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Frankfurt verabschiedet sich von Emil Mangelsdorff

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Trauerfeier für Emil Mangelsdorff auf dem Hauptfriedhof
Trauerfeier für Emil Mangelsdorff auf dem Hauptfriedhof © Bernd Kammerer

Ein Kämpfer gegen Rechts: Die Trauerfeier für den Frankfurter Saxofonisten Emil Mangelsdorff wird zum Puzzle eines bewegten Lebens.

Den Schlussakkord dieses bewegenden Abschieds setzt Emil Mangelsdorff selbst. Am Ende der Feier in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs ist eine Live-Aufnahme des Saxofonisten zu hören: Er interpretiert seine Komposition „Blues forever“. Drängend und intensiv, zupackend, dann wieder lyrisch zart. Einige unter den Gästen kämpfen mit den Tränen. Die Musiker aber, die gekommen sind, nicken bejahend: Ja, das war Emil, so, wie er mehr als sieben Jahrzehnte lang spielte. So, wie der Mann in Erinnerung bleiben wird, der nun im Alter von 96 Jahren gestorben ist.

Ein Abschied im Zeichen der Corona-Pandemie, der auch bizarre Züge trägt. Nicht nur, weil lediglich 31 Personen vor dem Sarg Platz nehmen dürfen. Nein, auch weil es tatsächlich einer Impfgegnerin gelungen ist, sich unter die Trauergäste zu mischen. Die dann auch lautstark das Wort ergreift und nur mühsam wieder eingehegt werden kann. Emil Mangelsdorff selbst wäre ihr entgegengetreten.

Sein Leben lang kämpfte er dafür, gesellschaftlicher Restauration zu begegnen. Er stritt für Vernunft und Demokratie und warnte bis zuletzt vor einem Erstarken rechtsextremer Tendenzen. Daran erinnert Oberbürgermeister Peter Feldmann in seiner Rede, der den Verstorbenen als Freund der Freiheit würdigt.

Kulturdezernentin Ina Hartwig blendet zurück auf die Jugend des Musikers in Frankfurt, der als Mitglied einer von den Nazis bekämpften Swing-Combo in Gestapo-Haft geriet, nach Russland in die blutigen Wirren der Ostfront zwangsverschickt wurde, mehrere Jahre in Kriegsgefangenschaft verbrachte. Mangelsdorff hat immer wieder selbst mit lakonischer Selbstironie darauf verwiesen, dass der Kern seiner Jugend im Lager verstrich.

Die Trauerfeier gerät so zum Puzzle, aus dem sich Stück für Stück noch einmal ein Leben zusammensetzt. Der junge Saxofonist gehörte zu den ersten deutschen Musikern, die in den 50er Jahren im Nachbarland Polen auftreten durften, das die Wehrmacht erst kurz zuvor blutig verwüstet hatte. An dieser mit viel Beifall bedachten Tournee nahmen auch der Bruder und Posaunist Albert Mangelsdorff und ein Jazz-Sänger namens Bill Ramsey teil.

Später tourte Emil Mangelsdorff mit dem Schauspieler Edgar M. Böhlke durch Deutschland, spielte zu Texten, die Böhlke vortrug. Jetzt, in der Trauerhalle, rezitiert der 81-jährige Schauspieler noch einmal eindringlich das „Friedenslied“, das Bertolt Brecht frei nach Pablo Neruda geschrieben hatte: „Friede in unserem Hause! Friede im Haus nebenan! Friede dem friedlichen Nachbarn, dass jedes gedeihen kann!“ Es wirkt wie ein Motto für das Leben des Mannes, der danach in der Wintersonne zu Grabe getragen wird.

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