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Frankfurt: Engpässe bei Notschlafplätzen

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Von: Clemens Dörrenberg

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Um Kälte und Nässe zu entfliehen, zieht es Obdachlose auch in den Flughafen, wie hier im Terminal 1.
Um Kälte und Nässe zu entfliehen, zieht es Obdachlose auch in den Flughafen, wie hier im Terminal 1. © ROLF OESER

Hilfseinrichtungen für Wohnungs- und Obdachlose berichten von angespannter Lage während anhaltender Pandemie.

Beide Flügeltüren, die zum Weißfrauen-Tagestreff führen, sind am Mittag weit geöffnet. Angenehm warm ist es in dem Tagestreff für Obdach- und Wohnungslose in der Gutleutstraße trotzdem. Eine kleine, grün leuchtende „CO2-Ampel“ in der Mitte des großen Saales direkt unter der Weißfrauenkirche zeigt an, wann zum Schutz vor Corona auch die großen Fenster gegenüber dem Eingang zum Durchlüften geöffnet werden müssen. Das erzählt Jürgen Mühlfeld, der Leiter des Diakoniezentrums Weser5 im Bahnhofsviertel, zu dem der Tagestreff gehört.

Zum Mittagessen gibt es Fleischkäse und Bratkartoffeln. An kleinen Tischen, dort durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt, wo sie eng zusammengerückt sind, wird still gegessen. Einige Besucher haben große Rollkoffer oder Rucksäcke dicht neben sich abgestellt. Andere tragen nichts außer ihrer Kleidung bei sich.

Auf der Bühne des ehemaligen Kirchenraums, im abgedunkelten Teil des Tagestreffs, liegen vereinzelt Menschen auf dem Boden. Obwohl der Speisesaal erst am Abend als „Winternotübernachtung“ dient, werden die Schlafenden bis zum Ende des Mittagessens um 13 Uhr in Ruhe gelassen. Andere haben ihre Köpfe in den Ellenbogenbeugen auf den Tischen abgelegt und dösen. Eine Frau mit Kapuzenpulli, deren Hund mit Maulkorb unter dem Tisch liegt, hat Kopf und Arm auf die Heizung an der Wand gedrückt. „Wenn die Leute draußen schlafen, sind sie nicht geschützt“, sagt Mühlfeld. Deshalb versuchten sie, die kaum erholsame Zeit in der Nacht nach dem Mittagessen etwas auszugleichen. „Nachts werden auch Flaschen gesammelt.“

Die 36 stationären Plätze sowie die acht Notschlafplätze in der Weser5 seien derzeit belegt. „Da gibt es kaum Luft“, sagt der Leiter.

Michael G. würde gerne in einem der Einzelzimmer in der Weserstraße unterkommen. Seit zwei Monaten sei er ohne Dach über dem Kopf, berichtet der Mann, der den Parka zum Essen angelassen und die Mütze tief ins Gesicht gezogen hat. „Ich habe nie gedacht, dass ich mal obdachlos werde“, sagt der 58-Jährige, ein studierter Elektrotechniker, der nach längerer Krankheit erst den Job und dann die Wohnung verloren habe. Als „erschreckend neue Erfahrung“, bezeichnet er die vergangenen beiden Monate. In der B-Ebene am Eschenheimer Tor habe er die letzten Nächte verbracht. Die Stadt bietet auf dem Boden der U-Bahn-Station 150 Schlafplätze zur Notübernachtung an. Trocken sei es dort zwar, aber nicht warm. „Die U-Bahn funktioniert wie eine Luftpumpe“, sagt G. „Von der einen Seite drückt es, von der anderen Seite zieht es.“

„Die Straßensozialarbeiter:innen haben sehr viel zu tun“, sagt Weser5-Leiter Mühlfeld. Nach fast zwei Jahren Pandemie gebe es zwar Routinen. „Durch Omikron ist aber wieder ein gewisser Druck entstanden, weil Ansteckungen schneller vonstattengehen.“

Seine Mitarbeiter:innen seien „sehr angespannt“. Denn psychische Erkrankungen bei auf der Straße lebenden Menschen hätten zugenommen. Und wer sich nicht an Abstandsregeln und Maskenpflicht halte, werde nicht in Hilfseinrichtungen gelassen. Auch vor der Weißfrauenkirche wird in einem Pavillon der Einlass kontrolliert. „Es ist ein Dilemma beim Tagestreff, dass wir die Gäste schützen müssen, aber diejenigen, die die größte Hilfe benötigen, häufig keinen Zutritt erhalten, weil sie die Regeln nicht einhalten können“, sagt Sozialpädagoge Mühlfeld. „Neben psychischen haben auch körperliche Probleme zugenommen“, fügt er hinzu. Mangelhafte Körperpflege etwa führe zu schweren Fußerkrankungen, außerdem nähmen Atembeschwerden zu, die nicht mit Corona in Verbindung stünden.

Die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas in der Klingerstraße musste seit Anfang des Monats rund 300 Menschen behandeln. Laut Leiterin Maria Götzens zählten neben Knochenbrüchen und äußeren Verletzungen vor allem Erkältungskrankheiten sowie Corona-Verdachtsfälle dazu. „Im positiven Fall haben diese zur Vermittlung in eine Quarantäneeinrichtung für wohnungslose Menschen oder ins Krankenhaus geführt, um die weitere Diagnostik beziehungsweise Behandlung zu gewährleisten.“

Bei der Stadt sind die Zahlen bekannt. „Die Zeit ist für Helfende wie obdachlose Menschen anstrengend, und die andauernde Pandemie macht es nicht einfacher, gerade psychisch belastete Menschen zu erreichen und zu überzeugen, Hilfe anzunehmen“, sagt Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne). „Wir sind als Stadt mit den Trägern unserer Hilfen in regem Austausch, um die Menschen bestmöglich zu versorgen.“

Einer der Träger ist der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, Betreiber des Kältebusses. Rund 120 Kilometer fahre der Bus pro Nacht durch das gesamte Stadtgebiet und versorge Draußenschlafende mit Decken sowie Schlafsäcken und prüfe deren Gesundheitszustand, berichtet die stellvertretende Geschäftsführerin Christine Heinrichs. „In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurden 56 Personen angetroffen“, sagt Heinrichs. Das seien 20 weniger als am selben Tag im Vorjahr und spiegele die Zwischenbilanz des gesamten Winters wider. In der Übernachtungsmöglichkeit am Eschenheimer Tor, die der Verein ebenfalls betreibt, hätten in der Nacht zuvor 143 Personen übernachtet. „Die Lage ist dynamisch, und die Einsätze sind für die Mitarbeiter in der anhaltenden Pandemie anstrengender geworden“, sagt Heinrichs. Die Mitarbeiter:innen des Kältebusses, jederzeit unter 069/431 414 erreichbar, seien auf Hinweise der Bevölkerung angewiesen.

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