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Frankfurt: Ein Hubschrauber als Streikbrecher

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Studentinnen und Studenten der Frankfurter Universität verhindern zeitweise die Auslieferung der „Bild“-Zeitung.
Studentinnen und Studenten der Frankfurter Universität verhindern zeitweise die Auslieferung der „Bild“-Zeitung. © Institut für Stadtgeschichte/K. Meier-Ude

Eine Erinnerung an das alte Frankfurter Zeitungsviertel im Gallus, das jetzt Geschichte ist.

Es sind heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, die sich in Frankfurt am Main über das gesamte Osterwochenende 1968 hinziehen. Tausende versuchen, die Auslieferung der „Bild“-Zeitung am Haupttor der Societäts-Druckerei an der Frankenallee zu verhindern. Die Polizei setzt Wasserwerfer und berittene Beamte ein, die Protestierenden werfen Flaschen und Steine. Am 11. April hatte ein rechtsradikaler Hilfsarbeiter in Berlin den Studentenführer Rudi Dutschke schwer verletzt. Die Studentenbewegung macht die Hetze der „Bild“-Zeitung verantwortlich für die Gewalt.

So rückte das Frankfurter Zeitungsviertel zwischen Hellerhofstraße und Frankenallee bundesweit in den Fokus. Immer wieder geschah das. Jahrzehntelang wurde hier im Stadtteil Gallus Zeitgeschichte und Zeitungsgeschichte geschrieben. Seit 1961 arbeitete die Redaktion der Frankfurter Neuen Presse (FNP) im Gebäude der Societät an der Frankenallee. 1987 bezog die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ihren Neubau an der Hellerhofstraße. Und 2013 kam dann auch die Redaktion der Frankfurter Rundschau (FR) ins Quartier, residierte am Ende im Societäts-Gebäude. Jetzt verschwindet das Frankfurter Zeitungsviertel im Orkus der Geschichte. Alle drei Zeitungen haben bereits ihre Redaktionsbüros geräumt und sind an neue Orte umgezogen.

Die Gebäude werden abgerissen, sollen bis zum Jahr 2027 einem neuen gemischten Quartier Platz machen: 500 Mietwohnungen, ein 60 Meter hohes Bürohochhaus, zwei Kitas, eine Grundschule mit Sporthalle. Der Projektname blendet die Zeitungsvergangenheit aus: „Hellerhöfe“, das ist so allgemein wie irgend möglich. Der Umbruch vom alten Industrieviertel Gallus zum modernen Wohn- und Dienstleistungsquartier beschleunigt sich. Die gute Lage der Grundstücke zwischen Hauptbahnhof und Frankfurter Messegelände macht künftig hohe Mieten möglich. Immerhin sollen 30 Prozent der neuen Wohnungen öffentlich gefördert sein.

Die bauliche Geschichte des Zeitungsviertels reicht bis ins Jahr 1892 zurück. Damals entstand an der Frankenallee das erste Gebäude. Von 1910 an produzierte der Unternehmer Louis Peter in der Fabrik mit der Adresse Frankenallee 71–81 Autoreifen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb die Frankfurter Societäts-Druckerei das Areal mit dem charakteristischen langgestreckten Klinkerbau, seit den 1950er Jahren wurden hier Zeitungen gedruckt wie die FNP und die „Bild“-Zeitung.

In den Straßenschlachten des Osterwochenendes 1968 erlebt eine politische Generation ihren Aufbruch. Der 20-jährige schwäbische Metzgersohn Joseph Fischer ist unter den Demonstranten; er wird dreißig Jahre später Bundesaußenminister. Auch der spätere SPD-Planungsdezernent von Frankfurt, Martin Wentz, erlebt seine „erste körperliche Erfahrung als Demonstrant“. Heiner Boehncke, heute renommierter Literaturkritiker, ist noch immer stolz, dass es gelang, die Auslieferung der „Bild“-Zeitung zumindest eine Zeit lang zu blockieren. Und der spätere Verleger KD Wolff, damals Erster Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), freut sich über den Erfolg seines Blockadeaufrufs.

Joschka Fischer war erst am Tag zuvor mit seiner Ehefrau und einem Koffer in der Hand am Frankfurter Hauptbahnhof angekommen und hatte sich sofort ins Getümmel im Zeitungsviertel gestürzt. Dass die beiden überhaupt nach Frankfurt reisten, hing an einem seidenen Faden. Denn Fischers Partnerin sah Berlin als das eigentliche Zentrum der 68er-Revolte. Ihr Ehemann aber wollte in Frankfurt unbedingt Vorlesungen des Philosophen Theodor W. Adorno besuchen und setzte sich durch.

Bis zum Ostermontag 1968 halten die Konflikte zwischen Demonstrierenden und der Polizei an, verlagern sich zwischenzeitlich aus dem Zeitungsviertel auch in andere Teile der Stadt. Für die 68er ist es eine wichtige Erfahrung: Es sind die bisher härtesten Konfrontationen mit der Staatsmacht. Und sie finden ein bundesweites Echo. „Wir fragten uns, was aus dem Land werden würde, wenn wir uns jetzt nicht wehren“, sagte KD Wolff später.

Eine ähnlich grundsätzliche Auseinandersetzung gibt es im Frankfurter Zeitungsviertel noch einmal knapp zwei Jahrzehnte später. Beim großen Druckerstreik im Jahre 1984 geht es um eine zentrale Forderung der Gewerkschaftsbewegung: die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden. Am 13. Juni 1984 ruft die Industriegewerkschaft (IG) Druck und Papier zum unbefristeten Streik auf. Wieder rückt die Societäts-Druckerei in den Brennpunkt, in der die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Neue Presse, die Abendpost-Nachtausgabe, die Financial Times Deutschland hergestellt werden.

Streikende Drucker blockieren das Haupttor der Societäts-Druckerei. Am 21. Juni weicht die FAZ zur Produktion einer Notausgabe auf die Druckerei der rechten türkischen Tageszeitung „Tercüman“ in Zeppelinheim aus. Streikende Arbeiter stellen dort die Werksausfahrt mit Autos zu. Am Sonntag, 25. Juni, eskaliert das Ringen im Zeitungsviertel in Frankfurt. Über den Köpfen der Streikenden, die das Tor der Societäts-Druckerei besetzt halten, taucht plötzlich ein Hubschrauber auf. Ein großer Luftwirbel entsteht. Die Streikenden werfen Flugblätter und Klopapierrollen in die Luft, um dem Helikopter das Landen zu erschweren. Erst im fünften Anlauf gelingt es, den Hubschrauber im Innenhof der Druckerei zu Boden zu bringen. Es ist eine sehr gefährliche Aktion: Rechts und links der Rotorblätter sind nur wenige Meter Raum.

Gleichzeitig versucht die Polizei, das Haupttor zu stürmen und von Streikenden zu räumen. Die Menge antwortet mit Sprechchören: „Schämt euch! Schämt euch!“ Die Räumung misslingt. Derweil wird der Hubschrauber in aller Eile mit so viel Zeitungsstapeln wie möglich bestückt. Er hebt ab und fliegt direkt zum Frankfurter Rhein-Main-Flughafen, wo die Notausgabe der FAZ in Flugzeuge umgeladen wird. Bis zum Einbruch der Dunkelheit gegen 21.30 Uhr dauert die Aktion. Am 5. Juli 1984 wird der Hessische Landtag mit der Mehrheit von SPD und Grünen diesen Hubschraubereinsatz des Unternehmens verurteilen, weil dabei Leben und Gesundheit von Menschen riskiert worden seien.

Ende Juni einigen sich IG Druck und Papier und die Unternehmensseite bundesweit auf einen neuen Tarifvertrag. Für viele Streikende eine Enttäuschung: Der Kompromiss sieht nur eine 38,5-Stunden-Woche vor. Am 1. Juli 1984 nehmen die Beschäftigten im Frankfurter Zeitungsviertel die Arbeit wieder auf. Die Streikenden haben noch eine ernüchternde Erfahrung machen müssen. Zum ersten Mal ist während des Ausstands eine Notausgabe der FAZ „vollelektronisch gesetzt und umbrochen“ worden. Die ersten Satzcomputer machen es möglich.

Diese technische Umwälzung beschleunigt sich im Frankfurter Zeitungsviertel in den nächsten Jahren. Hochbezahlte Spezialisten wie Setzer und Metteure, die auch stark gewerkschaftlich organisiert sind, werden überflüssig. Auch in den Zeitungsredaktionen halten die ersten Computer Einzug.

Mehr als 35 Jahre später ist das Zeitungsquartier jetzt Geschichte. Die Häuser sind geräumt. Die FAZ ist in ein 18-geschossiges Hochhaus im Europaviertel umgezogen, das ans Gallus angrenzt. Sie residiert jetzt unter der Adresse Pariser Straße 1. Die Redaktion der Frankfurter Rundschau hat neue, moderne Räume an der Hedderichstraße in Sachsenhausen unmittelbar neben dem Südbahnhof bezogen. Es ist der fünfte Standort für die FR seit 2005. Auch die Lokalredaktion der Frankfurter Neuen Presse ist im gleichen Gebäude untergekommen.

Schnelles Verladen der FAZ im Innenhof.
Schnelles Verladen der FAZ im Innenhof. © DPA
Vorbei: Verlagshäuser in der Frankenallee.
Vorbei: Verlagshäuser in der Frankenallee. © Rolf Oeser

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