1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Eine Frau gibt alles für den Sport

Erstellt: Aktualisiert:

Von: George Grodensky

Kommentare

Petra Römer freut sich darauf, am Tag der offenen Tür wieder neue Menschen kennenlernen zu können.
Petra Römer freut sich darauf, am Tag der offenen Tür wieder neue Menschen kennenlernen zu können. © christoph boeckheler*

Petra Römer steht seit Mai an der Spitze der großen TG Bornheim. Am Samstag ist Tag der offenen Tür.

Ob sie helfen soll, die Stühle wegzurücken, fragt die Dame am Empfang des Sportcenters an der Inheidener Straße. Petra Römer verneint. „Selbst ist die Frau“, sagt die Vorsitzende der TG Bornheim launig und packt an. Dann begrüßt sie ein paar bekannte Gesichter. Auf dem kurzen Weg zum Büro tauscht sie eine ganze Reihe von freundlichen Hallos aus. Auch wenn sie bei weitem nicht alle der fast 30 000 Gesichter kenne, die Mitglied der Turngemeinde sind. Manchmal setze sie ihr Pokerface auf und nicke freundlich, verrät sie, wenn jemand sie anspricht, den sie nicht sofort zuordnen kann. Etwa wenn sie auf der Berger Straße unterwegs ist.

Petra Römer, 55 Jahre, ist ja nicht nur Vorsitzende des nach der Eintracht mitgliederstärksten Vereins Hessens. Sie ist seit ewigen Zeiten Clubmitglied. Mit knapp fünf Jahren ist sie eingetreten. „Meine Mutter war ganz stolz.“ Andere Kinder gehen zu der Zeit erst ab sechs Jahren ins Turnen. Heute kaum vorstellbar. „Die Frauen kommen schon, bevor das Kind überhaupt geboren ist“, flachst Römer. Oder spätestens kurz darauf, zu „Babys in Bewegung“ (ab zwei Monaten).

Als die fünfjährige Petra erstmals die altehrwürdige Halle an der Berger Straße betritt, ist das Sportangebot der TG noch überschaubar. „Bockspringen und Bodenturnen“, scherzt sie. Römer stört das nicht. „Mein Leben bestand aus Turnen und Ballett“, sagt sie. „Und Schule“, schiebt sie noch hinterher. Sie beschließt, der Turnlehrerin zu helfen.

Römer bildet sich in einem Lehrgang als Gruppenhelferin fort. Später macht sie den Trainerschein, schließlich, mit 16, 17 Jahren, wird sie beim Vorsitzenden vorstellig und fragt, ob sie eine eigene Gruppe übernehmen dürfe. Sie darf und stellt der Turngemeinde Jazzdance vor. „Das war der Renner damals“, erinnert sie sich. Allerdings noch nicht in Bornheim. Da gibt es neben dem Geräteturnen zwar bereits eine Gymnastikgruppe für Damen. Die sportelt aber ohne Musik. Die „graue Eminenz“ Emmi Hollfelder macht ihrer Truppe mit lauter Stimme und einem Tamburin Beine.

Nun also Jazzdance. Zur Auftaktstunde rührt der Vorstand ordentlich die Werbetrommel, die Halle ist voll. Petra Römer bleibt fast das Herz stehen, versucht sich hinter ihrem Kassettenrekorder zu verstecken. „Als 17-Jährige ist man ja noch keine gestandene Frau“, sagt sie. Als sie loslegt, ist dann Emmi Hollfelder geschockt: Englischer Pop statt Tamburin klingt übers Parkett. Römer lacht. „Den jüngeren Frauen hat es gut gefallen.“

Fortan ist die Aufteilung klar, die beiden Übungsleiterinnen verstehen sich auch gut. „Sie hat mich ins Herz geschlossen“, sagt Römer.

Vielleicht wegen ihrer klaren, verbindlichen Art. Römer babbelt nichts so daher. Auch wenn sie das Wort „babbeln“ durchaus gerne verwendet, ab und an rutscht sie ins hessische Idiom. Aber Reden ist ihr kein Selbstzweck, sie fragt auch viel, hört zu. Sie möchte genau wissen, was gut läuft, was nicht, was andere denken. „Austausch ist doch wichtig“, sagt sie ernsthaft.

Es gibt auch viel zu erfahren. „Frankfurt ist die Welt“, sagt Römer, das zeigt sich in der TG. Von Alt bis Jung kommen die Menschen zum Sport. Alle möglichen Nationen finden zusammen. Nicht nur zum Sport, hat Römer beobachtet. Nach den Kursen stehen die Menschen beisammen, babbeln noch ein bisschen, gehen etwas trinken, Bekanntschaften entstehen, Freundschaften.

TAG DER OFFENEN TÜR

Die Turngemeinde Bornheim lädt für Samstag, 10. September, zum Tag der offenen Tür. Von 10 bis 18 Uhr stellen sich die Abteilungen vor. Es gibt Vorführungen und Mitmachangebote, Gespräche mit den Trainerinnen und Trainern. Wer direkt vor Ort Mitglied wird, spart die Anmeldegebühr und den Monatsbeitrag für September.

Mit ihren 29 000 Mitgliedern ist die TG nach der Eintracht der mitgliederstärkste Verein in Hessen. Die Turngemeinde unterhält 19 Sportstätten, hat 21 Mitarbeiter, 350 Übungsleiter, 100 Theken-Kräfte und weitere 100 Ehrenamtliche, die sich in verschiedenen Bereichen einbringen.

Petra Römer ist seit Mai 2022 Vorsitzende, Vereinsmitglied ist sie mit fast fünf Jahren geworden. Vorgänger Peter Völker ist inzwischen Ehrenpräsident.

www.tgbornheim.de

Ob sie nach all den Jahren nicht mal was anderes als die TG sehen wollte? Der Gedanke sei ihr nie gekommen, sagt sie. Irgendwann fragt der Vorsitzende, Peter Völker, ob sie nicht eine kleine Zusatzaufgabe übernehmen wolle. Daraus werden größere Aufgaben. „Er hat so eine gewinnende Art“, sagt sie. 2000 rückt sie an seiner Seite in den Vorstand. „Ich habe viel von ihm gelernt.“ 2022 tritt Völker ab, im Mai küren die Mitglieder Römer zur neuen Vorsitzenden.

Die TG ist zwar ein Großsportverein, sagt Römer, ein Fitness-Dienstleister soll sie aber nicht sein. Entsprechend hält der Vorstand das Vereinsleben in Ehren. Es gibt eine Reihe von Festen, die das Gemeinschaftsgefühl stärken sollen. Es gibt Dankesabende für die Ehrenamtlichen, immerhin bringen sich mehr als 100 Menschen unentgeltlich ein bei der TG. „Opfern ihre Zeit“, sagt Römer.

Natürlich sei der Club auch auf die Mitgliedsbeiträge angewiesen. Aber das Geld sei nicht alles. „Es geht darum, den Menschen eine Anlaufstelle zu geben, wo sie sich wohlfühlen.“ Auch wenn das Gros einfach nur zum Sport komme, da macht sich Römer keine Illusionen.

Und doch wirkt es glaubwürdig, wenn sie den familiären Zusammenhalt beschwört. Als die Sportstätten in der Pandemie fürs Publikum schließen müssen, legt die TG sofort ein Online-Angebot auf. Nicht nur für die Mitglieder. Alle dürfen mitturnen. Und: „Wir haben ja Übungsleiter, die davon leben“, sagt Römer. Die TG schickt ihre Mitarbeitenden nicht in Kurzarbeit, beschäftigt sie weiter, unterstützt.

Das Angebot kommt gut an. So gut, dass es weiterläuft. TG-Mitglieder können von zu Hause aus turnen. Aus inzwischen zwei Gymnastikräumen gibt es Internetübertragungen. „Es gibt ja noch manche, die wegen Corona vorsichtig sind.“ Oder die nicht rechtzeitig von der Arbeit kommen. Oder deren Kind krank ist.

Römer ist selbst noch Übungsleiterin, für Bauch-Beine-Po und Pilates. Manch Besucher ihrer Kurse schwärmt regelrecht. Von ihrer gestrengen, aber motivierenden Art. Oder wie einfühlsam sie mit sehbehinderten Teilnehmerinnen umgehe. „Wir sind ein eingespieltes Team, sagt sie lapidar. „Ich bemühe mich, so viel die Bewegungen zu beschreiben wie möglich.“ Als wäre das selbstverständlich.

Wer möchte, kann am kommenden Samstag beim Tag der offenen Tür der TG die verschiedenen Sportangebote kennenlernen. Sie werde oft gefragt, ob es nötig sei, „als noch Werbung zu machen“, erzählt Römer. Und antwortet: „Auf jeden Fall.“ Frankfurt sei eine Stadt in Bewegung, Menschen ziehen fort oder kommen neu an. Die gelte es zu informieren. „Außerdem ist das doch schön“, sagt Römer. Fremde Menschen könnten so ohne große Hemmschwelle ins Haus kommen und zuschauen, mitmachen, miteinander ins Gespräch kommen. „Wenn sich die Leute für uns interessieren, ist das ein gutes Gefühl“, sagt Römer.

Auch interessant

Kommentare