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Frankfurt: Ein Russe bekennt Farbe

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Von: Sabine Schramek

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Gelb und blau dominieren im Schaufenster von Leonid Matthias.
Gelb und blau dominieren im Schaufenster von Leonid Matthias. © Rainer Rüffer

Mode-Designer in Sachsenhausen lässt Schaufenster blau-gelb leuchten und macht Menschen aus der Ukraine Mut.

Leonid ist kreativ als Modedesigner, aber vor allem will er seinen Freunden Freude machen. Das fällt momentan schwer. Der gebürtige Russe hat Freunde in Russland und in der Ukraine. Ihre Nachrichten treiben ihm immer wieder Tränen in die Augen. Dennoch will er seinen Mitmenschen nur Positives zeigen.

Im Schaufenster von Leonard Matthias im Brückenviertel, das Leonid gestaltet hat, trägt eine der Schaufensterpuppen – gewandet in einen fließenden Stoff in Blau und Gelb, den Farben der ukrainischen Flagge – ein schlichtes silbernes Peace-Zeichen. Ihr gegenüber steht eine männliche Schaufensterpuppe in strengem blau-weiß-rotem Oberteil über einer schwarzen Hose. Der Kopf der Puppe ist traurig nach unten gerichtet, das Gesicht ausdruckslos. Bei beiden Figuren ist nur der Mund angedeutet. Das Schaufenster, so Leonids Intention, setzt ein Zeichen für den Frieden.

In Russland geboren, lebt er seit 1995 in Deutschland und seit 2008 im Brückenviertel. „Mode soll alle Menschen über Grenzen hinweg verbinden“, sagt er. „Das dachte ich zumindest bis zum 24. Februar.“ Wieder rollen Tränen. „Es ist so unfassbar schlimm. So viel Leid. Putin ist furchtbar.“

Er berichtet von einer Freundin mit einem kleinen Kind in Russland, die ihren Job gekündigt hat. „Sie will keine Steuern an einen Kriegsverbrecher zahlen. Sie geht jeden Tag auf die Straße und demonstriert gegen den Krieg. Trotz der Gefahr, dass sie festgenommen wird. Obwohl sie nicht weiß, wovon sie jetzt leben soll.“ Er erzählt von Freunden in der Ukraine. Von der bedrohlichen Stille in Odessa, von Schüssen und Bomben in Kiew. Von Flucht. Von Angst.

Tränen in den Augen

Ein Designer in der Ukraine musste sein Geschäft schließen. Seine Kleidung hat er komplett an ukrainische Soldaten gespendet. Andere sammeln Essen und Batterien für ihre Leute. Frauen und Kinder fliehen mit dem Auto nach Moldawien. „Jeden Tag schreiben wir uns alle. Ich will ihnen Mut machen, zeigen, dass wir sie nicht alleine lassen. Ich will Ihnen Positives zukommen lassen“, sagt er. Und weint.

„Ukrainer werden von Russen als Nazis bezeichnet. Russen sogar in Frankfurt als Antisemiten. Es ist kaum auszuhalten. Bis vor kurzem waren wir alle einfach Menschen und Erdenbürger. Wir alle wollen Frieden und harmonisch miteinander leben.“ Auf Facebook hat er viele Kontakte gelöscht. „Plötzlich ist alles mit Lügen, Hetzerei und Antisemitismus überschwemmt worden. Ich weiß nicht, warum und woher. Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, sagt der Mann, der vor Kreativität und Energie sonst sprudelt.

„Ich halte es nicht aus“

Leonid kennt eine Frau in Frankfurt, die aus Moskau stammt. „Ihre Tochter wird in der Schule gemobbt, ihr langjähriger guter Kollege im Büro spricht nicht mehr mit ihr, weil sie Russin ist. Sie war und ist gegen Putin, aber das will der Kollege nicht hören. Jahrelang haben sie eng und gut zusammengearbeitet. Es gab nie Probleme.“

Er holt tief Luft. „Putin macht das Leben in der Ukraine kaputt. Er macht alles russischsprachige kaputt. Es kotzt mich so an.“ Während seine Freunde in Russland unter Lebensgefahr auf die Straße gehen, fliehen seine Freunde aus der Ukraine in Todesangst. „Alle riskieren so viel. Alle heulen die ganze Zeit und bewahren sich doch einen Funken Hoffnung. Die einen riskieren hohe Gefängnisstrafen, die anderen, getötet zu werden.“ Leonid möchte keine Namen nennen. „Das könnte ihr Leben noch mehr gefährden.“ Er chattet mit Freunden in beiden Ländern. Um sie zu trösten und um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Er postet Fotos und Videos von Pro-Ukraine-Demos, teilt Bilder von Bauwerken, die blau-gelb beleuchtet sind. „Das hilft ihnen so sehr“, weiß Leonid. „Das gibt ihnen Kraft und Gefühl von etwas mehr Sicherheit.“

Mit seinem Schaufenster setzt er Zeichen für Frieden und Humanität. „Es darf nicht passieren, dass Putin auch noch Menschlichkeit auf der Welt auseinander treibt. Es darf nicht passieren, dass Menschen nicht nach Charakter, sondern nach Vorurteilen begegnet wird. Ich hoffe, dass den Eliten, die Putin unterstützen, das Geld genommen wird. Und ich hoffe, dass jemand kommt, der für Frieden ist und danach handelt.“

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