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Frankfurt: Ein Zuhause nach 29 Jahren auf der Straße

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Von: Steven Micksch

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Achim Kaffenberger schätzt seine 30 Quadratmeter Lebensqualität, und den eigenen Namen am Briefkasten.
Achim Kaffenberger schätzt seine 30 Quadratmeter Lebensqualität, und den eigenen Namen am Briefkasten. © Michael Schick

Ein Housing-First-Wohnprojekt in Frankfurt bietet Menschen eine Chance, die lange Zeit obdachlos waren. Der Bedarf ist groß, doch Wohnraum, für solche Initiativen ist rar.

Achim Kaffenberger sitzt auf seinem Stuhl in seinem Wohnzimmer und schaut sich zufrieden um. Hinter dem 59-Jährigen führt eine Tür vorbei an seinen orangefarbenen Vorhängen auf den Balkon, der einen eindrucksvollen Skyline-Blick in die Frankfurter Innenstadt bietet. Dass Kaffenberger eine 30 Quadratmeter große Wohnung im obersten Stock des GWH-Mietshauses in Frankfurt-Sossenheim besitzt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Hesse war mehr als 29 Jahre obdachlos und hat nun zurück in die Gesellschaft gefunden. „Einfach mal wieder auf einer Matratze pennen“, dass sei für ihn etwas Besonderes. Dann erzählt er von dem Gefühl was er bekommt, wenn er seinen Namen am Briefkasten sieht – seine Augen werden feucht.

Kaffenberger ist einer von zwölf obdachlosen Menschen, die in der Liegenschaft der Wohnungsgesellschaft GWH ein neues Zuhause gefunden haben. Möglich gemacht hat dies ein sogenanntes Housing-First-Projekt in Kooperation mit der Diakonie Frankfurt/Offenbach.

Beim Konzept des Housing-First endet die Betreuung der Menschen nicht mit dem Einzug in die Wohnung, sondern wird kontinuierlich fortgesetzt. Deswegen gibt es auch zwei Sozialarbeiter:innen der Diakonie, die in einem Büro auf dem Grundstück weiterhin für die Bewohner:innen ansprechbar sind. Alle ehemaligen Obdachlosen haben einen eigenen Mietvertrag. Die Miete zahlt in der Regel die Stadt, da alle Sozialleistungen beziehen.

Achim Kaffenberger freut sich, endlich wieder eine Wohnung für sich zu haben.
Achim Kaffenberger freut sich, endlich wieder eine Wohnung für sich zu haben. © Michael Schick

Sozialarbeiterin Karin Henkes von der Diakonie übernimmt gemeinsam mit einem Kollegen die Betreuung im Wohnhaus. „Wir versuchen möglichst einmal in der Woche mit den Zwölf ins Gespräch zu kommen.“ Sie seien täglich für die Bewohner:innen verfügbar, es habe sich auch bereits Vertrauen aufgebaut, was eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit ist. „Es dauert bis man ankommt“, erzählt Henkes. Man müsse lernen die Post zu sortieren oder andere alltägliche Dinge meistern. Manche der Menschen hätten anfangs noch im Schlafsack geschlafen andere hätten sich Möbel aus dem Sozialkaufhaus besorgt, um es möglichst heimelig zu haben. „Es ist wichtig, dass die Leute sich wohlfühlen, aber nicht verwahrlosen.“

Anlaufstellen

Casa 21, Zentrum für Wohnungslose, Klingerstraße 8, Mo/Di/Do/Fr 8.30-11.30 Uhr, Mi 14-16 Uhr.

Weser 5, Soziale Beratungsstelle, Weserstraße 5, geöffnet wochentags ab 8.30 Uhr.

17-Ost Tagestreff für Frauen, Alfred-Brehm-Platz 17, geöffnet Mo-Fr 11-17 Uhr.

Beratungszentrum des Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, Bleichstraße 38a.

Teestube Jona, Gutleutstraße 121, Mo/Di/Mi/Do/So 16-21 Uhr.

Franziskustreff, Schärfengäßchen 3, Mo-Sa 7.45-11.15 Uhr.

Kältebus-Nummer: 069 / 431 414 mic

Kaffenberger war der erste, der im Oktober vergangenen Jahres den Schlüssel zu seiner Wohnung bekam. Der Mann aus dem Odenwald, der in den 90ern seinen Beruf als Bäcker verlor und dann keinen Halt in der Familie fand und schließlich obdachlos wurde, schlief jahrelang nur auf Friedhöfen. Seine Wohnung sei ein Sechser im Lotto, in Gemeinschaftsunterkünften fühle er sich nicht wohl.

Die 47-jährige Sabine wohnt seit November in Sossenheim. Vier Jahre lebte sie zuvor im Freien, lebte von der Hand in den Mund. „Aber meine Würde habe ich behalten.“ Sie ist dankbar sauberes und warmes Wasser zu haben und endlich keine Angst mehr haben zu müssen. Die Wohnung biete ihr Sicherheit und nun suche sie nach einem Job.

Frankfurts Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) würde gern viel mehr solcher Angebote schaffen. Es fehle aber an Liegenschaften, Wohnraum oder Wohnungsgesellschaften, die sich trauen, so ein Projekt zu realisieren. „Danke, dass Sie zu Ihrer sozialen Verantwortung stehen“, sagte sie am Dienstag bei einer Presseveranstaltung vor Ort zu Michael Back, Leiter der Geschäftsstelle Süd bei der GWH Hessen. Ein solches Wohnprojekt bringe Normalität und Teilhabe für obdachlose Menschen, die auf dem privaten oder öffentlichen Markt einfach keine Chance hätten.

Ein abschließbarer Rückzugsraum ist nicht für alle Menschen selbstverständlich.
Ein abschließbarer Rückzugsraum ist nicht für alle Menschen selbstverständlich. © Michael Schick

Back wiederum sagte, dass er und sein Team versucht haben, einen kleinen Beitrag gegen das große Problem der Obdachlosigkeit zu leisten. Man wolle lebenswerte und zukunftsfähige Quartiere für untere und mittlere Einkommen schaffen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken. Das Projekt sei ein Baustein. Bis heute gebe es keine Beschwerden oder Bedenken der anderen Nachbarn im Haus, ob der Tatsache, dass ehemalige obdachlose Menschen einziehen.

Markus Eisele, Theologischer Geschäftsführer im Evangelischen Regionalverband der Diakonie Frankfurt und Offenbach, wies darauf hin, dass Wohnen ein Menschenrecht sei. Die unzureichende Wohnungspolitik der letzten Jahre habe bezahlbaren Wohnraum vernachlässigt. Er warnte auch davor, dass demnächst viele weitere Haushalte in eine wirtschaftliche Notlage kommen könnten und ein Wohnungsverlust durch Zwangsräumungen nicht akzeptabel seien. Auch Gas- und Stromsperren müssten verboten werden.

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