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Einsamkeit oder Alleinsein ist ein großer Unterschied.
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Einsamkeit oder Alleinsein ist ein großer Unterschied.

Bürgerinitiative

Frankfurt: „Einsamkeit ist überall“

Die ehemalige Europaabgeordnete Judith Merkies möchte nun auch in Frankfurt das Thema Einsamkeit auf die Agenda setzen. Sie ist Mitinitiatorin einer Bürgerinitiative gegen Einsamkeit in Frankfurt.

Frau Merkies, manche Menschen entscheiden sich bewusst für das Alleinsein. Was ist der Unterschied zwischen allein und einsam sein?

Alleinsein ist objektiv festzustellen. Jemand sitzt allein in einem Raum, das kann man sehen. Aber ich kann nicht in diese Person hineinschauen, ob sie sich auch einsam fühlt. Wenn ich das wissen möchte, muss ich Fragen stellen. Alleinsein ist außerdem neutral oder für manche sogar positiv. Aber Einsamkeit ist absolut negativ. Dabei kann sich ein Mensch auf einer Party mit vielen Leuten einsam fühlen oder andersherum nur mit einer Person als Bezugsperson sehr glücklich und gar nicht einsam sein.

Sind Menschen in der Großstadt einsamer als auf dem Land?

Es ist so, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen urbanen und ländlichen Gegenden gibt. Einsamkeit ist überall und überall sind die Zahlen ungefähr gleich. Es ist mehr eine Frage von vernetzt sein. Man kann in einem Hochhaus in Frankfurt sehr einsam sein, man kann dort aber auch gut vernetzt sein mit den Menschen. Es geht einfach darum, dass man, egal ob in einer kleinen Gemeinde oder in der Großstadt, aufeinander aufpasst.

Was sind die gängigsten Falschannahmen über Einsamkeit?

Es gibt viele Stereotype zum Thema Einsamkeit. Zum Beispiel, dass die Menschen im Norden von Europa, wie beispielsweise in Finnland, einsamer sein müssen als in einem südlichen Land wie Italien. Wenn ich den Leuten dann erzähle, dass es genau andersherum ist, dass die Leute in Italien einsamer sind als in Finnland, sind viele überrascht. Auch dass ältere Leute einsamer sind als junge Leute stimmt so nicht.

Was ist mit der Annahme, dass Menschen zu Weihnachten einsamer sind als sonst?

Das ist wirklich interessant. Zur Weihnachtszeit thematisieren viele Menschen und auch Medien die Einsamkeit mehr als sonst. Das ist natürlich gut, aber für mich wäre gut, wenn in diesem Bezug jeden Tag Weihnachten wäre, damit das Thema immer präsent ist. Aber tatsächlich ist zu Weihnachten die Einsamkeit oft etwas weniger. Da wird dann doch die Tante eingeladen, die man sonst das ganze Jahr über nicht besucht. Aber nach den Feiertagen wird es dann für viele wieder schlimmer.

Und wie spielt die Corona-Pandemie hinein?

Wir reden ja immer viel über die ältere Generation, wenn wir über Einsamkeit reden, aber vor allem während der Pandemie kann man sehen, dass die Gruppe, die den stärksten Anstieg von Einsamkeit hatte, die jüngere Generation war. Insgesamt kann man sich die Einsamkeitskurve in einer U-Form vorstellen, das heißt, die Jüngsten und Ältesten unserer Gesellschaft empfinden die meiste Einsamkeit und in der Mitte fällt dieses Gefühl ab.

Judith Merkies war lange Zeit Europaabgeordnete für die niederländischen Sozialdemokraten.

Zur Person:

Judith Merkies war lange Zeit Europaabgeordnete für die niederländischen Sozialdemokraten.

Als Gründerin einer europaweite Initiative versucht sie schon einige Jahre die Aufmerksamkeit von politischen Entscheidungsträger:innen, aber auch Organisationen, Ehrenamtlichen und der breiteren Gesellschaft auf das Thema Einsamkeit zu lenken und eine Plattform zur Vernetzung zu schaffen. Nun ist sie auch Mitinitiatorin einer Bürgerinitiative gegen Einsamkeit in Frankfurt.

Was kann eine Initiative gegen Einsamkeit, wie sie jetzt auch in Frankfurt gegründet wurde, im Idealfall bewirken?

Oftmals wird das Thema, wenn eine Partei sich dafür einsetzt, plötzlich von einer anderen fallen gelassen. Aber es ist ein Thema, das für uns alle wichtig ist und so muss es auch gesehen werden. Wir müssen begreifen, zum guten Leben gehört neben einer grünen Erde, einem Dach über dem Kopf, Geld in der Tasche und körperlicher Gesundheit, auch die mentale Gesundheit. Ich erhoffe mir eine Art Unterstützung zur Vernetzung. Ich denke, diese Plattform, die in Frankfurt jetzt noch am Anfang steht, kann das Tabu beseitigen, über das Thema Einsamkeit zu sprechen und Fehlannahmen entgegenwirken. Hoffentlich kommt es zu einer Vernetzung von Organisationen, die sich schon mit dem Thema beschäftigen, aber auch Städteplaner und Architekten müssen miteinbezogen werden. Es muss verstanden werden, dass Einsamkeit kein „weiches“ Thema ist, denn die Konsequenzen sind hart.

Welche konkreten Maßnahmen müssen denn gesellschaftlich passieren?

Bei manchen Menschen, die schon ihr ganzes Leben auf eine bestimmte Art sozialisiert wurden, ist es schwer die Kompetenz zum Kontakte knüpfen noch aufzubauen. Hier muss die Einsamkeit gelindert werden. Und bei jungen Menschen ist es sehr wichtig, präventiv zu arbeiten. Dazu gehört soziale Kompetenzen aufbauen und das richtige Kontakte-pflegen erlernen. Auch ein besseres Empathievermögen kann dazu führen, dass man weniger einsam ist. Das alles soll aber nicht abhängig davon sein, welche einzelnen Persönlichkeiten sich dafür einsetzen, sondern dass die Politik das mitgestaltet.

Also gezielte Anlaufstellen für Einsamkeit?

Hier in Deutschland passiert es oft, dass man einfach bestimmte Anlaufstellen schafft, um ein Problem zu lösen. Aber man muss bedenken, Leute die einsam sind kommen nicht unbedingt zu einer solchen Anlaufstelle. Denn viele gestehen sich gar nicht ein, dass sie einsam sind. Oder ziehen sich durch das Gefühl der Einsamkeit immer mehr zurück. Es ist schwer sich vorzustellen, dass diese Menschen dann aktiv zu einer solchen Stelle gehen und sagen: „Hey Leute, ich bin einsam“.

Und was wäre die Alternative?

Eine zentrale Anlaufstelle ist schon eine gute Idee, vor allem für all die Gruppen und Initiativen, die es schon gibt. Dort könnten sie sich vernetzen. Was aber wichtig ist, ist eine Umgebung zu kreieren, in der man sich gegenseitig sieht. Das betrifft auch den öffentlichen Raum. Es gibt kaum Plätze, an denen sich Menschen treffen und sich austauschen können. Mein Alptraum wäre eine alleinerziehende Mutter, die von zu Hause aus arbeitet und die einzige Person, die sie außer ihrem eigenen Kind noch sieht, ist der DHL-Bote, der in der Zukunft vielleicht durch eine Drohne ersetzt wird. Man muss es so organisieren, dass man sich einfach sieht. Auch schon bei Stadtplanungen und neuen Häusern müssen wir uns überlegen, wie bekommen wir das hin, damit auch in der Großstadt Raum für Kontakt zwischen den Menschen bleibt.

Interview: Anna Laura Müller

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