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Frankfurt empfängt die Gewinnerinnen eines verlorenen Spiels

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Von: Jana Ballweber

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Sportdezernent Mike Josef begrüßt die Fußball Vize-Europameisterinnen beim Empfang im Kaisersaal des Römers.
Sportdezernent Mike Josef begrüßt die Fußball Vize-Europameisterinnen beim Empfang im Kaisersaal des Römers. © Renate Hoyer

Im Finale in Wembley konnte die DFB-Elf nicht siegen. Für Frankfurt spielt das keine Rolle. Auf dem Römer feiern tausende Fans ihre Vize-Europameisterinnen trotzdem.

Sie haben ihn schon einmal ausgelassener getanzt, den „Cotton Eye Joe“. Nach dem gewonnenen Viertelfinale gegen Österreich in der Kabine zum Beispiel. Und doch wird zumindest der Haus-Statiker des Frankfurter Römers dankbar sein, dass es nicht ganz gereicht hat für die DFB-Frauen, im EM-Finale in Wembley, gegen kämpferische Engländerinnen. Denn wie wäre der Tanz wohl ausgefallen, wenn sie als Siegerinnen gekommen wären? Völlig unklar, ob das Rathaus dann noch einen Balkon gehabt hätte. Als Vize-Europameisterinnen sind sie nach Frankfurt heimgekehrt. Und feierten gestern trotzdem – oder gerade deswegen – mit tausenden deutschen Fans das, was ihnen in den letzten dreieinhalb Wochen gelungen ist.

„Danke, dass ihr die Werte des Fußballs, so wie wir alle ihn lieben, bei dieser EM so auf den Platz gebracht habt“, sagt Sportdezernent Mike Josef beim Empfang im Kaisersaal am Montagnachmittag. Kampfgeist, Teamgeist, Fair Play, Witz, die legendären Pressekonferenzen: All das mache die deutschen Nationalspielerinnen trotz des einen verlorenen Spiels zu Gewinnerinnen. „Wir sind stolz auf euch!“, sagt Josef außerdem. Er hoffe inständig, dass es gelinge, den Grundstein, den diese EM gelegt habe, für die nächsten Jahre mitzunehmen, so Josef. Als Sinnbild dafür stehe für ihn Lena Oberdorf, die in London mit ihren 20 Jahren als beste junge Spielerin des Turniers ausgezeichnet wurde.

Als Josef Oberdorf erwähnt, klatschen nicht nur die Besucher:innen im Kaisersaal. Auch ihre Mitspielerinnen steigen in den Jubel mit ein. Die Szene steht sinnbildlich für das, was auch die Anhänger:innen auf dem Platz vor dem Rathaus zu Fans dieser Mannschaft gemacht hat.

Johannes sagt von sich selbst, dass er ein klassischer Nationalmannschaftsfan sei: „Ich schaue jetzt nicht ständig Bundesliga, aber wenn WM oder EM ist, bin ich immer gerne dabei. Ob Männer oder Frauen ist mir total egal.“ Fan der DFB-Frauen sei er seit der Europameisterschaft 2013. Doch noch nie habe eine deutsche Auswahl ihn so mitgerissen wie das Team um Kapitänin Alexandra Popp: „Wie die gespielt haben, war einfach richtig stark. Schnell, trickreich, mit enorm viel Kampfgeist.“ Ballgewinne, bei denen drei Spielerinnen sich zusammengetan hatten, um der Gegnerin das Spielgerät abzuluchsen, hätten für ihn den Unterschied gemacht, berichtet der 20-Jährige.

Dem können drei Damen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen nur zustimmen. Etwas unausgeschlafen sei man, berichtet Susanne Breit. Immerhin ist die Gruppe um fünf Uhr morgens von Nordrhein-Westfalen aus losgefahren, um sich pünktlich um kurz nach acht die besten Plätze auf dem Römer zu sichern. Doch die Feier wollten sie sich nicht entgehen lassen, nachdem sie das gesamte Turnier über so mitgefiebert haben. Dass das Finale so knapp verloren gegangen sei, fanden die drei nicht schlimm: „Warum sollte das Team nur hier stehen dürfen, wenn sie den ersten Platz erreicht haben? Die Leistung war so besonders, Vize-Europameisterinnen zu sein, darauf sollten die Spielerinnen sehr stolz sein“, meint Breit.

Ganz so einfach sei es für die Mannschaft nicht gewesen, erzählt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg: „Wir haben gestern sehr gelitten. Überall stand, dass wir ‚Siegerinnen der Herzen‘ sind. Das wollten wir nicht werden. Wir wollten Europameister werden.“ Die Trainerin appellierte, dem Team etwas Zeit zu geben, mit dem Erlebten umzugehen, um einordnen zu können, was im Turnier passiert ist.

Und tatsächlich könnten die Mienen der deutschen Fußballerinnen beim Empfang im Kaisersaal fröhlicher sein, an diesem Montagnachmittag. Wer will es ihnen verdenken? Das verlorene Finale ist noch keine 24 Stunden her. Doch DFB-Präsident Bernd Neuendorf scheint in seiner Ansprache vor Medienvertreter:innen und Gästen schon zu ahnen, welchen Verlauf die Feier noch nehmen wird: „Vor dem Turnier haben wir immer gesagt, dass wir mehr Sichtbarkeit für den Frauenfußball brauchen. Heute sage ich: Mehr als das, was wir da draußen auf dem Platz erleben, geht nicht.“ Neuendorf wird recht behalten. Denn als der offizielle Teil abgeschlossen ist und die Türen zum Balkon geöffnet werden, brandet der Jubel in einer Lautstärke durch den Saal, die das Ergebnis ganz schnell in den Hintergrund rücken lässt.

Die Fans fordern ihre Stars mit lauten Sprechchören einzeln, eine nach der anderen, ans Mikrofon, allen voran Alexandra Popp, genannt „Poppi“. Sie, die sie beim Finale wegen einer Verletzung kurzfristig nicht helfen konnte, hatte trotzdem die Herzen der Anhänger:innen erobert und wurde immer wieder von der Menge gefeiert.

Laura Freigang, Stürmerin von Eintracht Frankfurt und intern nur „069“ genannt, nutzt ihren Heimvorteil auf dem Frankfurter Balkon und heizt den Fans ordentlich ein. Dass sie beim obligatorischen Humba kurz mit der Reihenfolge der Buchstaben durcheinander kam – geschenkt, nach einer, wie man hört, kurzen Nacht.

Und dann tanzen sie eben noch ihren „Cotton Eye Joe“, das Lied, das die Mannschaft durchs Turnier begleitet hat. Nur etwas verhaltener. Blazer werden geschwungen, silberne Medaillen herumgewirbelt, nicht mal ihre kleine Choreographie ließen die Spielerinnen sich nehmen.

Der Römer tanzt mit, als hätte es die 111. Minute in der Nacht von Wembley nie gegeben. Wer in die Gesichter der vielen kleinen und großen Mädchen in Fußballtrikots blickt, die ihren Idolen auf dem Balkon zujubeln und ihre Fahnen schwingen, versteht, dass es ohnehin eigentlich um etwas ganz anderes geht.

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