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Die Schändung jüdischer Friedhof ging auch nach dem Sturz der Nationalsozialisten weiter. Sie ist bis heute eine der häufigsten antisemitischen Straftaten.
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Die Schändung jüdischer Friedhof ging auch nach dem Sturz der Nationalsozialisten weiter. Sie ist bis heute eine der häufigsten antisemitischen Straftaten.

NS-Zeit in Frankfurt

Frankfurt: Eine ganze Stadt machte im Dritten Reich mit

  • Anja Laud
    VonAnja Laud
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Das Historische Museum zeigt in einer einzigartigen Gesamtschau gleich drei Ausstellungen über die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt.

Ein gelber Judenstern mit kleinen, bräunlichroten Flecken liegt in einer Vitrine im Historischen Museum. Die Flecken sind Blut. Es stammt von der gebürtigen Frankfurterin Edith Erbrich. Als Kind musste sie den Stern an ihren Mantel nähen. Dabei stach sie sich mit ihrer Nähnadel in den Finger. Das anrührende Exponat ist in der Ausstellung „Eine Stadt macht mit“ zu sehen. Sie ist eine von insgesamt drei Schauen, die das Museum von Donnerstag an über die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt zeigt. Die Ausstellungstrias sei eine Gesamtdarstellung dieses Abschnitts der Stadtgeschichte, wie sie nie zuvor zu sehen gewesen sei, sagte Museumsdirektor Jan Gerchow bei der Vorstellung des Großprojekts.

„Die Geschichte und Ideologie des NS zu verstehen, um den Versprechen von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen zu widerstehen: Das muss auch heute ein Hauptziel von historischer und politischer Bildung sein“, begründete Gerchow, warum sein Haus 2018 die Weichen für das Ausstellungsprojekt gestellt hatte. Zuvor sei, so der Historiker, die Zeit des Nationalsozialismus nur in Ausstellungen beleuchtet worden, die sich mit einzelnen Aspekten wie der Zerstörung jüdischen Lebens in Frankfurt befasst hätten. Ziel der Gesamtschau sei es, möglichst viele Menschen zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Stadt anzuregen.

Die kunsthistorische Ausstellung „Eine Stadt macht mit“ arbeitet die Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt „minutiös“ auf, wie Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) lobte. Sie befasst sich mit der Frage, wie es den Nationalsozialisten in Frankfurt, das in der Weimarer Republik als „Stadt der Juden und Demokraten“ galt, so schnell gelang, die Kontrolle zu bekommen. Dafür gab es zwei wesentliche Gründe: Antisemitismus grassierte in Frankfurt schon vor der Machtergreifung 1933. „Das Hotel Kölner Hof am Hauptbahnhof warb schon ab 1895 damit, es sei das einzige judenfreie Hotel in der Stadt“, sagte Jenny Jung, eine der Kurator:innen der Ausstellung.

Der zweite und wichtigste Grund: Es gab viele, viele Frankfurterinnen und Frankfurter, die im Nationalsozialismus mitmachten. „Eine Stadt macht mit“ führt die Besucherinnen und Besucher an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie dieser die Stadt und den Alltag prägte und wo Menschen sich schuldig machten, etwa als Täter:innen, Mitläufer:innen oder Profiteure.

Ausstellungen

Im Historischen Museum , Saalhof 1, werden zu dem Thema „Frankfurt und der NS“ am morgigen Donnerstag, 9. Dezember, gleich drei Ausstellungen eröffnet.

Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ führt Besucherinnen und Besucher an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie der Nationalsozialismus die Stadt und den Alltag der Menschen 1933 nach der Machtergreifung Adolf Hitlers prägte.

Die Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ ist im Stadtlabor des Historischen Museums entstanden. Frankfurterinnen und Frankfurter haben dafür in Frankfurt Orte, Dinge oder Ereignisse untersucht, die sie persönlich an die NS-Zeit erinnern.
Das Junge Museum des Historischen Museums gibt mit der interaktiven Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ Einblick in das Alltags- und Familienleben junger Frankfurterinnen und Frankfurter im Nationalsozialismus. Sie ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet.

Die Ausstellungen „Eine Stadt macht mit“ und „Auf Spurensuche im Heute“ sind bis zum 11. September kommenden Jahres zu sehen. Die Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ läuft bis zum 23. April 2023.

Das Begleitprogramm zu der Ausstellungstrias bietet neben Führungen und Vorträgen unter anderem auch Kunstperformances und Stadtgänge an. Ein Überblick findet sich auf der Webseite des Historischen Museums. Die Seite wird nach Angaben des Museums laufend aktualisiert. www.frankfurt-und-der-ns.de/de

Zu „Eine Stadt macht mit“ gibt es ein reich illustriertes Begleitbuch mit 336 Seiten, in dem alle Exponate der Ausstellung vorgestellt und erläutert werden. Es ist für 30 Euro im Museumsshop erhältlich.

Wer die Sonderausstellungen besucht, sollte auch zum biografischen Kabinett des Museums gehen. Dort ist im Kontext der Gesamtschau seit neuestem eine Präsentation zu sehen, die sich dem Leben des schwarzen Deutschen Theodor Wonja Michael (1925-2019) widmet. Michael war im Dritten Reich seine deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden, er musste Zwangsarbeit leisten. Wegen seiner Arbeit als Zeitzeuge wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. lad

Ein zentraler Ort sei die Stadtverwaltung gewesen, hob Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hervor. Oberbürgermeister Friedrich Krebs, schon seit 1929 Mitglied in der NSDAP, enthob jüdische und politisch anders denkende Mitarbeitende und Beamt:innen ihres Amtes. Die überwiegende Mehrheit der im Rathaus Tätigen waren Wendehälse. Sie dienten erst der Weimarer Republik, machten im Nationalsozialismus mit und verschafften ihm so auch eine Legitimation gegenüber der breiten Bevölkerung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten viele auf ihren jeweiligen Posten weiterarbeiten, als wäre nichts geschehen. Die Opfer, so Feldmann, hätten im Rathaus in der neuen Demokratie an den Schreibtischen derjenigen gesessen, die sich zu Helferinnen und Helfern der Nazis gemacht hätten oder sogar Täterinnen und Täter gewesen seien.

Die Hemmschwelle, Jüdinnen und Juden oder Andersdenkende zu verraten, senkte die Gestapo, die Geheime Staatspolizei, ab, indem sie an der Hauptpost ein Postfach einrichtete, in dem jeder, der wollte, unerkannt und anonym einen Brief einwerfen konnte, um Menschen zu denunzieren. Den Briefkasten gibt es natürlich nicht mehr, aber der Nationalsozialismus hat auch heute, 76 Jahre nach Ende der Schreckensherrschaft, in der Stadt seine Spuren hinterlassen, solche, die fassbar sind, und solche, die sich in den Köpfen und Seelen der Menschen als Erfahrungen, Erinnerungen oder Ideologien eingegraben haben. Und genau damit beschäftigt sich die „Spurensuche im Heute“, eine Ausstellung, die im Stadtlabor des Historischen Museums mit Frankfurterinnen und Frankfurtern erarbeitet worden ist.

Anders als bei anderen Ausstellungen des Stadtlabors sei die Beteiligung nicht ausgeschrieben worden, berichtete Kuratorin Angela Jannelli. Für dieses Projekt sei es wichtig gewesen, hinsichtlich des Alters, des Geschlechts, der Herkunft und der sexuellen Orientierung eine möglichst diverse Gruppe von Spurensucherinnen und -suchern zusammenzustellen, um zu untersuchen, welche Prägungen, Gefühle, Einstellungen oder Ideale aus der Zeit des Nationalsozialismus bis heute in unterschiedlichen Gruppen nachwirkten.

Die Ausstellung zeigt 25 persönliche Zugänge zu dem Thema. Die Stadtlaborant:innen untersuchten die Geschichte ihrer Familie oder Nachbarschaft, sie thematisierten das Schweigen, den Wunsch nach Vertuschung und die stille Komplizenschaft mit vorangegangenen Generationen. Sie setzten sich mit der Frage auseinander, wie Erinnerung gestaltet werden kann, wenn die letzten Zeitzeuginnen oder Zeitzeugen gestorben sind und wie Migrant:innen mit der deutschen Geschichte umgehen, die mit ihrer Einwanderung auch zu ihrer geworden ist.

„Nachgefragt: Frankfurt und der NS“, die Ausstellung im Jungen Museum des Historischen Museums, wendet sich an Kinder ab zehn Jahren und Jugendliche. Sie ist interaktiv und bietet den Besucherinnen und Besuchern die Biografien und Lebensgeschichten von jungen Frankfurter:innen an, die in der Zeit des NS lebten.

Auch in der Ausstellung „Eine Stadt macht mit“ werden Menschen und ihre Biografien vorgestellt. So ist in der Schau eine umgearbeitete Motorradhose zu sehen, die Fanny Schreck trug. Sie wollte sich dem vorherrschenden Bild der Frau als treusorgende Ehefrau und Mutter nicht beugen und sauste in ihrer Lederhose weiter auf ihrem Motorrad durch Frankfurt.

Koffer von Renata Harris, die als Kind ins sichere England gebracht wurde. Ihre Mutter hatte ihn ihr geschickt. Die Mutter selbst wurde von den Nazis umgebracht.
Frühe Indoktrination der Kinder: eine Puppe in der Uniform des Bunds deutscher Mädel (BDM).

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