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Frankfurt: Emanzipatorischer Kampfsport

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Steffen Voigt (links) sagt die Schläge an, die er von seinem Gegenüber sehen will.
Steffen Voigt (links) sagt die Schläge an, die er von seinem Gegenüber sehen will. © ROLF OESER

Steffen Voigts Konzept Critical Muay Thai bietet Training in diskriminierungsfreien Räumen an. In Halle an der Saale hat er mit ähnlichem Konzept eine Kampfsportschule mit aufgebaut. In Frankfurt hofft er bald auf eigene Räumlichkeiten.

Steffen Voigt hält sich zwei Tellerpratzen vor das Gesicht. „Punch, punch, Aufwärtshaken, los!“, ruft er. Kurz darauf fliegen die Boxhandschuhe seines Gegenübers auf das Leder. „Bäm, bäm, bäm, jawoll“, lobt Voigt. Dann sagt er die nächste Schlagkombination an. Der 31-Jährige ist Thaiboxtrainer und ist gerade dabei, seinen Businessplan zu schreiben, um sich beruflich vielleicht irgendwann ganz dem Kampfsport widmen zu können. Das Besondere dabei ist sein Konzept. Critical Muay Thai nennt er sein Trainingsangebot mit emanzipatorischen Anspruch. „Kein Sexismus, kein Rassismus, kein Antisemitismus“, sagt er. Critical wegen kritischer Theorie der Frankfurter Schule und wegen kritischer Treffer, die einen im Kampfsport ausknocken können.

In Frankfurt habe er sehr gute Dojos besucht und er könne nicht pauschal etwas Schlechtes über sie sagen. Voigt hat aber den Eindruck, dass sich viele dort beweisen wollen und entsprechend im Sparring dann auch „voll draufgehen“. „Mir ist es wichtig, dass ich anderen Personen vertrauen kann und beim Sparring nicht verletze“, sagt Voigt.

Zum Kampfsport und zu seinem Konzept ist er beim Studium der Linguistik und Sprechwissenschaft in Halle an der Saale gekommen. Im Unisport hat er mit Kickboxen angefangen und ist dann zu Muay Thai gewechselt, wo es auch Schläge mit Ellenbogen und Knien gibt. Dabei ist er dann auf viele Leute getroffen, die ihm unsympathisch waren. „Es gab dumme Sprüche und es wurde nichts dagegen gesagt“, erzählt Voigt. Außerdem hätten Mitglieder der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, die am gleichen Ort trainierten, offen ihre T-Shirts getragen. Mit Gleichgesinnten kam Voigt dann die Idee, eine eigene Kampfsportschule zu gründen. Daraus entstand das Redore Gym, das es seit Mai 2019 gibt.

Voigt kam nach dem Studium zurück in seine Heimatstadt Frankfurt und schaute sich in verschiedenen Kampfsportklubs um, fand aber keinen, der ihm zusagte. „Ich glaube, viele Leute haben Bock auf Kampfsport, wollen aber nicht in einen Laden, wo ein oberkörperfreier Typ auf den Sandsack einschlägt“, sagt Voigt. Da während der Coronavirus-Pandemie kein Training in den Sportstudios möglich war, hat er im vergangenen Sommer ein Training im Rödelheimer Brentanopark angeboten. „Das ist gut angenommen worden“, sagt Voigt, der seine Lizenz als Thaiboxtrainer in Stuttgart gemacht hat. Als das Wetter schlechter wurde, hat er sich auf Raumsuche begeben. In der Innenstadt bei Selbstverteidigung Frankfurt in der Bleichstraße ist er fündig geworden und nun Untermieter. Seit Februar gibt er auch Trainings im Boxclub Nordend in Offenbach.

Es sind hauptsächlich Neuanfängerinnen und Neuanfänger, die Voigt derzeit trainiert. Die meisten „aus dem Pool von rund 30 Leuten“ seien zwischen Anfang 20 und Mitte 30. „Es gibt auch ein paar, die es schon ein bisschen länger machen, aber ein cooles Umfeld wollen“, berichtet Voigt. Anna Wichtmann etwa hat das Konzept überzeugt. „Ich habe mal Boxen an der Uni gemacht“, sagt die Studentin. Die Atmosphäre dort habe ihr aber nicht gefallen. Für fünf Minuten Zuspätkommen fünf Liegestütze machen zu sollen, fand sie nicht gut. Für 50 Euro kann man zwei Trainingseinheiten die Woche besuchen, für 70 Euro so viele man möchte. Dienstagabends und donnerstagvormittags gibt Voigt Stunden in Frankfurt. In Offenbach ist er Montagabend und Dienstagvormittag, ab April auch mittwochabends.

„Am liebsten würde ich eigene Räume haben“, sagt Voigt. Er würde gern mehr Werbung machen, aber durch Corona will er auch nicht ganz so volle Kurse haben. Wenn es wärmer wird, will er mit Critical Muay Thai aber richtig durchstarten.

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