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Frankfurt: Eine Rettungsaktion als Theaterstück

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Von: Andreas Hartmann

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In der Luft hängen – verloren sein: eine Szene aus dem neuen Theaterstück „See You.“.
In der Luft hängen – verloren sein: eine Szene aus dem neuen Theaterstück „See You.“. © Felix Grünschloß

Martina Droste spricht im FR-Interview über „See You.“, das neue Stück über die Flucht jüdischer Kinder 1938 und 1939. Inszeniert hat sie das mit 13 Jugendlichen - es ist sehr aktuell.

Frau Droste, mit 13 Jugendlichen aus dem Rhein-Main-Gebiet haben Sie ein Theaterstück erarbeitet, in dem es um die Rettung jüdischer Kinder kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geht, die sogenannten Kindertransporte. Daran erinnert seit Kurzem auch ein Denkmal.

Selbstverständlich waren wir auch dort, ganz in der Nähe des Schauspiels Frankfurt. Ich glaube, das Denkmal hat die Wirkung, die es beabsichtigt, sofort herstellen können. Es geht da auch um die, die zurückbleiben, um die Elternperspektive. Damit haben sich die Jugendlichen beschäftigt. Das besondere an dem Theaterprojekt ist, dass wir ein historisches Thema vielschichtig emotional bearbeiten, körperlich-sinnlich und ganzheitlich.

Ihr Stück heißt „See You.“ - mit einem Punkt. Warum der Titel?

Auf dem Denkmal steht ja „Auf Wiedersehen“. Wir haben uns dadurch gleich damit beschäftigen können, wie es den Zurückgebliebenen geht. „See You.“, das hat so eine Leichtigkeit. Wir sind nur kurz getrennt. Es ist versucht worden, den Kindern den Abschied zu erleichtern, als Abenteuerreise, als Ferienfreizeit. Viele haben erst sehr spät begriffen, dass es ein endgültiger Abschied war. Die meisten Kinder sind vom United Kingdom aufgenommen worden, deshalb haben wir den englischen Titel gewählt. Und deshalb haben wir den Punkt gesetzt. Es sollte ein „Bis bald“ sein, aber nun steht da ein Punkt. Der ist mir ganz wichtig.

Martina Droste
Martina Droste © Rolf Oeser

Martina Droste, 1961 in Bochum geboren, ist Leiterin des Jungen Schauspiels Frankfurt. In ihrer neuesten Produktion „See You.“ befassen sich 13 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren mit den „Kindertransporten“ 1938 und 1939, die zwar Tausenden jüdischen Kindern durch die Reise nach England oder die USA das Leben retteten, viele Familien aber auch für immer auseinanderrissen. Seit 2021 erinnert das „Waisenkarussell“ der Künstlerin Yael Bartana an die Rettungsaktion.

Die Uraufführung ist am Freitag, 28. Januar. Karten gibt es auch wegen der aktuell reduzierten Sitzplatzzahl keine mehr. „Wir wollen das aber noch oft spielen“, sagt Droste. Das Kartentelefon der Städtischen Bühnen ist erreichbar unter 069 / 212 494 94. (aph)

Wie kamen Sie denn auf das Thema?

Das ist ein zweiteiliges Theaterprojekt. Wir hatten schon eine Premiere im Deutschen Exilarchiv. Dort wird aktuell in einer Sonderausstellung die Rettung von Kindern aus Deutschland, speziell aus Frankfurt dargestellt. Dort haben wir eine Performance in der Ausstellung, sie heißt „Am Leben bleiben“. Das Modell des Denkmals steht auch dort, und wir bespielen es sogar, wenn wir dort auftreten.

Ihr Ensemble hat an dem Stück mitgearbeitet. Das finde ich ungewöhnlich für 14- bis 21-Jährige - schon zu zweit an einem Text zu schreiben, ist ja oft schwierig. Wie haben Sie das gemacht?

Inhaltliches Material und Techniken für die Reflexionsprozesse liefere ich, außerdem trainieren wir genaues Sehen, Hinhören, gemeinsames Denken. Die Jugendlichen haben ganz unterschiedliche Erfahrungshintergründe für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Die meisten Jugendlichen aus unserem Ensemble können mit Migration, mit Flucht sehr viel an familiärer oder persönlicher Erfahrung verbinden. Deshalb ist es ein Stück von 13 Jugendlichen und Martina Droste.

Ihr Ensemble ist ja fast gleich alt oder nur ein paar Jahre älter als die Kinder, die in Sicherheit gebracht wurden. Was gab es denn da für Reaktionen?

Es gibt etwa das Statement einer Jugendlichen, die selbst unbegleitet hierhergekommen ist und die sagt, Kinder alleine wegzuschicken, sei eine schlimme Erfahrung. Davon ausgehend, bearbeiten wir die Frage, wie das wohl war, plötzlich von der Familie, von der eigenen Kindheit getrennt zu sein. Von diesem biografischen Bruch, der das ganze weitere Leben begleitet, sind wir auch auf ganz aktuelle Erfahrungen zu Heimat, Ausgrenzung und Rassismus gekommen.

Hat sie das während der Proben sehr beschäftigt?

Die Jugendlichen haben auf eine faszinierende Weise angefangen, Widersprüche auszuhalten. Wir sind von einer ganz persönlichen Empathie mit den Kindern, die ihr ganzes Leben mit diesem Bruch lebten, darauf gekommen, was grade an den europäischen Außengrenzen passiert. Als wir anfingen zu arbeiten, spitzte sich die Lage an der belarussischen Grenze zu. Die Jugendlichen wissen sehr gut, in welchen Widersprüchen und Zwiespälten Menschen geworfen werden, die helfen wollen. Sie landen bei Grundwerten, bei der Frage, wie wir zusammenleben wollen.

Wie kommen Sie eigentlich an Ihr junges Ensemble - mit einem Casting?

Nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Bei uns muss niemand vortanzen oder vorsprechen. Wir machen am Anfang einer Spielzeit unverbindliche Schnupperworkshops und versuchen, bei der Einladung auf Diversität zu achten, zum Beispiel indem wir Schulen mit speziellen Sprachförderprogrammen oder Intensivklassen ansprechen. Die Diversität, die wir in der Gesellschaft haben, soll auch im Ensemble abgebildet werden. Bei der Zusammenstellung der Ensemble findet letztendlich schon eine Auswahl statt.

Wie aufwendig muss ich mir den das Entstehen von „See You.“ vorstellen?

Wir haben Ende Oktober angefangen, und nach knapp acht Wochen gab es schon die erste Probe. Wir proben dreimal in der Woche abends drei bis dreieinhalb Stunden, an einem Wochenendtag sechs Stunden. Die Jugendlichen sind sehr belastet von der Schule, weil da viel nachgeholt werden muss.

Interview: Andreas Hartmann

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