

Ein Besuch der Ausstellung im ehemaligen Kreuzgang des Karmeliterklosters – der Eintritt ist übrigens frei – lohnt sich wegen der vielen sonst unzugänglichen Leihgaben. Man sollte Zeit und Muße mitbringen, vielleicht auch noch einmal zu einer anderen Tageszeit, bei einem anderen Licht wiederkommen, das sich auf den ganz unterschiedlich patinierten oder lackierten Oberflächen aus Bronze oder Eisen spiegelt oder vom matten Holz verschluckt wird. Neben den Stelen sind auch einige der wolken- oder vogelartigen abstrakten Objekte ausgestellt.

Es ist eine stille Schau mit sorgfältig gearbeiteten Stücken, die man am liebsten streicheln würde (das kann man ja ganz ungeniert in der Sandgasse). Der sehr schöne Werkkatalog Olbrychs, der zur Ausstellung erschienen ist, macht neugierig auf mehr. Im Karmeliterkloster sind nur große Skulpturen ausgestellt, im Katalog hat die Kuratorin auch viele faszinierende Kleinplastiken und Zeichnungen abgebildet.

Es wäre schön, wenn künftig mehr von Christa von Schnitzler öffentlich zugänglich wäre. Sie habe da durchaus Hoffnung, sagt Kiermeier mit einem Lächeln. Die Künstlerin wäre übrigens durchaus auch eine Kandidatin für einen neuen Straßennamen. Bisher steht sie noch nicht auf der Liste des Stadtplanungsamts. Die kann aber von Bürgerinnen und Bürgern ergänzt werden.

Stelen und Torsi Christa von Schnitzlers im historischen Kreuzgang des Karmeliterklosters. Bild: Renate Hoyer
Stelen und Torsi Christa von Schnitzlers im historischen Kreuzgang des Karmeliterklosters. Bild: Renate Hoyer © Renate Hoyer

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