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Ivory Presley sang auf der Alten Brücke in den Jahreswechsel.
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Ivory Presley sang auf der Alten Brücke in den Jahreswechsel.

Jahreswechsel

Frankfurt: Eine Silvesternacht mit Frühlingsgefühlen

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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In Frankfurt ließen es sich die Menschen nicht nehmen, fröhlich und entspannt draußen zu feiern. Und ein bisschen Feuerwerk gab es von den Brücken aus auch zu sehen.

Kurz vor Mitternacht darf niemand mehr auf die Alte Brücke. „Bitte gehen Sie woanders Silvester feiern“, dröhnt es aus einem Lautsprecher der Polizei. Denn da haben sich bereits Hunderte Menschen hier in dieser milden, fast frühlingshaften Frankfurter Silvesternacht versammelt – und ihren Sekt in Plastikbechern parat. Es ist voll, aber es gibt kein Gedränge und Geschubse: Auch auf den anderen nicht gesperrten Brücken stehen Menschen.

Es ist das zweite Silvester in Corona-Zeiten. Diesmal aber ohne Lockdown. Junge Leute, aber auch Familien mit Kindern sitzen in der Nacht zum Samstag auf der Alten Brücke entspannt in kleinen Gruppen zusammen, manche haben Campingstühle dabei und schauen auf die nächtliche Skyline: Trotz Böllerverbots an publikumsträchtigen Orten sieht man, wie eine Frau es ausdrückt, „dann doch mehr Feuerwerk als gedacht“ am Himmel. Die sonst so beliebten Fußgängerbrücken Eiserner Steg und Holbeinsteg wurden schon ab 21 Uhr gesperrt, damit nicht so viele Leute dicht an dicht stehen. Die Alte Brücke ist in dieser Nacht für Autos gesperrt und so ist auf den Fahrstreifen mehr Platz für die Menschen, die doch nicht in ihrer Wohnung feiern wollen: „Zu Hause war uns zu langweilig. Wir wollen ein bisschen Abdrehen“, sagt Shagan aus Darmstadt, der mit seinen drei Kumpels, alle sind zwischen 18 und 19 Jahre alt, nach Frankfurt gekommen ist. Abdrehen bedeute aber keine wilde Party, ergänzt sein Kumpel Adrian: „Abdrehen heißt für uns: Freude, Spaß und Lust am Leben, da reicht es uns hier zusammenzusitzen.“ Ach ja, ein paar Frauen kennenzulernen, wäre natürlich auch schön.

Die Frankfurter Sängerin und Violinistin Ivory Presley begrüßt das neue Jahr mit dem Song: „Diamonds“ von Rihanna. „Ich habe das Lied gewählt, weil ich hoffe, dass trotz der schwierigen Corona-Situation die Leute positiv bleiben, das Jahr 2022 Glitzer und Glanz in ihr Leben bringt“, sagt sie. Neben ihr tanzt ein Paar Walzer: Der Mann trägt eine goldene 2022-Partybrille und hält neben seiner Frau auch eine Bierdose fest. Die Alte Brücke haben sie wie ihren Klapptisch mit etwas goldenem Lametta geschmückt. Gegen halb eins verlassen die meisten schon die Alte Brücke. Ein junger Mann tippt einer Fünfer-Polizeigruppe einzeln auf die Schulter und ruft jedes Mal: „Happy New Year.“ Da muss auch die Polizistin lächeln.

Ein romantischer Silvesterabend zu zweit am Paulsplatz.

Ein Sprecher der Frankfurter Polizei sagt am nächsten Tag: „Es war eine verhältnismäßige ruhige und überwiegend friedliche Nacht.“ Ein paar Schlägereien in Alt-Sachsenhausen, ein paar Ermahnungen, weil Leute eben doch in verbotenen Zonen böllern wollten oder sich größere Menschenmengen gebildet hatten. Auch im Nordend oder Bockenheim stehen und feiern Gruppen auf der Straße meist friedlich zusammen.

Viele junge Leute sind auf der Zeil unterwegs: Teeniemädels feiern unweit der Bänke in Highheels und Glitzer-Party-Outfits. Die Musik kommt aus dem Smartphone. Vor dem Gibson, der an diesem Abend einer der wenigen Clubs ist, der mit einem Gastrokonzept geöffnet hat, bildet sich um kurz vor 23 Uhr eine lange Schlange. Eine Tanzfläche gibt es wegen des Tanzverbots trotz 2G-Plus nicht, dafür gibt es Burlesquetänzerin und Trommler auf der Bühne bei der „Roaring Twenties“-Veranstaltung. Tickets gibt es keine mehr, die Tische mit abgetrennten Glasscheiben für seine Gruppe musste man vorab reservieren.

Nina (23), die wie sie sagt, versehentlich statt des Dresscodes „Gold“ ein silberfarbenes Glitzerkleid gewählt hat, sagt: „Ich wollte eigentlich in London feiern, aber da hätten wir wegen der Virusvarianten tagelang in Quarantäne bei der Einreise und der Rückkehr gemusst. Also feiern wir hier. Dass wir nicht tanzen dürfen, ist nicht schlimm. Hauptsache wir haben den Silvester-Vibe.“

Brisca (20) ist extra aus Stuttgart angereist: „Denn da ist gar kein Club auf. Für uns junge Leute ist es anstrengend, dass wir seit zwei Jahren nicht mehr richtig ausgehen können. Mit 2G-Plus und ohne Tanzen ist das feiern mit Handbremse.“ Auf der Freßgass sitzen viele Leute draußen vor den Bars. Auch ein beliebter Treffpunkt sind die Bänke am Neuen Historischen Museum: „Ein Platz, wenn gar nichts mehr geht“, sagt Sarah (23), ihre Freundin Sara, beide aus Wiesbaden, sei erst einmal geimpft. „In eine Bar kommen wir also nicht rein“, so Sara. Sie feiern zu viert.

Am Römer machen einige noch ein Abschiedselfie mit „Gretel“, dem Weihnachtsbaum. Unweit davon steht eine belgische Familie am Justitiabrunnen: Die Eltern und die 12 und 15 Jahre alten Söhne tragen Partyhüte. Der Vater erzählt: „Wir leben in einem Dorf, wir wollten an Silvester was erleben. Also sind wir nach Frankfurt gekommen.“ Da sie erst spät am Abend angekommen seien, hätten sie keinen Platz mehr in einem Restaurant bekommen, ohne Reservierung sei nichts gegangen.

Mopslady Emy feiert im Kinderwagen. Ihre Besitzerin schiebt die 15-Jährige durch die Nacht.

„Also waren Burger bei Five Guys unser Silvestermenü“, sagt der Vater und lacht. Eine Sache wundert ihn: „Ist in Frankfurt immer so viel Polizei unterwegs?“ Tatsächlich ist viel Polizei überall zu sehen. Meist laufen sie in Gruppen durch die Innenstadt und am Mainufer. Etwas traurig und gelangweilt wartet ein Taxifahrer auf der Berliner Straße auf Kund:innen. „Ich warte schon eine Stunde. Meine Schicht geht bis 5 Uhr morgens. Seit der Pandemie läuft das Geschäft schlecht. Aber ich hoffe, ich habe heute Glück.“

Romantische Momente gibt es auch: Auf einer Bank vor der Paulskirche sitzen: Paul (41) und Tanja (39): Sie habe ihre eigene Musik und Lautsprecherbox dabei, Kekse und Getränke sind im Rucksack. „Wir haben unsere Kinder heute bei den Großeltern gelassen. Wir wollen die Zeit miteinander genießen“, sagt Paul.

Auch Mopsdame Emy hat keine Lust auf zu Hause feiern. Gegen 1 Uhr zieht die 15 Jahre alte Hunde-Seniorin im Kinderwagen gebettet durch die Nacht. Neben ihr platziert ein Glücksschwein und ein Neujahrsstrauß mit Schornsteinfegerfigur. Ihre Besitzerin, die mit einer Freundin unterwegs ist, sagt: „Es ist das erste Mal, dass ich Silvester wieder nach Jahren in der Innenstadt feiere. Das letzte Mal war im Jahr 2000. Da war die Stimmung so aggressiv und man bekam Kracher gegen den Kopf geschossen. Ich fände es toll, wenn auch nach der Pandemie das Böllerverbot bleibt. Das ist auch aus Umweltgründen viel schöner.“

Viel schöner ist auch der Neujahrsspaziergang am Mainufer am Nachmittag des Neujahrs. Nur vereinzelt liegen an manchen Stellen noch Schnipsel goldenen Lamettas und bunten Konfettis, die Böllerreste kann man an einer Hand abzählen. Dafür gibt es aber reichlich Scherben, die hoffentlich Glück bringen.

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