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Frankfurt: Ein großer Künstler wird wiederentdeckt

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Von: Andreas Hartmann

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Katzen hat der Künstler Hans Leistikow immer wieder gemalt.
Katzen hat der Künstler Hans Leistikow immer wieder gemalt. Bild: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Vom Neuen Frankfurt in die Nachkriegsmoderne: Das Frankfurter Dommuseum präsentiert in einer überraschenden Ausstellung den vielseitigen Künstler Hans Leistikow

Die Kunstgeschichte steckt voller Rätsel. Ein ganz aktuelles: Wie konnte ein so fabelhafter, vielfältiger und origineller Künstler wie Hans Leistikow, dessen Werke an vielen wichtigen Orten, nicht nur in Frankfurt, präsent sind, so gründlich vergessen werden? Dass sich eine Neuentdeckung absolut lohnt, zeigt das kleine Frankfurter Dommuseum mit einer großen Ausstellung, die am 14. Oktober eröffnet.

Vieles von dem, was nun zu sehen ist, ist schlicht großartig, und das allermeiste, was Dommuseumschefin Bettina Schmitt und Kuratorin Rosemarie Wesp in fünfjähriger verdienstvoller Arbeit zusammengetragen haben, offenbart eine Originalität und Vielfalt, die ihresgleichen sucht. 270 Exponate von 32 Leihgeber:innen zeigen die Vielfalt seines Talents, von der Bilderbuchillustration bis zur Leuchtreklame, vom Ölgemälde bis zur Schriftkunst, vom Plakat bis zum Tapetenentwurf, vom Schiffsmodell bis zu seinen abstrakten Mosaiken und Glasfenstern, die auch den benachbarten Kaiserdom schmücken. „Zurück in die Moderne“heißt die Ausstellung, die Leistikows Rolle vor allem in der Nachkriegszeit beleuchtet, als nach den Jahren des nationalsozialistischen Kunstdiktats auch ästhetisch ein Neuanfang gesucht wurde.

Leistikow, dessen Onkel Walter ein berühmter Berliner Landschaftsmaler und dessen Schwester Grete eine bekannte Fotografin der Moderne waren, wird, wenn man ihn heute denn noch kennt, am ehesten mit dem „Neuen Frankfurt“ des Stadtplaners Ernst May von 1925 bis 1930 in Verbindung gebracht. Dort war er als „Stadtgrafiker“ auch für das Design von städtischen Plakaten und Bekanntmachungen zuständig und entwarf 1925 das neue abstrahierte Frankfurter Stadtwappen.

„Mich hat bei der Vorbereitung der Ausstellung selbst überrascht, wie beeindruckend sein späteres Werk in den 1950er Jahren ist. Das war überhaupt nicht im Fokus“, sagt Schmitt. Sie staune angesichts von Leistikows ununterbrochener Produktivität und den vielen künstlerischen Techniken, die er souverän beherrschte.

Nach einem Aufenthalt mit der „Brigade May“, einer ganzen Gruppe von Kunstschaffenden des „Neuen Frankfurts“ in der Sowjetunion, musste Leistikow nach Nazideutschland zurückkehren und überstand die Kriegszeit zurückgezogen mit kleinen Arbeiten für Verlage.

Ein großer Künstler in Frankfurt wird wiederentdeckt

Hans Leistikow (1892 bis 1962), einer der vielseitigsten Künstler seiner Zeit, hat in Frankfurt sehr viel mehr Spuren hinterlassen als heute wahrgenommen. Sein wohl populärstes Werk dürfte das 1925 entworfene, 1936 vom NS-Regime abgeschaffte Stadtwappen mit dem stilisierte Adler sein – Fans der Frankfurter Eintracht schwenken den mit Apfelweinglas oder gefletschten Zähnen etwas abgewandelten Vogel immer wieder bei Spielen.

Vom 14. Oktober bis zum 15. Januar zeigt das Frankfurter Dommuseum im Kreuzgang und im benachbarten Haus am Dom eine – die erste – umfassende Werkschau, geöffnet dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 19 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Eröffnet wird sie an diesem Donnerstag um 17 Uhr im Kaiserdom mit einer Einführung durch die Kuratorin Rosemarie Wesp. Sie hat die Ausstellung zusammen mit Bettina Schmitt, leiterin des Dommuseums, in rund fünfjähriger Arbeit konzipiert.

Führungen durch die Ausstellung „Hans Leistikow. Zurück in die Moderne“ werden mittwochs um 17.30 Uhr und sonntags um 14 Uhr angeboten. Begleitend ist ein sehr schöner Katalog im Verlag Schnell und Steiner erschienen. Er kostet 34,95 Euro.

Wer durch Frankfurt spaziert, kann Werke Leistikows in verschiedenen Kirchen und in der Westendsynagoge (nur zugänglich auf Anfrage über die Jüdische Volkshochschule, Tel. 069/76 80 36 170, Sonderführung des Dommuseums am 6. November, 11 Uhr, Anmeldung bis zum 20. Oktober unter Tel. 069/80 08 71 82 90 oder info@dommuseum-frankfurt.de) besichtigen. Der Frankfurter Dom besitzt eine fast vollständige Ausstattung an abstrakten Glasfenstern Leistikows.

Weitere Glasmalereien sind zu sehen in der auch sonst sehr beeindruckenden Allerheiligenkirche am Zoo (Thüringer Straße 31) oder in der kleinen Kirche Maria Hilf (Ecke Frankenallee/Rebstöcker Straße) im Gallusviertel.

Auch in Offenbach gibt es eine große Arbeit Leistikows in der – leider nicht öffentlich zugänglichen – früheren Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Hier bietet das Dommuseum für 13. Januar, 16 Uhr, eine Sonderführung an, Anmeldung beim Museum (siehe oben). aph

Offenbar erinnerte man sich aber in Frankfurt an den vielseitigen Künstler: Schon kurz nach dem Krieg erhielt Leistikow den Auftrag, die geschändete, aber nicht zerstörte Jugendstil-Synagoge im Westend mit goldenen und blauen Mosaiken zu schmücken. Er spielt dabei sehr gekonnt mit kleinen dreieckigen und quadratischen Formen.

Neu erstanden ist damals einer der schönsten Innenräume der Stadt, der eine vornehm-zurückhaltende Eleganz und tröstende Pracht atmet. Wie respektvoll Leistikow hier die zu dieser Zeit wenig geschätzte Jugendstil-Architektur aufgreift, ist doch sehr ungewöhnlich und bemerkenswert.

Die Ausstellung im Dommuseum kann zwar die fest eingebauten Mosaike der Westend-Synagoge nicht zeigen, behilft sich aber mit einer eindrucksvollen fotografischen Installation im Domkreuzgang. Dort hängen riesige Fotografien des Innenraums, geschaffen von der in Frankfurt lebenden US-Künstlerin Laura J. Padgett.

Vielleicht war es tatsächlich dieser wiedererstandene Raum, der die Aufmerksamkeit in Frankfurt erneut auf Leistikow lenkte. Anfang der 1950er Jahre konnte er den Wettbewerb für die riesigen abstrakten Fensterflächen des wiederaufgebauten Doms für sich entscheiden. Dabei gelang es ihm, die Ressourcenknappheit der Zeit kreativ zu nutzen, wie Schmitt berichtet. „Für die Fenster hat er sogenanntes Kathedralglas verwendet – das benutzte man sonst für Küchentüren oder in Badezimmern“, sagt sie. „Ich kenne kein anderes Beispiel, wo solches Industrieglas für Kirchenfenster benutzt worden ist.“

Mit seinem Erbe ist in den vergangenen Jahrzehnten oft nicht sehr pfleglich umgegangen worden. Dass sein Wohnhaus in Frankfurt-Sachsenhausen erst vor Kurzem abgerissen wurde, ist höchst bedauerlich. Etliche von Leistikows Glasfenstern mussten moderneren Entwürfen weichen. „Die Domfenster wurden bei der Renovierung 1992 aber nicht entfernt, weil sie die Nachkriegszeit dokumentieren sollten“, sagt Kuratorin Wesp. „In der Wahlkapelle wurden sie allerdings ersetzt.“ Vielleicht kann die Ausstellung eine Wiederentdeckung Hans Leistikows einläuten.

Ein Hauptwerk Hans Leistikows ist die Neuausstattung des Frankfurter Kaiserdoms mit Glasfenstern 1952. Bild: Christoph Boeckheler
Ein Hauptwerk Hans Leistikows ist die Neuausstattung des Frankfurter Kaiserdoms mit Glasfenstern 1952. Bild: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler
Kuratorin Rosemarie Wesp hst Leben und Werk Hans Leistikows erforscht und war beeindruckt von der großen Bandbreite seiner Arbeiten. Bild: Christoph Boeckheler
Kuratorin Rosemarie Wesp hst Leben und Werk Hans Leistikows erforscht und war beeindruckt von der großen Bandbreite seiner Arbeiten. Bild: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

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