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Kultur

Frankfurt: Eine experimentelle Stadtexkursion spürt dem Unhörbaren der Stadt nach

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Haike Rausch und Torsten Grosch entführen in die Zwischenwelt der elektromagnetischen Felder - kontaktlos und coronakonform

Die Kinder nehmen das mit den Geistern ein bisschen zu ernst. Misstrauisch stehen sie vor der großen Bronzestatue von David und Goliath auf der Hauptwache. Es ist 17 Uhr, die Sonne verschwindet langsam hinter den Hochhäusern. „Wacht der gleich auf?“, fragt der Kleine ängstlich und deutet auf David. „Der andere sicher nicht, der ist kaputt“, schlaumeiert die Große.

Die Familie ist eigens aus dem Taunus in die große Stadt gereist, um die Ghost-Hunting-Tour abzulaufen. Eine richtige Geisterjagd hat der Vater versprochen. Jetzt rudert er zurück. „Es geht darum, den elektromagnetischen Schwingungen in der Frankfurter Innenstadt nachzuspüren“, versucht er zu erklären. Große Augen schauen ihn an.

Vielleicht bringen die Schöpfer der Tour Licht ins Dunkel. Das Ghost Hunting haben Haike Rausch und Torsten Grosch ersonnen. „Elektromagnetische Felder gibt es überall“, sagt Rausch. In der Natur oder im Ballungsgebiet. Das Erdmagnetfeld zum Beispiel. Im Stadtzentrum mit all seinen Elektrogeräten, Stromleitungen, Mobilfunkantennen und WLAN-Netzen sind sie besonders stark, gleichwohl für das menschliche Ohr nicht zu hören.

Rausch und Grosch haben das geändert. Sie sind durch die City gestreift und haben den Klängen gelauscht. Mit Hilfe eines Transformators, eines furchtbar komplizierten Geräts, das der hier schreibende Physiklaie nun wirklich nicht erklären kann. Zu hören ist überall etwas. Nur am Dom gibt es einen Flecken, der völlig frei von elektromagnetischen Frequenzen ist. An den Stellen, an denen Rausch und Grosch das Hintergrundrauschen besonders eigentümlich schien und an denen es auch einen Außenbereich für Aufenthalte gibt, haben sie pausiert und die Klänge aufgenommen. Diese neun Stellen bilden die Stationen von Ghost Hunting.

Die Familie schlendert weiter zum Goetheplatz. Dort schaut der Vater das Denkmal skeptisch an. Was würde der Dichterfürst sagen, wenn er erwachte zwischen Büchergrossisten, und Handtaschenshop, zwischen fernöstlicher Nudelbar und Rolex-Leuchtreklame? Vermutlich so etwas, wie: „Der Kreativität sind neben Begabung, flüssigem Denken und Assoziationsfreude auch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zur Grenzüberschreitung bedeutsam.“ Nee, warte mal, das sagen Rausch und Grosch.

GHOST-HUNTING

Künstlerin Haike Rausch und Künstler Torsten Grosch haben die experimentelle Stadtführung einer Geisterjagd nachempfunden. An neun Stationen in der Innenstadt können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer übers Smartphone dem Klang der elektromagnetischen Felder lauschen. Zwischenwelten, die gleichermaßen da, aber mit dem menschlichen Ohr nicht zu hören sind.
Stationen sind an der Zeil, Hasengasse, Domstraße, Markt (Neue Alt-stadt), Berliner Straße/Paulskirche, Bleidenstraße, Hauptwache, Goetheplatz, Willy-Brandt-Platz.

Der Ausflug ist kostenlos , über Spenden freut sich der Kunstverein des Duos: www.quersumme8.org. sky

www.ghosthunting-ffm.431art.org

Zumindest spricht eine verzerrte Stimme auf der Audiodatei diese Worte. Die Künstlerin und der Künstler haben zu jeder Station eine Tonaufnahme im Internet hinterlegt. Darauf sind die elektromagnetischen Felder zu hören und ein paar Worte als Einleitung. „Assoziativ“ seien diese Wortgebilde, sagt Rausch. „Sie beziehen sich auf den jeweiligen Ort.“ Und auf das Rauschen der elektromagnetischen Felder natürlich.

Auch deren Interpretation ist assoziativ. Sie brummen, knistern und zirpen nach Herzenslust. Mal lauter, mal leiser, mal sind Wellenbewegungen mitzuerleben. Wer zu lange lauscht, schweift auch mal ab und gerät in Meditation. „Es ist eine Zwischenwelt“, sagt Rausch. Sie ist zwar da, gleichzeitig aber auch nicht, weil sie normalerweise nicht zu hören ist. Da ist sie wieder, die Geisterjagd.

Wer teilnehmen möchte, kann sich von der Ghost-Hunting-Internetseite einen Flyer ausdrucken. Darauf sind QR-Codes für die einzelnen Stationen zu finden. Einfach vor Ort ein lauschiges Plätzchen aussuchen und dann mit dem Smartphone den Code scannen. Im Stadtbild haben Rausch und Grosch keine Codes hinterlassen. Dann müsste man immer mal nachschauen, ob die nicht vielleicht wie von Geisterhand verschwunden sind. QR-Code-Muffel können auch mit dem Smartphone unterwegs zur Website surfen und die Klangdatei dort anklicken. Das ist halt ein bisschen mehr Gefuddel.

Klar im Vorteil sei, wer einen geschlossenen Kopfhörer nutze, findet Grosch. Das ist richtig. An der Station Bleidenstaße pflanzt sich die Familie gemütlich auf eine Bank am Stoltze-Platz. Die Kinder mümmeln Kekse. Die Eltern lauschen der Zwischenwelt – und den jungen Männern, die mit heruntergekurbelten Fenstern vorbeifahren und sehr laute Musik erschallen lassen. In den Lärmpausen macht die automatisierte Ströer-Werbetafel komische Schleifgeräusche.

18 Uhr. Die Kirchturmuhr läutet. „Papa, weißt du, der Boden müsste mal ein bisschen gesäubert werden“, philosophiert der Junior. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit können Entdeckerinnen und Entdecker sich auf die Geisterjagd begeben. Eine feste Reihenfolge haben die Stationen nicht, auch wenn die Tour offiziell auf der Zeil beginnt, zwischen Brönnerstraße und Schäfergasse. Nachts sei die Strecke vielleicht spannender als am Tag, empfiehlt Rausch, weil in der Dunkelheit die visuellen Eindrücke abnähmen. „Man kann die Stadt anders wahrnehmen, als man sie kennt.“

Das Konzept scheint anzukommen. Etwa 1000 Abenteuerlustige sind seit Dezember auf Geisterjagd gegangen. Eigentlich sollte das nur bis Januar möglich sein. Aber Rausch und Grosch haben verlängert, bis zum 17. März. Der Pandemie wegen. Viel Kultur ist ja derzeit wegen Corona nicht drin, da bietet Ghost Hunting eine gute Gelegenheit, mal rauszugehen auf eine Erkundungstour mit kulturellen Touch.

Nach kurzem Überlegen schiebt Torsten Grosch nach: „Ich glaube, wir lassen es offen, bis der ganze Spuk vorbei ist.“

Wenn das nicht gespenstisch ist: Im Datenstrom sei das Löschen einzelner Daten nicht möglich, raunt die Stimme aus dem Smartphone an der Ecke Berliner Straße/Sandgasse.
Die Berliner Straße am Abend in Pandemiezeiten.

Rubriklistenbild: © Christoph Boeckheler 2021

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