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Frankfurt: Queere Szene nach Angriffen rund um Konstablerwache verunsichert

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Von: Timur Tinç

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In Frankfurt ist nach den Angriffen auf Menschen der queeren Szene der Wunsch nach mehr Polizei groß. Gleichzeitig wird auf Sensibilität gedrungen.

Frankfurt – Der Innenraum der Lucky’s Bar füllt sich gegen 21 Uhr am Samstagabend langsam. Auf den Bildschirmen und Monitoren laufen die ersten Textzeilen der Songs, die über die Lautsprecher ertönen. Es ist Karaoke-Abend, in den nächsten Stunden werden Hits von Bonnie Tylers „Nothing but a Heartache“ oder „Self Control“ von Laura Branigan ins Mikrofon geschmettert. Das Lucky’s ist die älteste Schwulenbar in der Stadt. Seit den Angriffen auf Dragqueens und homosexuelle Menschen in den vergangenen Monaten rund um die Konstablerwache im sogenannten Bermudadreieck herrscht auch hier eine große Verunsicherung.

„Ich finde es total schlimm, das Gefühl zu haben, da wo wir uns sicher fühlen müssten, dass sich gerade dort die Übergriffe verdichten“, sagt Bargast Benjamin Szapiro. Für den 38-Jährigen ist es ein Dauerthema. Egal, ob mit Familie, Freundinnen und Freunden oder auf der Arbeit – er spricht es überall an, damit ein Bewusstsein für die Gefahrenlage entsteht. „Für mich ist es ein institutionelles Versagen der Polizei“, sagt Szapiro. In der Vilbeler Straße steht ein Streifenwagen, der das ukrainische Konsulat schützt. „Warum kann der nicht wenige Meter weiter auf dem Kreisel stehen?“, fragt er. Am Samstag ist tatsächlich zusätzlich einer da.

Frankfurt: Videos von Angriffen auf schwule Community auf Instagram hochgeladen

Diese Diskussionen kennt Ivo Gorisch. Er ist Sprecher der Lucky’s Bar und hat nach den Angriffen einige Videos bei Instagram hochgeladen, um klarzumachen, dass es so nicht weitergehen kann. „Es gibt eine aggressivere Grundstimmung“, sagt Gorisch. Ein Stück weit habe das auch mit einem Club zu tun, der Ende vergangenes Jahr in der Alten Gasse aufgemacht hat. Gerade von den Wartenden dort gäbe es Anfeindungen. „Es sind auch schon zwei Täter aus dem Club rausgezogen worden“, sagt Gorisch. Wenn die Frust hätten oder angetrunken seien, „sehen sie uns als leichte Opfer“. Meistens sind es junge Männer. Er glaubt, dass Corona unglaublich viel an Zusammenleben weggenommen hat. „Viele, die jetzt ausgehen, erleben uns neu und begreifen uns als anders. Anders ist im Zweifel nicht gut, sondern schlecht“, so Gorisch.

Ein Streifenwagen steht am Samstagabend auf dem Regenbogenkreisel in der Frankfurter Innenstadt.
Ein Streifenwagen steht am Samstagabend auf dem Regenbogenkreisel in der Frankfurter Innenstadt. © Renate Hoyer

Als der heute 39-Jährige im Jahr 2008 nach Frankfurt kam, haben im Laufe der Zeit die Schwulen-Clubs eher zugemacht, weil die Leute akzeptiert worden seien. „Jetzt sind wir gerade an dem Punkt, wo die Leute nur noch zu uns kommen, weil sie sich sicher fühlen wollen“, erzählt Gorisch. Es bleibt zwar niemand den Bars fern, aber wenn die Männer nachts oder morgens früh die Bar verlassen, tun sie das oft nicht mehr alleine, sondern zu zweit oder zu dritt. „Ein Kollege hat letztens auch ein Pfefferspray ausgepackt, bevor wir raus sind.“

Queere Szene in Frankfurt: Polizei verstärkt Präsenz rund um Konstablerwache

Am Samstagabend laufen Männer Händchen haltend durch die Vilbeler Straße. Ein Mann tanzt auf dem Regenbogenkreisel zur Musik, die aus seinem Handy kommt. Die Vorbeilaufenden belächeln das Ganze nur. „Abends ist viel Polizei unterwegs. Aber der Tanz geht erst ab 1 Uhr los“, sagt Szapiro. Um die queere Community zu schützen, braucht es aus Sicht von Gorisch einen Mix aus Maßnahmen. „Adhoc hilft nur starke Polizeipräsenz“, findet der gelernte Flugbegleiter.

Ivo Gorisch von der Lucky’s Bar hat klare Forderungen an Politik und Polizei.
Ivo Gorisch von der Lucky’s Bar hat klare Forderungen an Politik und Polizei. © Renate Hoyer

Er habe zwar Verständnis dafür, dass die Beamtinnen und Beamten, die vor dem Konsulat ihre Position nicht verlassen könnten, um Unterstützung rufen müssten. „Für die Leute ist es aber ganz schlimm, abgewiesen zu werden“, sagt Gorisch. Zumal in den frühen Morgenstunden, wo die meisten der Angriffe passiert sind, die Polizei teilweise gar nicht mehr da oder zu weit weg sei. Das müsse sich ändern. Auch Kameras seien ein Thema gewesen, berichtet Gorisch. „Aber das wollen wir eigentlich gar nicht.“

Frankfurter Römer-Koalition will Sensibilisierung stärken - Landespolizei muss ihren Job machen

Die Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt hat einen Antrag verabschiedet, der die Prävention, Aufklärung, Bildung und Sensibilisierung stärken soll. Das Thema Erhöhung der Polizeipräsenz war bewusst kein Teil davon. „Die Landespolizei ist nicht auf Anträge der Stadt angewiesen, um ihren Job zu machen“, erklärt Dimitrios Bakakis, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Zumal es auch innerhalb der queeren Community sehr unterschiedliche Ansichten zur Polizei gibt.

Vor allem Transgender und People of Color hätten Vorbehalte, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hätten. „Die Polizei muss auf die queere Community zugehen und die queere Community muss offen sein“, fordert Bakakis. Er habe kürzlich mit dem neuen Polizeipräsidenten Stefan Müller gesprochen, der offen für Kritik und gewillt sei, „seinen Teil dazu beizutragen, dass sich etwas ändert.“

Polizei Frankfurt kündigt Treffen mit Vertretern der queeren Community an

Ein Treffen mit der queeren Community und dem Polizeipräsidenten soll bald stattfinden. Nötig seien eine bessere Schulung der Polizei, eine Reform der Erfassungssysteme, zielgenauere Präventionskonzepte sowie ein Milieuschutz, sagt Georgios Kazilas vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Hessen. Die Beamten könnten noch mehr sensibilisiert werden, was homophobe und transfeindliche Gewalt betreffe. Dabei sei es sinnvoll, vermehrt den Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter einzubinden. „Zudem ist die Dunkelziffer hoch, weil zum einen Übergriffe entweder von den Opfern gar nicht erst gemeldet oder nicht als queerfeindliche Gewalt registriert werden“, sagt Kazilas.

Benjamin Szapiro hat selbst keine Vorbehalte gegenüber der Polizei, aber er kennt Männer, die schlecht behandelt oder nicht ernst genommen wurden. „Ich kenne Jungs, die sind vergewaltigt worden und die Polizei hat sie gefragt: Oh, einem Mann kann das passieren?“ Ivo Gorisch wurde schon mehrfach von Gewaltopfern erzählt, dass Beamte bei der Aufnahme der Anzeige einen Kollegen dazugeholt hätten, „nur um zu glotzen“.

Die Regenbogenfahne vom „Zum Schwejk“ in der Schäfergasse.
Die Regenbogenfahne vom „Zum Schwejk“ in der Schäfergasse. © Renate Hoyer

Angriff auf Dragqueen „Ember Remember“: Auch Vorbehalte innerhalb der Frankfurter Schwulenszene

Allerdings gäbe es auch innerhalb der queeren Szene noch einiges an Arbeit zu leisten. Als die Dragqueen Ember Remember auf der Straße zusammengeschlagen wurde, „hat ein bekanntes Mitglied der Frankfurter Community zu mir gesagt: Sie muss sich nicht wundern, wenn sie so auf die Straße geht“.

Benjamin Szapiro erzählt, dass über alles Mögliche schon diskutiert worden sei. Über Lockvögel, um mögliche Angreifer in die Falle zu locken. Auch Sachen wie „unsere Kanaks“ kämen ihm viel leichter über die Lippen. „Aber wenn ich drüber nachdenke, finde ich schlimm, dass man so redet.“

Queere Szene in Frankfurt fordert: Arabisch aussehende Menschen nicht vermehrt kontrollieren

Ivo Gorisch findet es schwierig, wenn die Polizei vorschlägt, arabisch aussehende Menschen vermehrt zu kontrollieren. „Das ist das Letzte, was wir wollen“, sagt er. Mit den meisten käme man gut aus, das Lucky’s habe viele arabischstämmige Gäste. „Wir wollen nicht, dass die Leute zehnmal gefilzt werden, nur weil sie so aussehen, wie sie aussehen. Dann machen wir genau das, was ein gewisser Teil der Gesellschaft mit uns macht.“

Am vergangenen Mittwoch gab es ein Treffen der Wirte der szenebekannten Lokalitäten, um zu überlegen, was man tun könne. Ein privates Sicherheitsunternehmen zu engagieren, sei teuer und würde nur bedingt helfen, wenn ein Angriff mehrere Straßen weiter passiere. „Wir haben entschieden, dass wir eine Datenbank aufmachen wollen“, sagt Gorisch. Die Wirte und Barkeeper wollen Anfeindungen, Beleidigungen und Gewalttaten aufnehmen, wenn die Leute nicht zur Polizei gehen wollen. Um die Unsicherheit in der Szene loszuwerden, das weiß Gorisch, wird aber viel mehr vonnöten sein. (Timur Tinç mit dpa)

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