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Frankfurt: Ein Herz für Amsel und Co.

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Von: Thomas Stillbauer

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Tina Pavkovic zählt Vögel – am kommenden Wochenende und auch darüber hinaus.
Tina Pavkovic zählt Vögel – am kommenden Wochenende und auch darüber hinaus. © Monika Müller

Auf Tina Pavkovic ist bei der „Stunde der Gartenvögel“ Verlass – und bei vielen anderen Unternehmungen für Gefiederte.

Selbstverständlich wird sich Tina Pavkovic am kommenden Wochenende eine Stunde in ihrem Kleingarten in Sachsenhausen hinsetzen, genau hinsehen und genau hinhören. Viele Menschen werden das am kommenden Wochenende tun. Vielleicht nicht in ihrem Kleingarten, so eine Scholle ist ja mancherorts kaum noch zu ergattern heutzutage, aber eine Stunde irgendwo draußen oder auf dem Balkon, die muss schon sein, denn es ist die „Stunde der Gartenvögel“.

Für Tina Pavkovic ist diese Stunde nichts allzu Ungewöhnliches. Sie beschäftigt sich sowieso gern mit gefiederten Lebewesen. „Eigentlich so lang ich denken kann“, sagt sie, „seit dem frühesten Kindesalter.“ Wo das herkam? „Kann ich heute gar nicht mehr sagen. Jedenfalls hatte ich schon mit drei Jahren einen Kanarienvogel.“ Sie lacht. „Und später habe ich meine Eltern so lange gequält, bis sie mir ein Fernglas gekauft haben, damit ich besser in die Bäume schauen kann.“

Vogelliebe. Vielen flattert sie erst spät zu, bei der 47-jährigen Biologin aus dem Frankfurter Nordend war sie von Anfang an da. „Mich hat auch schon immer diese Verbindung fasziniert, die die Vögel erdgeschichtlich zu Dinosauriern haben“, schwärmt sie. „Wenn man darauf achtet: Vogelfüße sehen aus wie Dinosaurierfüße.“ Da war es nur folgerichtig, dass sie sich beim Naturschutzbund engagiert, kurz: Nabu. Er ruft alljährlich zweimal zum Vögelzählen auf: bei der Stunde der Wintervögel zu Jahresbeginn und dann im Frühjahr, wenn die Gartenvögel singen. Und passend dazu sind in dieser Woche auch die Mauersegler aus dem Afrikaurlaub zurückgekehrt. Nicht gerade Gartenvögel, aber doch auch Nachbarn unter den Dachfirsten.

Pavkovic zählt seit Jahren regelmäßig mit. Wen trifft sie so im Schrebergarten? So schnell kann man gar nicht mitschreiben, wie sie aufzählt: „Kleiber, Buchfink, Rotkehlchen, Gartenrotschwänzchen, Ringeltaube, Meisen aller Art, Eichelhäher …“. Zwischenfrage: Specht? „Spechte hören wir.“ Noch schneller kommt die Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsvogel. Es ist die Amsel, ebenfalls seit der Kindheit. „Ihr Gesang ist nicht zu verkennen.“

ZUR PERSON & ZUR AKTION

Tina Pavkovic, 47, ist Biologin und Mitglied im Naturschutzbund (Nabu). In diesem Frühjahr hilft sie in ihrer Freizeit, eine Fläche in Nieder-Erlenbach zu kartieren – und macht natürlich am kommenden Wochenende bei der „Stunde der Gartenvögel“ mit.

Zur „Stunde der Gartenvögel“ ruft der Nabu für Freitag bis Sonntag auf, 13. bis 15. Mai. Gezählt wird jeweils die größte Anzahl Vögel einer Art, die im Lauf einer Stunde gleichzeitig zu sehen sind, egal ob im Garten, an einer Stelle im Park oder etwa beim Blick vom Balkon.

Die Aktion, bei der im vorigen Jahr fast 12 000 Vogelbegeisterte in Hessen gut 250 000 Vögel meldeten, soll unter anderem Daten liefern, um Trends bei den Beständen zu verfolgen. Außerdem hilft sie, Bewusstsein zu schaffen: Wer sich mit der Natur beschäftigt, entwickelt ein Herz dafür.

Mehr Informationen und Zählhilfen gibt es unter www.nabu.de und www.stundedergartenvoegel.de

Dort können auch bis zum 23. Mai die Zahlen gemeldet werden – oder unter Telefon 0800-1157115, dann aber nur am 14. Mai von 10 bis 18 Uhr.

Kleine Vogelexpertinnen und -experten lädt die Naturschutzjugend zur „Schulstunde der Gartenvögel“ vom 16. bis zum 20. Mai ein. Mehr dazu: www.NAJU.de/sdg

Auch der Vogelzug hat die Biologin schon lange begeistert. Ihre Diplomarbeit schrieb sie aber über ganz andere Luftikusse: Brieftauben, und zwar angehende. Azubis sozusagen. Sie lernten gewissermaßen im Dienste der Wissenschaft fliegen. Die Diplomandin als Fluglehrerin? „Das Fliegen konnten die jungen Tauben instinktiv“, sagt sie und lacht wieder. „Aber an das Geschirr für den GPS-Sender musste ich sie erst gewöhnen. Das hat ein ganz ordentliches Gewicht.“ In der Arbeit geht es um die Flugstrategien der Tauben, während sie den Stadtplan verinnerlichen. Bei manchen bestand die Strategie darin, auf dem Weg von Bockenheim zum Botanischen Garten, wo die Uni-Biologie damals noch ihren Sitz hatte, in fremden Taubenschlägen Pause zu machen. „Und zwar so lang, bis die Batterien fürs GPS leer waren.“

Heute kann sie auch darüber lachen. Und über den Bekannten, der auf eine Amsel zeigte und sagte, „das ist doch ein Rotkehlchen, oder?“. Vögel auseinanderzuhalten, gar nicht so einfach, wenn es sich nicht um einen Wellensittich und einen Schuhschnabel handelt. „Man braucht schon den Bezug“, das lässt Tina Pavkovic durchaus gelten. „Aber wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, unterscheiden sich die Singvögel in der Stadt doch recht deutlich.“

Momentan kommt ihr der geschulte Blick ganz besonders zugute: Da kartiert sie die Natur in Nieder-Erlenbach, das heißt, sie schaut gemeinsam mit einer Gruppe von Leuten, was da so kreucht und fleucht. Die Anregung brachte der Fund eines Bekannten: Der Mann von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) hatte eine alte Kartierung des Gebiets aus dem Jahr 1990 entdeckt. „Jetzt wollen wir wissen, was sich seitdem verändert hat“, sagt Pavkovic. Bis Juli hält die Gruppe in wechselnder Besetzung die Augen und Ohren offen.

Bei der Stunde der Gartenvögel reicht eine Stunde. Welche sind die besten Plätze zum Zählen? „Ach, da gibt es viele“, sagt die Fachfrau. Der Stadtwald sei gut geeignet, der Weinberg auf dem Lohrberg, Parks, Flussufer. „Wo Felder und Wiesen sind, bietet es sich an“, sagt sie. „Einfach mal Zeit nehmen, hinsetzen, abwarten.“ Wo Ruhe einkehrt, offenbart sich die Stadtnatur. „Viele sind heute viel zu hektisch.“

Orte mit freilaufenden Hunden sind nicht gut für die Stunde der Gartenvögel. Sie sind generell nicht gut für Vögel und Kleintiere, gerade jetzt in der Brut- und Setzzeit. Vögel hätten es ohnehin schwer, sagt Pavkovic. Gar nicht so sehr in der Stadt: „Hier sind die Vögel längst an Licht und Lärm gewöhnt.“ Schlimm sei die Situation draußen im Feld, etwa für Rebhühner und Wachteln. Ihre Zufluchtsorte schwinden, auch landwirtschaftliche Fahrzeuge bedrohen sie. Und wenn man noch weiter denkt: In manchen Ländern, Italien, Malta, werden Zugvögel mit großen Netzfallen gefangen.

Auf die schwierige Situation für einige der gefiederten Freunde soll die Stunde der Gartenvögel aufmerksam machen. Die Sinne schärfen. Mitgefühl wecken. Pavkovic ruft außerdem dazu auf, die Schutzzeit der brütenden Vögel bis Juli zu beachten und Hunde an die Leine zu nehmen. „Viele wissen gar nicht“, sagt sie, „wie viele Vögel ganz in der Nähe im Verborgenen brüten.“

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