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Frankfurt: Ein Jahrhundert für die Kunst

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Von: Meike Kolodziejczyk

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1922 eröffnete der erste „Weihnachtsmarkt Frankfurter Künstler“ in den Römerhallen

Es waren harte Zeiten anno 1922 in Frankfurt. Die Folgen des Krieges waren schmerzlich zu spüren, es mangelte an allem: an Essen, an Unterkünften, an Wärme, an Hoffnung. Das traf auch die allermeisten Künstler und Künstlerinnen, die kaum das Material für ihre Arbeit zusammenbekamen, geschweige denn ihre Werke verkaufen und davon leben konnten. Um ihnen in ihrer Not zu helfen, öffnete die Stadt am 16. Dezember vor 100 Jahren die Pforten der Römerhallen für den ersten „Weihnachtsmarkt Frankfurter Künstler“. Seitdem sind die gotischen Spitzbogengewölbe immer in der Adventszeit Schau- und Handelsplatz für das Schaffen der Frankfurter Kunstszene.

2020 fiel der Künstler-Weihnachtsmarkt wegen Corona aus, 2021 wuppte der Berufsverband bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Frankfurt eine abgespeckte Version unter Auflagen. Pünktlich zum 100-Jährigen kann der Markt jetzt wieder an die Zeit vor der Pandemie anknüpfen und fährt dem Anlass gebührend noch mehr auf.

Gut 50 Kunstschaffende haben ihre Stände in den Römerhallen aufgebaut, etwa genauso viele präsentieren ihre Werke parallel in der traditionellen BBK-Jahresausstellung in der Paulskirche. Im Römerhöfchen stellt eine Sonderschau unter dem Titel „1 Markt wird 100“ Geschichte und Bedeutung des Künstler-Weihnachtsmarktes dar, und am Nikolausabend feiert die Stadt das Jahrhundertjubiläum mit einem Festakt im Kaisersaal samt anschließender Benefizauktion.

„Frankfurt war schon vor dem Ersten Weltkrieg als Kunststadt bekannt“, betont Eva Zinke vom dreiköpfigen Vorstand des BBK, dessen Vorläufer bereits seit Mitte der 1920er Jahre den Künstlermarkt ausrichteten. Nach dem Krieg waren viele Gebäude marode, das kulturelle Leben am Main lag weitgehend brach. Dem wollte der Kunsthistoriker Fried Lübbecke nicht tatenlos zusehen und gründete just 1922 den „Bund tätiger Altstadtfreunde“, der sich für Erhalt und Sanierung von Frankfurts Zentrum starkmachte. In seinen Kreisen sei noch im selben Jahr die Idee für den eigenen Weihnachtsmarkt entstanden, erzählt die Malerin Zinke. „Die Stadtpolitik hat das sehr unterstützt.“

Und so strömten im Winter vor 100 Jahren die Menschen in die beheizten Römerhallen, um sich zu erwärmen an Kunstwerken, Gesprächen und heißem Tee – und das trotz des inflationsbedingten Eintrittspreises von 20 Mark. Bald wurde der Weihnachtsmarkt zu einem Treffpunkt für Kreative jeglicher Couleur, ob aus bildender Kunst, Musik, Theater oder Literatur. Der wohl bekannteste Gast der ersten Ausgabe dürfte der Schriftsteller Joachim Ringelnatz gewesen sein, der erschien, um sein von Bildhauer Emil Hub gefertigtes Konterfei zu begutachten.

Im Nationalsozialismus übernahm die NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ die Federführung. „Alles, was als ‚entartete Kunst‘ galt, wurde ausgeschlossen“, sagt Eva Zinke. Jüdische und viele andere Künstler:innen bekamen „Malverbot“, ausstellen durfte nur, wer dem völkischen und volkstümlichen Kunstverständnis der Nationalsozialisten entsprach. „Freude bereiten“, lautete die vorweihnachtliche Devise vor allem während des Zweiten Weltkrieges.

Nach 1945 erholte sich die Kulturszene nur langsam vom verheerenden Kahlschlag durch die Nazis. Die Presse beklagte, der Weihnachtsmarkt sei zu einem „Tandelmarkt“ verkommen. Erst nach und nach nahm die Qualität der Arbeiten wieder zu, auch weil die Stadt von den 50er Jahren an quasi als Mäzen wirkte und Werke aufkaufte. Wegen U-Bahn-Bauarbeiten musste der Markt 1969 auf den Dominikanerplatz und 1970 ins Foyer der städtischen Bühnen ausweichen. In den 80er Jahren erschloss die Stadt neben den Römerhallen die Paulskirche als zusätzlichen Veranstaltungsort.

„Der Frankfurter Künstler-Weihnachtsmarkt ist in seiner Form einzigartig in Deutschland“, sagt die BBK-Vorsitzende Zinke. „Wir sind schon etwas stolz, dass es ihn seit 100 Jahren gibt.“ Zwar lasse sich die Lage heute nicht mit der von 1922 vergleichen, schlägt BBK-Sprecher Markus Elsner den zeitlichen Bogen. „Aber auch aktuell befinden sich wieder viele Künstlerinnen und Künstler in wirtschaftlicher Not.“ Sei es wegen Corona oder der Preissteigerungen infolge des Ukraine-Krieges. „Krisen wirken sich immer auf die Kunst und damit auf die Existenz von Kunstschaffenden aus.“ Deswegen habe der Weihnachtsmarkt in diesem Jahr nicht nur wegen seines runden Jubiläums eine besondere und wichtige Bedeutung.

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