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Frankfurt: Ein Refugium in trister Siedlung

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Von: Steven Micksch

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Johannes Kunze und Miriam Courbier kümmern sich um Kinder und Jugendliche.
Johannes Kunze und Miriam Courbier kümmern sich um Kinder und Jugendliche. © Monika Müller

Der Jugendtreff Alte Bäckerei in Praunheim ist für Mädchen und Jungen Kummerkasten, Rückzugsraum und Begegnungsort zugleich. Doch die Finanzierung bereitet den Trägerverein große Sorgen.

Bevor der Frankfurter Jugendtreff Alte Bäckerei an diesem Tag seine Tür öffnet, steht erst mal fegen auf dem Programm. Mitarbeiter Johannes Kunze, von den Kids nur Jojo genannt, schnappt sich mit zwei Jugendlichen Besen sowie Zange und kehrt die Abfälle auf dem Platz vor der Einrichtung zusammen. Nicht nur, dass der umzäunte Bereich dann wieder ordentlich aussieht – die Jugendlichen sollen den Treff auch zu schätzen wissen und etwas für die Ansehnlichkeit tun.

Seit gut acht Jahren gibt es den Jugendtreff in der Siedlung Westhausen im Stadtteil Praunheim. Träger ist der Verein für Interkulturelle Jugendarbeit „Saz-Rock“. Neben der Alten Bäckerei hat der Verein noch zwei weitere Einrichtungen: das internationale Jugendcafé und das Westside 488. Neben Kunze sind noch Miriam Courbier und Christoph Bochentin Teil des Betreuer-Teams in der Alten Bäckerei.

Nach der Putzaktion können die Jugendlichen endlich ins Innere des Treffs. Die erste Hürde ist dabei ein kaputter Rollladen, der im unteren Bereich der Tür hängt und überstiegen werden muss. „Seit etwa einem Monat ist er kaputt“, sagt Kunze. Für eine schnelle Reparatur fehlt momentan das Geld. Im Inneren wird ein weiteres Problem offensichtlich: Das Haus hat im Keller einen Wasserschaden erlitten. Dafür komme zwar die Versicherung des Vermieters auf, aber das alles ziehe sich lange hin. Die Möbel, Geräte und Spiele, die sonst unten lagern, stehen nun oben und beengen den überschaubaren Raum weiter. Die jungen Menschen machen das Beste daraus. Drei Jungs sitzen auf einem Sofa im hinteren Bereich. Sie spielen das Handyspiel „Stumble Guys“ und wetteifern, wer als erster mit seiner Spielfigur ins Ziel kommt. Aus der Musikanlage auf dem Tisch vor dem Sofa ertönt Deutsch-Rap.

Die Finanzierung sei wie bei allen freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe in Frankfurt ein großes Problem. Seit Jahren habe es keine angemessene Erhöhung der Pauschalen mehr gegeben, beklagen die freien Träger. „Im nächsten Jahr haben wir gar kein Geld, um es für Aktivitäten auszugeben“, sagt Courbier. 1,25 Stellen werden von der Stadt für den Treff finanziert. Die Diskrepanz fällt schnell auf, wenn die Mitarbeiterin erzählt, dass immer zwei Personen während der Öffnungszeiten vor Ort sind. Vier Tage in der Woche hat die Alte Bäckerei auf. Montag und Donnerstag ist für alle ab zwölf Jahren geöffnet. Am Dienstag ist Jungstag, am Mittwoch Mädchentag. Dann dürfen auch schon Kinder ab zehn Jahren die Angebote nutzen. Zwischen 15 und 20 junge Menschen kämen täglich, dienstags gar bis zu 30. „Wir sind der Anlaufpunkt für junge Menschen in der Siedlung“, sagt Kunze. Außer einem Kiosk und Spielplätzen gebe es nichts in der direkten Umgebung. Freiflächen zum Spielen fehlen.

Angebote für Jugendliche

Eine Übersicht der Frankfurter Jugendhäuser der offenen Kinder- und Jugendarbeit gibt es unter www.bit.ly/jugendhauserffm im Internet. Dabei kann man spezifisch nach Alter, Stadtteil, Einrichtungsart oder auch Angeboten filtern. Die Seite listet beispielsweise auch die Abenteuerspielplätze in der Stadt auf.

Der Großteil der Angebote wird von freien Trägern organisiert. Die Stadt selbst hat zehn Häuser der offenen Kinder- und Jugendarbeit: in Höchst, Bonames, Dornbusch, Eckenheim, Fechenheim, Kalbach, Riederwald, Sindlingen, Bornheim und im Mainfeld. Trägerin ist die Kommunale Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Der Frankfurter Jugendring kennt noch eine Vielzahl von Verbänden, die verschiedene Angebote für junge Menschen bieten. So gibt es beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft „Frankfurter Jugendhäuser freier Träger“, deren Mitglieder sich zu den Prinzipien der Häuser der offenen Tür bekennen. Teil der Gemeinschaft sind mehrere Jugendcafés, der Club Voltaire oder der Schülertreff am Maintower. Kontakt zum Jugendring gibt es per E-Mail an geschaeftsstelle@ frankfurterjugendring.de oder per Telefon 069 / 560 001 0.

Das Frankfurter Kinderbüro bietet auf seiner Internetseite Kinderstadtteilpläne an, die etwa zeigen, wo es im jeweiligen Viertel Bolzplätze, Hallenbäder, Skateboardanlagen, Bibliotheken und vieles mehr gibt. Unter www.bit.ly/ kinderstadtteilplaene gibt es die ganze Übersicht. mic

Das beklagen auch die Jugendlichen. Die zwölfjährige Yaren und die 13-jährige Elasu sitzen mit dem 14-jährigen Yasin auf einem zweiten Sofa im hinteren Bereich. Sie erzählen von einem Spielmobil, das kürzlich in der Siedlung war und sie echt gut fanden, weil es Abwechslung bot. Ansonsten gebe es nicht viel. Yasin beklagt sich, dass der Kiosk zu teuer sei, Elasu hätte gern einen Supermarkt in der Siedlung. Dann wird sie forsch und würde auch noch ein Kino oder Bowlingcenter nehmen. Yaren will, dass der Jugendtreff größer wird und mehr Platz bietet. „Es ist echt zu klein hier“, pflichtet Yasin bei. Die Mädchen sagen, dass sie fast jeden Tag hier seien. „Es ist unser zweites Zuhause“, sagt Yaren. In ihrem ersten sei ihnen am Nachmittag langweilig. In der Alten Bäckerei werde ihnen immer geholfen.

So wie dem Mädchen, um das Miriam Courbier sich gerade kümmert. Es soll am nächsten Tag einen Vortrag über Borreliose halten. Gemeinsam sitzen sie am großen Tisch im Raum und basteln ein Plakat über die Krankheit. Unterdessen backt Kunze mit zwei weiteren Jungs in der offenen Küche Pfannkuchen für alle. „Nimm vier Eier“, sagt er zum 15-jährigen Thomas. Der schlägt sie auf und macht sie in die Schüssel. Zum Schluss sollen noch je eine Prise Salz und Zucker dazu. Beim Salz wird nach Rezept gegangen, beim Zucker vorsichtshalber lieber mehr genommen. Danach kommt das Handrührgerät zum Einsatz.

„Wir arbeiten mit dem, was die Kids uns mitbringen“, sagt Courbier in einer ruhigen Minute. Sie fragen worauf die Kinder Lust haben. Es gebe zwar Regeln aber keine Vorschriften was gemacht werden muss. Kochen sei ein großes Thema bei den jungen Leuten. Ansonsten gibt es Bücher zum Lesen oder Ausleihen, Brettspiele, Videospiele und einen Tischkicker. Ansonsten setzt man auf beziehungsorientierte Arbeit. Man höre den Kindern zu, durch das große Vertrauen öffnen sich die Kinder. „Wir sehen, dass sie viel Potenzial haben und nahbar sind. Wir lernen viel von ihnen“, sagt Courbier und fügt lachend hinzu: „Natürlich nerven sie auch mal.“

Doch auch bei den Jugendlichen merkt man die Zuneigung zum Team der Alten Bäckerei. Der 15-jährige Tam lobt die Freundlichkeit der Angestellten – wenn auch in Hörweite von Jojo Kunze und mit fröhlichem Grinsen in seine Richtung. Dass die Aussage aufrichtig ist, spürt man nichtsdestotrotz. Tam kommt seit gut vier Jahren in den Jugendtreff und ist fast jeden Tag da. Er zählt die Vorzüge auf: WLAN, die Möglichkeit zum Handy laden, ein warmer Ort und eben nette Leute. Sein Freund Thomas – der Pfannkuchenkoch – findet gut, dass man hier einfach chillen könne. Beide würden sich aber eine Überdachung für den Vorplatz wünschen, weil man häufig im Regen stehe. Auch Ausflüge wären super. Beides scheitere aber an den fehlenden Finanzen, erklärt Kunze später. Eine Hypothek, die die Freude an der täglichen Arbeit trübt.

Vor der Öffnung helfen Jugendliche den Platz zu säubern.
Vor der Öffnung helfen Jugendliche den Platz zu säubern. © Monika Müller

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