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Frankfurt: Ein Held wider Willen

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Von: Thomas Stillbauer

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Walter Sommers im Candles Holocaust Museum in Terre Haute.
Walter Sommers im Candles Holocaust Museum in Terre Haute. © Privat

Erinnerungen an einen jüdischen Frankfurter, der sein Glück anderswo fand, nachdem die Nazis seine Familie vertrieben: Walter Sommers wurde 101 Jahre alt.

Walter Sommers ist unlängst im Alter von 101 Jahren gestorben. Walter Sommers war Frankfurter, auch wenn er 82 seiner 101 Lebensjahre nicht in Frankfurt gelebt hat. Er ging keineswegs fort, weil er gerne anderswo leben wollte, sondern weil die Schreckensherrschaft des Hitler-Regimes ihn und seine Familie zur Flucht zwang. Und deshalb war und bleibt Walter Sommers für alle, die es gut meinen, ein willkommener Frankfurter, selbst wenn er in den USA lebte.

Seine Geschichte steht stellvertretend für so viele Leben unter dem Joch des Nationalsozialismus der 1930er Jahre. Die Historikerin Angelika Rieber, eine Vertraute Sommers’, hat die Geschichte für die Internetseite des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“ aufgeschrieben und auch die Frankfurter Rundschau an ihren Erinnerungen teilhaben lassen.

Kennt noch jemand „Wittwe Hassan“? Das war eine Handelskette, die Kaffee, Kakao, Schokolade, Wein und Feinkostprodukte verkaufte, mit etwa 40 Filialen in und um Frankfurt. „In der Firmenzentrale in der Hanauer Landstraße gab es eine Rösterei“, erzählt Angelika Rieber. „Das ganze Haus sei von Kaffeeduft erfüllt gewesen, schwärmte Walter.“

Sein Vater Julius hatte die Feinkostkette zusammen mit seinem Schwager Alfred Mayer aufgebaut. Aber der Erfolg war nicht von Dauer. 1937 mussten die Gründer auf Druck der Nazis den Betrieb aufgeben. Die zwei Filialen, die sie zuletzt noch hatten, wurden im Novemberpogrom 1938 kurz und klein geschlagen.

Walter, ein waschechter Frankfurter Bub, hatte zunächst eine glückliche Kindheit in der Stadt erlebt, mit vielen Ausflügen in den geliebten Taunus und mit großem Interesse am Unterricht in der Musterschule. Dass er das Gymnasium 1936 verlassen musste, sei ein großer Schock gewesen, berichtet Rieber. Er ging ein Jahr aufs Philanthropin, die jüdische Schule, und begann dann notgedrungen eine Lehre, denn: „An eine Universitätsausbildung war damals nicht mehr zu denken.“

Vollends unerträglich wurde die Situation, als Walters Vater nach dem Novemberpogrom verhaftet und nach Buchenwald verschleppt wurde. Er sei als gebrochener Mann zurückgekommen. Das sei die traurigste Erfahrung in Frankfurt gewesen, beschrieb Walter Sommers einmal: „Er konnte nie verstehen, dass so etwas in dem Deutschland, das er kannte, geschehen würde.“

Die Familie floh im Februar 1939 in die USA. Der ursprüngliche Name Sommer wurde in Sommers geändert. Walter diente in den letzten Kriegsjahren als Soldat der US-Armee im Pazifik, seit 1943 war er amerikanischer Staatsbürger. 1948 heiratete er die aus Straubing stammende Louise Levite, und die beiden zogen nach Terre Haute im Bundesstaat Indiana. Sommers arbeitete dort 40 Jahre lang für die Kaufhauskette Meis.

Als Rentner engagierte er sich verstärkt ehrenamtlich, etwa in der jüdischen Wohlfahrtsorganisation B’nai B’rith und bei den Jewish War Veterans. Und er kehrte 1992 für einen Besuch nach Frankfurt zurück. „Er, der jahrzehntelang Deutschland enttäuscht den Rücken gekehrt hatte, spürte wieder eine Verbindung zu seiner früheren Heimat“, berichtet Rieber. Seit dieser Zeit engagierte sich Walter Sommers im Candles Holocaust Museum in Terre Haute und sprach dort regelmäßig über seine Erfahrungen in Deutschland. Die Geschichte der Juden in Europa zu vermitteln, an die Schrecken zu erinnern, zu mahnen, das wurde für ihn zur Lebensaufgabe. Dafür erhielt er 2016 das Bundesverdienstkreuz – „eine Ehre, die ihn zunächst irritierte, dann aber mit Stolz erfüllte“.

Seit 2021 gibt es auch ein Buch über den Frankfurter: „A Reluctant Hero – The Walter Sommers Story“ von Rick Kelsheimer, in englischer Sprache erschienen. Auf Deutsch könnte der Titel etwa lauten: Ein Held wider Willen.

2012 und 2013 haben Sommers Sohn Ron und seine Tochter Nancy Frankfurt besucht und an Stolpersteinverlegungen für Familienmitglieder teilgenommen. Den Sohn hielt Walter Sommers an, unbedingt Wanderschuhe mitzunehmen und in den Taunus zu gehen. Zeitlebens lobte er die Musterschule in den höchsten Tönen. Beim US-Militär hatte er sogar sein Frankfurter Trigonometrie-Lehrbuch mit dabei. Als er später mit einem Orden ausgezeichnet wurde, sagte er: „Ich möchte, dass Sie wissen, dass es ein Trigonometriebuch aus Deutschland war, das half, den Krieg zu gewinnen. Es war weitaus besser als das Buch der Army.“

Stets war Walter Sommers neugierig zu erfahren, was gerade in Deutschland und Europa vor sich ging. Als er am 18. Februar starb, verlor die Welt einen Menschen, der es schaffte, eine Zeit schier unerträglicher Verfolgung und Diskriminierung hinter sich zu lassen – ein Beispiel für die große innere Stärke, die Auswanderer aus Nazi-Deutschland entwickelten. Und entwickeln mussten, um nicht unterzugehen.

Im März würdigte das Candles Holocaust Museum Walter Sommers in einer Gedenkstunde. „Seine Stimme wird uns fehlen“, sagt Angelika Rieber. Aber sein Engagement, seine Neugierde und seine Zugewandtheit bleiben als Vorbild erhalten.

Schulunterricht in Frankfurt, Musterschule, 1934.
Schulunterricht in Frankfurt, Musterschule, 1934. © Privat
Feinkostkette „Wittwe Hassan“, 40 Fililalen in Rhein-Main.
Feinkostkette „Wittwe Hassan“, 40 Fililalen in Rhein-Main. © Privat

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