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Frankfurt: „Eine Märchenerzählung seit den 1950er Jahren“

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Von: Thomas Stillbauer

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Das Sparkassen-S in der Frankfurter Innenstadt. Es gibt Streit über ihre Geschichte.
Das Sparkassen-S in der Frankfurter Innenstadt. Es gibt Streit über ihre Geschichte. © Renate Hoyer

Die Sparkasse in der NS-Zeit – wie groß war ihre Schuld? Historiker streiten.

Die jüdische Witwe Johanna Sommer bezog eine kleine Rente, als sie 1938 von Hanau nach Frankfurt umzog: 93,10 Reichsmark brutto. 1941 verkaufte sie, vermutlich in Not, wie die Historikerin Angelika Rieber schreibt, Möbel für 325 Reichsmark und zahlte das Geld auf ihr Konto bei der Frankfurter Sparkasse ein. Worauf die Sparkasse aktiv wurde, „eilfertig“, schreibt Rieber, und einen Vorschlag an die Devisenstelle machte: Sie solle eine Sicherungsanordnung für das Geld erlassen; bis dahin sperre die Sparkasse den Betrag.

Fortan durfte Johanna Sommer monatlich nur noch über 160 Reichsmark von ihrem eigenen Geld verfügen. Bis 1942. Dann wurde sie nach Theresienstadt deportiert, später in Auschwitz ermordet. Die 800 Reichsmark, die sich noch auf ihrem Konto befanden, überwies die Sparkasse „auf das Sonderkonto H 306180 der Jüdischen Kultusvereinigung Jüdische Gemeinde. (...) Das Sicherungskonto ist hiermit ausgeglichen“. Das Geld auf dem Sonderkonto kam aber keineswegs der jüdischen Gemeinde zugute. „Praktisch flossen die Mittel nach 1940 in die Vorbereitung und Durchführung der Deportation der Juden aus den deutschen Gemeinden in die Vernichtungslager im Osten“, schreibt der Historiker Ralf Roth.

Er hat das Beispiel von Johanna Sommer – eines von Tausenden, wie er sagt – in eine Arbeit übernommen, die gerade heftigen Streit ausgelöst hat. Roth hatte den Auftrag, einige Kapitel für die Festschrift der Frankfurter Sparkasse zu ihrem 200-jährigen Bestehen in diesem Jahr beizutragen: die Zeit von 1822 bis 1945. Dabei stieß er nach eigenen Angaben auf unerwarteten Widerstand. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Frankfurter Sparkasse in diesem Grad in das nationalsozialistische System verwickelt war – und wie sehr sie das totgeschwiegen hat“, sagt er im Gespräch mit der FR. Die Sparkasse habe sich offenbar schnell in das Unterdrückerregime integriert, Juden aus der Belegschaft gedrängt und die Konten der Einleger überwacht: „Die Verwicklung geht über den ,Normalfall‘ von damals hinaus.“

Das habe die Frankfurter Sparkasse von 1822, seit 1989 mit der Stadtsparkasse Frankfurt vereinigt, aber bisher nicht in angemessener Form aufgearbeitet, sagt Historiker Roth, nach eigenen Angaben auf Unternehmensgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus spezialisiert. „Der Umgang mit den Vorgängen war später fast noch schlimmer“, urteilt er. „Es ist eine Märchenerzählung passiert seit den 1950ern bis in die 1980er Jahre.“

Als Beleg nennt er etwa den früheren Direktor Emil Emge. Er war Roth zufolge schon 1933 im Sparkassenvorstand verantwortlich für das Kerngeschäft, die Spareinlagen: „Er beteiligte sich damit direkt an der Repression gegenüber den Juden. Mehr noch, von 1939 bis 1945 stieg er zum geschäftsführenden Direktor der Frankfurter Sparkasse auf. Die Enteignung der jüdischen und darüber hinaus auch vieler ,nichtarischer‘ Sparer sowie ihre Beraubung auf der Fahrt in den Tod wurde von ihm geleitet.“ Besagter Emil Emge leitete von 1950 an wieder die Sparkasse – und ließ es sich nicht nehmen, anlässlich des 140-jährigen Bestehens 1962 „eine Viertelmillion Mark für ein Matisse-Bild zu spenden, das die Nationalsozialisten als ‚entartete Kunst‘ aus dem Städel hatten entfernen lassen und das später in Luzern versteigert worden war“, sagt Roth. Emge habe dazu gesagt, er und der Verwaltungsrat empfänden „die Spende als einen Dienst am kulturellen Leben von Frankfurt“, er wolle „zugleich nach seinen Kräften das zu revidieren versuchen, was eine ‚vergangene Epoche schlecht gemacht habe‘“.

Was den Historiker Roth umtreibt, sind nicht die Taten der Sparkassenchefs von einst, sondern jene der heute Zuständigen. Er sei vom Institut für Bank- und Finanzgeschichte (IBF), das den Auftrag zur Festschrift gab, aufgefordert worden, seinen Text umzuschreiben und entscheidende Teile zu löschen. „Ein massiver Eingriff in die Wissenschaft“, sagt er und besteht darauf, dass die Sparkasse jüdische Kunden „systematisch zu Tausenden enteignet“ habe. Er sei nur der Überbringer der schlechten Nachricht, sagt Roth: „Die Sparkasse muss sich mit den Opfern in Verbindung setzen. Das ist die jüdische Gemeinde.“

Das IBF widerspricht. „Herr Roth hat keine Ahnung von Banken- und Sparkassengeschichte“, sagt Dieter Ziegler, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des IBF. Man erfahre darüber in seinem Text wenig, es gehe vor allem um die Verfolgungsgeschichte Frankfurter Juden, „allerdings ausgerechnet um den Aspekt, wo die Sparkasse nur wenig bis gar keinen Handlungsspielraum hatte“. Für den vorauseilenden Gehorsam in der NS-Zeit, den Roth der Sparkasse vorwirft, fehlten Belege. Roths Arbeit sei handwerklich unzureichend gewesen. Das Kapitel über die NS-Zeit werde er, Ziegler, nun selbst schreiben.

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