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So soll das Denkmal einmal aussehen.

Holocaust

Frankfurt „Ein starkes Bild für Unfassbares“

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Ein neues Denkmal soll an Kindertransporte erinnern, die viele Menschen retteten.

Mit gut drei Metern Durchmesser und eineinhalb Metern Höhe ist es etwas größer als in den 30er Jahren unter Kindern in Großbritannien beliebt. Das „Waisen-Karussell“ ist ein besonderes Spielgerät. Auf eindrückliche Art soll es ab Frühjahr 2021 im Frankfurter Zentrum an ein emotionales Thema erinnern: die Kindertransporte ins Ausland, die während der NS-Zeit mindestens 20 000 Kindern von Verfolgten das Leben retteten.

Die USA und mehrere europäische Länder nahmen in diesen Jahren Minderjährige auf; die meisten konnten bei Pflegefamilien in Großbritannien unterkommen. Ohne Eltern, mit Trauma, aber – durch das Engagement jüdischer und christlicher Gemeinden und Privatpersonen – lebend. Organisationen wie Refugee Children’s Movement (RCM) und „Loge B’nai B’rith“ setzten sich dafür ein.

„Als ab 1938 Kinder von NS-Verfolgten ins Ausland gerettet wurden, war es den Eltern nicht gestattet gewesen, sie zum Bahnhof zu begleiten, weil man Aufmerksamkeit erregende Abschiede vermeiden wollte“, sagte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) am Mittwoch im Frankfurter Kunstverein bei der Vorstellung des Denk- und Mahnmals. Die Installation wird deshalb zwar in der Blickachse zum Hauptbahnhof, aber mit Entfernung – auf Höhe der Gallusanlage – aufgestellt.

Am Dienstag hatte eine 16-köpfige Jury sich für den Entwurf der israelischen Künstlerin Yael Bartana entschieden. Die 50-Jährige, die in Israel und Berlin zu Hause ist, setzt sich in Fotos, Videos und Installationen mit kultureller Identität auseinander.

„Ein starkes Bild für Unfassbares“, findet Franziska Nori, Jurymitglied und Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, und lobt, wie leicht sich die Installation – auch sinnlich – erfassen lässt. Das heißt: Ja, es darf ausdrücklich darauf gespielt werden. Junge Menschen sollen angeregt werden, sich mit der dunklen Geschichte auseinanderzusetzen. Weil es weniger Zeitzeugen gibt, müsse der öffentliche Raum die mahnende Funktion übernehmen, betonte Planungsdezernent Mike Josef (SPD).

Aus schwarzem Stahl und Lärchenholz gebaut, kann sich das Karussell zwar wie gewohnt drehen, jedoch wesentlich erschwerter und langsamer. Dass die Thematik keine leichte ist, machen auch lesbare Verabschiedungen zwischen Familienmitgliedern deutlich. „Auf Wiedersehen, Mutter“, „Auf Wiedersehen, Vater“ und „Auf bald, mein Kind“ steht dort. Meistens war es ein Abschied für immer.

„Geschichte ist immer auch Familiengeschichte“, sagt Schirmherrin Bärbel Schäfer, Journalistin und Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Das Denkmal stünde gut in einer Stadt, von der man heute sage, sie sei pluralistisch und weltoffen.

Das Karussell zeige die Wunden, wie ein nicht bespieltes Kinderzimmer, die Hoffnung auf ein Wiedersehen und – weil es bespielbar sei – Lebendigkeit.

Auf einer im Boden eingelassenen Tafel wird der Kontext erklärt, mit einem QR-Code können weitere Informationen aufgerufen werden.

Die Kosten im sechsstelligen Bereich werden vom Kultur- und Planungsamt getragen, das Mahnmal kann durch Spenden an die Stadtgesellschaft unterstützt werden.

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