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Der neue Studiensaal der Graphischen Sammlung im Städelmuseum.

Kunst

Einen Raffael im Städelmuseum ganz für sich allein

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Die Graphische Sammlung des Städelmuseums ist umgebaut und öffnet am 1. Oktober. Wer zu ihr hervordringt, darf meisterhafte Werke in aller Seelenruhe betrachten.

Besucher und Besucherinnen müssen ihre Schwellenangst überwinden, wenn sie in die Graphische Sammlung wollen. Anders geht es nicht. Erst ein Ticket fürs Städelmuseum kaufen - das ist die erste Schwelle. Dann an der Kasse links abbiegen, durch die Ausstellung gehen und vor der Graphischen Sammlung nicht stoppen, sondern mutig hinein - die zweite Schwelle.

Sodann den freundlichen Mitarbeiter ansprechen, der an einem Computer am Ausgabetresen sitzt - die dritte Schwelle: „Ich interessiere mich für die Alten Meister und habe gehört, das Städelmuseum habe eine ganz wunderbare Sammlung - könnte ich mir vielleicht einen Dürer oder einen Raffael anschauen? Geht das? Was haben Sie denn da?“

100 000 Druckgrafiken und Zeichnungen - von Rembrandt über Max Beckmann bis Kiki Smith, „eine der bedeutendsten Sammlungen in Deutschland und Europa, und auch weltweit können wir mithalten“, sagt Kurator Martin Sonnabend, der für die Graphische Sammlung bis 1750 verantwortlich ist. Er kommt aus seinem Büro nebenan. Schaut mit der oder dem Interessierten in einen Katalog - „was genau würden Sie denn gerne sehen?“ –, öffnet die schwere Stahltür des Tresors, wo die Kunstschätze liegen, geschützt vor Licht, das sie verderben würde, und vor Dieben. Holt mit Handschuhen den gewünschten Raffael oder Dürer hervor, steckt ihn in ein Passepartout, bittet die Besucherin oder den Besucher, sich die Hände zu waschen, Becken und Wasserhahn gibt es nach dem Umbau im großen Studiensaal, händigt Handschuhe aus, die die Gäste anziehen müssen, und stellt das Kunstwerk auf das Pult auf den Tisch.

Dann haben die Gäste einen Dürer oder Raffael ganz für sich allein. Sie können so nah ran, wie sie wollen, ohne dass der Alarm piepst.

Ausstellung

Die Graphische Sammlung öffnet den Studiensaal zeitgleich mit der Sonderausstellung „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“. Die Ausstellung ist von 1. Oktober bis 10. Januar zu sehen. Fürs Publikum ist die Graphische Sammlung mittwochs und freitags, 14-17 Uhr, und donnerstags, 14-19 Uhr, geöffnet. Anmeldungen per Mail an: graphischesammlung@staedelmuseum.de

Etwa 600 Kunstinteressierte kommen im Jahr. Meist sind es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Studierende, seltener einfache Gäste, wegen der Schwellenangst, die sich vielleicht nun leichter überwinden lässt, weil es etwas Neues zu sehen gibt. Die Graphische Sammlung ist nämlich umgebaut.

Wer sich in der Graphischen Sammlung anmeldet, kann sich ganz in Ruhe und aus der Nähe einzelne Werke anschauen.

Die alten Holztische und Holzregale stehen nicht mehr im Studiensaal, und auch das Neonlicht ist verschwunden. Stattdessen leuchten LED-Spots von der Decke, die sich nicht nur heller und dunkler, sondern auch in ihrer Lichtfarbe wärmer und kälter verändern lassen. Die neuen Tische haben eine Arbeitsplatte aus „hochverdichtetem Papier, das mit Kunstharz verbunden ist“, wie der für den Umbau verantwortliche Berliner Architekt Gisbert Pöppler erklärt, und sie haben Stahlfüße. Die Pulte zum Aufstellen der Kunstwerke sind aus gekalkter Eiche. Die Fenster sind neu, die Vorhänge bodenlang.

Der Innenausbau soll den Geist der 1950er und 60er Jahre aufgreifen und die denkmalgeschützte Architektur von Johannes Kran unterstreichen, sagt der Architekt. Die Stühle sind restauriert. Neu sind auch Regale und Schränke. Am stärksten fällt die neue Galerie auf. Sie steht nicht auf klobigen Säulen im Raum, sie hängt. „Wir hatten mehrfach Statiker da, aber die Stahlträger halten das aus“, weiß Städel-Direktor Philipp Demandt.

Eine Treppe führt auf die Galerie, die sich vom großen Studiensaal über einen Durchbruch in der Wand in den Raum für Wissenschaft und Forschung fortsetzt, wo Martin Sonnabend und Kuratorin Regina Freyberger, die die Graphische Sammlung nach 1750 leitet, arbeiten. Dort gibt es auch eine kleine Kaffeeküche für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gäste müssen auf Kaffee verzichten.

Ein zweiter Durchbruch führt vom Kuratorenzimmer in den kleinen Studiensaal, den etwa Gruppen von Studierenden nutzen können. Drei Millionen Euro hat der Umbau gekostet, der seit Sommer 2019 lief. Er wurde möglich durch zwei private Spender.

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