1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Eine Stadt sieht schwarz, weiß, rot

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Steven Micksch

Kommentare

Der Fanzug läuft durch Frankfurt in Richtung Waldstadion.
Der Fanzug läuft durch Frankfurt in Richtung Waldstadion. © Michael Schick

Tausende Fans feiern in Frankfurt bereits vor dem Anpfiff – mit Böllern, Pyrotechnik, Bier und Gesang. Nicht jeden zieht es dabei unbedingt ins Waldstadion und eine bestimmte Gruppe sucht man sogar vergeblich in der Stadt.

Aus anfänglich hunderten Kehlen tönt es auf dem Frankfurter Römerberg: „Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen!“ Der Platz vorm Rathaus ist bereits am Mittwochnachmittag fest in der Hand der SGE-Anhängerschaft. Egal, wo in der Stadt man sich umschaut, immer entdeckt man mindestens eine Person in weißem Fußball-Shirt, rotem Trikot oder gern auch mal rot-schwarz gestreift.

Die Stimmung am Römer ist ausgelassen, es gibt Bier und Ebbelwei in rauen Mengen, manche haben sogar Corona, allerdings nur in flüssiger Form aus der Flasche. Immer wieder stimmen die Fans neue Lieder an. „Schwarz-Weiß wie Schnee, das ist die SGE.“ Die Menge steht im Kreis und singt (mancher schreit) aus vollster Inbrunst mit.

Für die Eintracht aus NRW angereist

Unweit der Menschentraube stehen Dominik und Aleksandra. Sie sind extra aus Nordrhein-Westfalen angereist, weil sie auf den letzten Drücker Karten bekommen haben. „2:1 für Eintracht“, tippt Aleksandra selbstbewusst. Ihr Freund zögert. „Ich habe Angst, dass es ins Elfmeterschießen geht. Dann wird mein Körper flüssig“, sagt Dominik, der seit den 90ern und der Anthony-Yeboah-Ära Fan der SGE ist. Wer will es ihm verübeln.

In Barcelona waren beide im Camp Nou vor Ort gewesen. „Das war das Größte. Das kann man nicht toppen“, sagt er. Sie nickt zustimmend und erzählt noch, dass sie als Serbin erst mit Rebic, Kostic, Jovic zur Eintracht gestoßen ist. „Seit dem hat es mich voll erwischt.“

Ohrenbetäubende Böller vorm Römer

Unterdessen nimmt die Zahl der Fans auf dem Römerberg minütlich zu. Erste Bengalos und Böller der Sorte Trommelfellschaden werden gezündet. Die Polizei beschränkt sich zunächst auf das Filmen der Zündelei. Später gibt es eine Durchsage, dass das Abbrennen von Pyrotechnik zu unterlassen sei, weil sonst nicht losmarschiert wird. Wer weiter weg steht, wird aber kaum etwas verstanden haben, weil die Ansage von einem gellenden Pfeifkonzert, Buh-Rufen und Mittelfingern untermalt wird.

Jonas und Matthias machen nicht mit und stehen etwas abseits. Beide haben Karten für den Stadionvorplatz. Früh um sechs haben sie sich in Augsburg in den Zug gesetzt und sind hergefahren. Fans der SGE seien sie nicht, aber „das ist Fußballkultur pur hier“, sagt Jonas. Matthias ergänzt, dass man sich das einfach geben müsse und „Augsburg spielt nicht so schnell international, da kann man ruhig mal ein wenig fremd gehen“.

Fans gehen auf eigene Faust los

Um 17.20 Uhr geht der Tross am Römer plötzlich los. Die Polizei hat die Route geplant, am Main geht es nicht lang, und die Anhängerschaft hat keine Lust zu warten. Durch die schmale Limpurgergasse geht es am Römer vorbei. Irgendwann fängt die Polizei die Herde wieder ein und es geht auf die ursprüngliche Strecke über die Untermainbrücke entlang der Schweizer Straße bis zur Hans-Thoma-Straße, dann biegen sie ab. Mit Pyrotechnik wird unterwegs trotz aller Verbote fleißig weiter gezündelt.

Wer keine Tickets fürs Stadion bekommen hat, muss sich andern Orts das Spiel anschauen. Ein guter Anlaufpunkt dafür ist das Kneipenviertel in Alt-Sachsenhausen. Hier sitzt die Anhängerschaft bereits, als im Fernsehen noch die 18-Uhr-Nachrichten flimmern. Es wird getrunken, gesungen und vorgefeiert. Im Eisernen Hahn hat man extra noch Sitzmöglichkeiten dazugestellt, um auch Fans ohne Reservierung einen Platz zu ermöglichen. Im Drinxx habe man gleich ganz auf Reservierungen verzichtet. „In spätestens einer Stunde ist hier auch alles voll“, prophezeit der Mann hinter der Bar.

Das Spiel in Sachsenhausen erleben

Yannick Bock hat sich einen Platz vor der Diwan Shisha Lounge gesucht. „Ich wohne in Sachsenhausen und wollte das Spiel hier erleben. Das ist was besonderes für mich“, sagt der 33-Jährige. 3:0 wird die Eintracht die Rangers nach Hause schicken, tippt er. „Es ist diese Energie, alle haben es sich verdient, die Stadt ist elektrisiert.“ Eintracht habe einfach den größeren Willen.

Für den Tag danach hat er sich extra Urlaub genommen. Er werde zunächst ausschlafen und dann zum Römer gehen. „Das hier wird größer als das Pokalfinale“, sagt der Frankfurter, der Eintracht-Fan ist, seit er sechs war. Das Heimspiel gegen West Ham hat er live im Stadion verfolgt, für die anderen Spiele bekam er keine Karten.

Keine Schotten weit und breit

Was man vergeblich in der Stadt sucht, sind schottische Fans. Der Irish Pub O’Reilly’s nahe dem Hauptbahnhof ist von SGE-Fans besetzt. Schottische Fans habe man hier nicht gesehen, versichert ein Angestellter am frühen Abend. Und auch im The Fox and Hound sucht man vergeblich nach Rangers-Sympathisanten. Am Finaltag sind anscheinend alle in der Stadt Frankfurter Jungs...und Mädchen.

Bengalos wurden zuhauf auf dem Römerberg abgebrannt.
Bengalos wurden zuhauf auf dem Römerberg abgebrannt. © Michael Schick
Vor dem Römer trägt jede:r den Adler im Herzen.
Vor dem Römer trägt jede:r den Adler im Herzen. © Michael Schick

Auch interessant

Kommentare