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Frankfurt: Ein Herz für Böckchen

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Von: Thomas Stillbauer

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„Guten Tag, auch im Namen unserer Brüder.“ Ziegengrüße aus der Region.
„Guten Tag, auch im Namen unserer Brüder.“ Ziegengrüße aus der Region. © Monika Müller

Der Frankfurter Ernährungsrat und Bio-Bauernhöfe aus der Region kämpfen für das Überleben männlicher Nutztiere.

Millionen Hühnerküken wurden jährlich getötet, weil sie Hähne waren und für die Eierproduktion nicht benötigt wurden. Das ist seit Anfang 2022 in Deutschland verboten. Aber auch bei anderen Nutztierarten sind die männlichen Nachkommen für den Betrieb prinzipiell unwirtschaftlich. Was aus ihnen wird, darum ging es am Donnerstagabend in der Onlinediskussion „Der ungeliebte Bruder – Milch und Fleisch gehören zusammen“.

Der Verein Bionales hatte eingeladen, Träger des Frankfurter Ernährungsrats. Würdige Alternativen für die „Brüder“ gelte es zu finden, sagte Margarethe Hinterlang (Bionales). „Das ist nicht einfach, aber die Betriebe sind da schon ein Stück weiter.“ Etwa Markus Wien aus Friedrichsdorf-Burgholzhausen, einer der letzten Milchviehhalter im Hochtaunus. „Wir ziehen die komplette weibliche Nachzucht auf und einen Teil der ,ungeliebten Brüder‘, sagte er.

Demeter-Landwirt Bernd Hübner auf Gut Kappel in Bad Arolsen hat sich gefragt: Werden wir den Bruderhähnen gerecht?“ Anfangs nicht – auch dort wurden sie getötet. So nicht, beschloss der Betrieb und baute ein großes Gehege für die jungen Hähne. „Im Ei hat das Küken schon Gefühle, es kann hören“, schilderte Hübner. „Wir haben hohe Standards in der Ethik, wir können so was nicht machen.“ Doch Corona und der Krieg ließen die Kosten explodieren. „Ein Demeter-Ei ist ein tolles Produkt, nur nicht, wenn es keiner kauft.“

Eckhard Holloh züchtet Ziegen. Sein Überzeugung: „Wir machen keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Tieren, auch wenn uns die Böckchen kein Geld bringen. Die Milch muss die männlichen Tiere mitfinanzieren.“ Er erwarte von Konsumenten eine ethische, ganzheitliche Denke. Bei der Vermarktung helfe einerseits, dass es in Deutschland inzwischen viele Leute gebe, die sich von Ziegenfleisch ernähren – aber sie haben oft nicht das Geld, Bio-Preise zu bezahlen. Also verkauft ihnen Holloh das Ziegenfleisch unter Wert. Langfristig setze er auf die Einsicht aller Verbraucher: „Sie müssen männliche Tiere aus innerer Motivation mitfinanzieren.“

„Man trägt ein Stück Verantwortung für dieses Leben, das man auf die Erde bringt“, sagte auch Claudia Smolka von der Seelbacher Ziegenkäserei. Die männlichen Lämmer bleiben, aber später irgendwann kommen sie dann eben doch ins Gulasch. 12,90 Euro das Glas – „das ist teuer, aber auch Restaurantqualität“.

Noch ist Ziegenfleisch nicht so beliebt, dass die Einnahmen die Brüder finanzieren. „Wir brauchen Influencer!“, sagte Pascal Küthe vom Kapellenhof aus Hammersbach. Milch und Fleisch gehörten zusammen: „Das muss der Verbraucher verstehen.“

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