„Spaziergang in Schwarzweiß“
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„Spaziergang in Schwarzweiß" muss nach rassistichen Angriffen verschoben werden.

Theaterperipherie Frankfurt

Rassistische Attacken auf Ensemble in Frankfurt - Schwarze Schauspieler bedroht und beleidigt

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Nach rassistischen Pöbeleien und Drohungen gegen schwarze Schauspieler startet die Theaterperipherie Frankfurt die Saison mit einem Gespräch über den Vorfall.

  • Die Theaterperipherie Frankfurt probt im Gallusviertel das Stück „(K)ein Spaziergang in Schwarzweiß“
  • In der Frankenallee wird das Ensemble mehrfach rassistisch attackiert
  • Das antirassistische Stück muss verschoben werden

Eigentlich hätte der „Spaziergang in Schwarzweiß“ auf dem Grünstreifen der Frankenallee im Gallusviertel Premiere haben sollen. Geplant war er für das Performance-Festival „Implantieren 2020“, das an diesem Wochenende endet. Doch das antirassistische Stück wurde verschoben. Wegen rassistischer Attacken auf das Ensemble während der Proben. Die schwarzen Teammitglieder waren angepöbelt und sogar angespuckt worden.

„Moved. Bewegt. Déplacé. (K)ein Spaziergang in Schwarzweiß“ lautet der volle Titel der Performance von Mirrianne Mahn und Hannah Schassner, einer Produktion der freien Frankfurter Bühne Theaterperipherie. Die Klammer ist mittlerweile obsolet, das Ensemble selbst entschied am Tag vor der Erstaufführung am 21. August, sämtliche Vorstellungen abzusagen. „Wir können kein antirassistisches Stück spielen, wenn das Team noch dabei ist, sich mit rassistischen Angriffen auseinanderzusetzen“, sagt Regisseurin Mahn.

Rassismus in Frankfurt: Attacke auf Theaterensemble

Eigentlich hätte das Stück am Sonntag auch die neue Spielzeit der Theaterperipherie eröffnen sollen. Stattdessen wird nun eine Art Trailershow gezeigt, in der die Stücke der Saison kurz vorgestellt werden. Das Bewegt-Ensemble wird aber dabei sein und von den Vorfällen berichten. Es hat sich entschieden, das Stück umzuinszenieren und es am 27. September im Titania uraufzuführen. „Wir müssen einbringen, was uns da passiert ist.“

Neue Saison

Mit der Auftaktveranstaltung „Yallah“ eröffnet die Theaterperipherie Frankfurt im Titania, Basaltstraße 23, am Sonntag, 6. September, 17 Uhr, die neue Spielzeit. Der Eintritt ist frei.

Als erstes Stück steht am 20. September eine Wiederaufnahme an: „Sieht man was? Ein Stück über Periode“.

„Moved. Bewegt. Déplacé. (K)ein Spaziergang in Schwarzweiß“ ist für Sonntag, 27. September, geplant.

Weitere Premieren gibt es am 22. Oktober, 19.30 Uhr, mit „Beshir im Blätterland“ und am 21. November mit dem zweiten Teil der „Supergrrrls“. myk www.theaterperipherie.de

„Es ist ein Verlust, dass das Stück nicht auf der ‚Implantieren‘ gezeigt werden konnte“, sagt Ute Bansemir, die Leiterin der Theaterperipherie. Gerade in dieser Zeit, in der Bewegung und Miteinander eine so besondere Rolle spielten. Doch offenbar sei der öffentliche Raum nicht für alle Menschen gleichermaßen da und Kunst darin nicht für alle möglich, sagt Mirrianne Mahn bitter. Das sei ihr leider wieder einmal bewusst geworden.

Rassismus in Frankfurt: Passanten beleidigen und spucken auf Ensemble

Während der Proben auf der Frankenallee waren die drei schwarzen Mitglieder des sechsköpfigen Ensembles wiederholt von Passanten beleidigt und an ihrer Arbeit gehindert worden. „Uns wurden Affenlaute nachgerufen, unser schwarzer Schauspieler wurde mit Gehstöcken bedroht.“ Beim letzten Probendurchlauf war es dem Team dann endgültig zu viel. Zwei weiße Männer, schildert Mahn, spuckten zunächst den beiden schwarzen Künstlern vor die Füße und dann ihr „direkt ins Gesicht“. Die Polizei kam, es wurde Anzeige erstattet.

Die Absage des „Spaziergangs in Schwarzweiß“ sei vor allem als „Statement“ zu verstehen, um deutlich zu machen, dass es nicht um einen Einzelfall gehe, sagt Mahn. „Der Rassismus, den wir im öffentlichen Raum erleben, findet jeden Tag statt.“ Mit dem alltäglichen Rassismus beschäftigt sich die 2008 gegründete Theaterperipherie seit Langem. Kurz nach dem rassistischen Anschlag in Hanau im Februar stand das Stück „Issa versus Illegal“ auf dem Plan, Hauptdarstellerin Mirrianne Mahn stellte in der Aufführung spontan Bezüge zu den aktuellen Ereignissen her. Dann kam der Lockdown.

Rassismus in Frankfurt: Stück „Spaziergang in Schwarzweiß“ verschoben

Neben dem Austüfteln eines Hygiene- und Abstandskonzeptes – statt 100 Zuschauern finden nur 25 im Titania Platz – „haben wir in den vergangnen Monaten viel über Rassismus gesprochen, vor allem über Rassismus aus der Perspektive der Betroffenen“, sagt Theaterleiterin Bansemir. Dabei seien die verschiedenen Formen und Facetten deutlich geworden: „Schwarze Menschen erleben einen anderen Rassismus als etwa Muslime.“ Doch Einschränkungen der Teilhabe am öffentlichen Leben seien für sie alle schon vor Corona präsent gewesen. „Wer täglich Diskrimminerung erfährt, denkt ganz anders über Abstände nach.“ Das Material, das während des Lockdowns entstand, soll zu einem Projekt gebündelt und auf die Bühne gebracht werden, wohl mit demselben Titel, unter dem der Auftakt steht: „Yallah!“ – Auf geht’s.

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