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Frankfurt: Eine Schule für neue Chancen

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Von: Steven Micksch

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Die kleineren Klassen ermöglichen einen direkten und individuelleren Unterricht.
Die kleineren Klassen ermöglichen einen direkten und individuelleren Unterricht. © christoph boeckheler*

Das Bildungszentrum Hermann Hesse in Frankfurt ist Lernort und Rehabilitationseinrichtung gleichermaßen. Ein einzigartiges Konzept, das seit 50 Jahren funktioniert aber keine Nachahmung findet.

Esther klettert die Wand Stück für Stück nach oben. „Kannst du noch?“, ruft von unten die Frau, die sie sichert. Esther bejaht und klettert noch weiter. Als die Kraft weg ist, stoppt sie, nimmt die Hände ans Seil und lässt sich abseilen. Die junge Frau klettert nicht in einer Kletterhalle, sondern an der Kletterwand einer Frankfurter Schule. Ungewöhnlich – doch am Bildungszentrum Hermann Hesse (BZH) ist vieles außergewöhnlich.

Seit mehr als 50 Jahren besteht die Einrichtung in Frankfurt bereits. Früher war sie unter dem Namen Hermann-Hesse-Schule bekannt, heute nennt sie sich selbst „Schule für neue Chancen“. Zum Jubiläum, das wegen Corona ein Jahr verschoben werden musste, lud die Schule zu einer Feierlichkeit ein und zeigte die Räumlichkeiten im Hainer Weg in Sachsenhausen. Vor den Sommerferien hatten die Schülerinnen und Schüler extra noch mal die Wände der Klassenräume gestrichen.

Wer den Hof der Einrichtung betritt, wird in der Einfahrt auf der linken Seite vom Hesse-Zitat „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ begrüßt. Gegenüber liegt die Kletterwand. Auf einer Seite des Hofs ist das Schulcafé, wo sich manche vor Unterrichtsbeginn treffen und austauschen. Ebenfalls auf dem Gelände befindet sich ein Betreutes Wohnen mit zwölf Plätzen. Die Schule selbst hat vier Stockwerke, mit der Aula im Keller und einem weiteren Pausenhof oben auf dem Dach. Dort gibt es Tischtennisplatten und Dartscheibe. Auch Yoga wird hier in einer Neigungsgruppe praktiziert. Wer das nicht mag, kann etwa auf Kochen, PC, Schach oder auch Meditation ausweichen.

„Wir sind eine Einrichtung, die nirgendswo richtig reinpasst“, sagt Schulleiter Janosch Große. Sie ist Gesamtschule, Privatschule, Förderschule aber auch Suchthilfeeinrichtung – doch nichts davon im klassischen Sinn. Denn so wie die Schule nirgendswo reinpasst, passen auch die jungen Menschen, die hier herkommen, nirgends rein. Ein Großteil hat Drogenmissbrauch, Schulabbrüche und Entzug hinter sich. Sie haben keine Chance mehr in klassischen Bildungseinrichtungen oder sind zu alt für den Besuch einer Schule. Das Bildungszentrum bietet ihnen eine Chance, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die Schüler:innen sind zwischen 16 und 35 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren.

„Das BZH ist einzigartig“, sagt Große und meint damit auch, dass es eine bundesweit einzigartige Schule und Rehabilitationseinrichtung für junge Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Belastungen ist. Dass dieses Konzept in 50 Jahren noch keine Nachahmung gefunden hat, ist dabei besonders traurig. Der Bedarf sei da, es kommen junge Menschen aus Bayern, Berlin oder Niedersachsen. Trotzdem ringt das BZH um mehr Bekanntheit. Noch immer wissen zu wenige, dass es die Einrichtung in Trägerschaft des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ) gibt.

Doch was macht das Bildungszentrum so besonders? Zum einen, dass die jungen Menschen hier alle in Deutschland möglichen Schulabschlüsse nachholen können: den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss, die Fachhochschulreife oder das Abitur. Dann sicherlich, dass die Klassen mit acht bis zwölf Schülerinnen und Schülern klein genug sind, um jedem und jeder individuell gerecht zu werden. Und eben, dass an die Schule auch eine Sozialarbeit direkt und auf Augenhöhe agierend angeschlossen ist.

Trägerverein

Das Bildungszentrum Hermann Hesse gehört zum gemeinnützigen Verein Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ).

Er besteht seit 1975 und ist Träger von Einrichtungen und Diensten im Bereich der Jugend-, Eingliederungs- und Suchthilfe.

In Hessen gibt es mehr als 65 Standorte mit Angebote zur Prävention, Suchtberatungsstellen, Substitutionsambulanzen, Fachkliniken der medizinischen Rehabilitation, ein Krankenhaus, Betreutes Wohnen, Schulen, Wohn- und Pflegeeinrichtungen sowie ambulante Dienste und stationäre Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und deren Familien.

Der Verein beschäftigt rund 950 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Hauptsitz ist in Frankfurt in der Gutleutstraße 160-164. Kontakt per E-Mail an jj-ev@jj-ev.de oder Tel. 069/74 34 80 0. Alle Angebote auch unter www.jj-ev.de im Internet. mic

Dieses Paket honorieren die Schüler:innen. Sie berichten von einem familiären Klima, von Respekt, von ausreichend Zeit und Raum auf dem individuellen Schulweg und einem sicheren und offenen Ort, an dem man über jedes Problem sprechen könne.

Eine ehemalige Schülerin, die 2014 ihr Abitur am BZH gemacht hat, berichtete über ihren Werdegang. Sie hat mittlerweile Psychologie studiert, sich politisch und sozial-gesellschaftlich engagiert, ist bei der Freiwilligen Feuerwehr und Vorstandsassistentin bei einem großen Konzern. „Den Grundstein meiner Karriere habe ich im BZH gelegt.“ Es sei ihr Ticket in die Freiheit gewesen, nachdem sie zuvor von der Schule geflogen war, Drogen nahm und selbst dealte. In der Frankfurter Einrichtung habe sie schließlich Vertrauen und Unterstützung erfahren, die Schule habe endlich Spaß gemacht. „Danke, dass ihr mein Leben verändert habt und dass ihr noch viele Leben verändern werdet“, sagt sie in ihrer Ansprache.

Schulleiter Große betont, dass alle jungen Menschen freiwillig hier sind. Sie bewerben sich und stellen einen Antrag auf Kostenübernahme. Bei unter 21-Jährigen hilft das Jugendamt, bei älteren der Landeswohlfahrtverband. Die Sozialarbeiterstellen werden vom Drogenreferat der Stadt sowie vom Landeswohlfahrtverband finanziert. Die Lehrkräftekosten werden zum großen Teil von der Ersatzschulfinanzierung gedeckt.

20 Lehrkräfte gibt es zurzeit an der Schule. Der Mangel an Personal sei aber wie überall spürbar. Als Privatschule, die keine verbeamtete Planstelle biete, habe man es nochmals schwieriger. Aber Große stellt auch lachend die Vorteile heraus: „Keine Elternabende.“ Und man könne dank der kleineren Klassen dem einzelnen Menschen gerecht werden.

Im Jahr 2020 feierte man den 1500. Schulabschluss, der gleichwertig mit den an anderen Schulen ist. Auch am BZH werden die zentralen Abschlussprüfungen abgenommen. Nicht jeder junge Mensch verlässt das BZH aber mit Abschluss, manche machen einen Rückzieher und auch Rückfälle gibt es an der Schule. Sie sind allerdings auch kein Grund, den Schulvertrag aufzulösen. „Wir haben einen langen Atem“, sagt Große. Die Tür werde nie zugeschlagen und man könne auch über Rückschläge sprechen. Der Schulleiter erinnert sich an einen besonderen Fall mit die sieben Neustarts. „Unsere Schülerinnen und Schüler haben verschlungene Lebenswege. Es ist gut, wenn es einen Ort gibt, bei dem sie wissen, dass sie wieder hinkommen können.“

Hermann Hesse hätte die Schule gefallen, da ist sich Große sicher. Der Schriftsteller brach mehrere Ausbildungen ab, war in psychiatrischer Behandlung und lange Zeit selbst ein Suchender. Auch das BZH ist ein Ort für Menschen, die Orientierung und Sinnhaftigkeit suchen. Vielleicht war es doch kein Zufall, dass die ersten Schülerinnen und Schüler für ihre Schule eben den Namen Hermann Hesse wählten.

Die berühmte Zeile aus Hesses Gedicht „Stufen“ ziert die Wand in der Nähe des Schulhofs.
Die berühmte Zeile aus Hesses Gedicht „Stufen“ ziert die Wand in der Nähe des Schulhofs. © christoph boeckheler*
Schulleiter Janosch Große freut sich über den Überraschungskorb.
Schulleiter Janosch Große freut sich über den Überraschungskorb. © christoph boeckheler*
Blick auf den Schulhof und das Café im Hintergrund. Auf dem Dach gibt es noch einen Pausenhof.
Blick auf den Schulhof und das Café im Hintergrund. Auf dem Dach gibt es noch einen Pausenhof. © christoph boeckheler*

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