Gericht

Ein einziger Alptraum

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein Stiefvater steht mit der Mutter wegen Missbrauch und Kindesentzug vor Gericht.

Der 52 Jahre alte Patrick B. und die acht Jahre jüngere Elisa M. sind ein Paar, an ihrem Wohnort Bad Homburg und auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts. Beiden wird Kindesentzug, ihm zudem sexueller Missbrauch in mannigfaltigen Arten vorgeworfen. Die Anklage ist ein einziger Alptraum.

Laut ihr bringt M. aus ihrer vorigen Beziehung zwei Töchter und einen Sohn mit, als sie 2006 bei B. einzieht. Etwa drei Jahre später, die ältere Tochter ist da knapp zehn Jahre alt, beginnen die Übergriffe. Laut Staatsanwaltschaft geht B. fast schon taktisch an den Missbrauch heran, bei beiden Stieftöchtern zeitversetzt.

Erst setzt er die Mädchen auf seinen Schoß, betrachtet mit ihnen Pornobilder. Dann guckt er ihnen immer öfter in den Ausschnitt, begrabscht, als die beiden die Schwelle zur Pubertät überschreiten, ihre Brüste und ruft dabei begeistert Feinsinniges wie „Tatü Tata“ oder „Hup Hup“. Die blöden Sprüche werden immer ernster, aus erzwungenen Fummelspielen werden versuchte und vollendete Vergewaltigungen. Er setzt die Mädchen unter Druck, sagt, wenn sie ihm nicht zu Willen seien, werde das die Familie zerstören, sie würden alles verlieren: ihre Mutter, ihren Hund, ihre Wohnung, ihren Stiefvater. Wenn Klausuren in der Schule anstehen, nötigt er ihnen Sex auf, das „verpasse einen Hormonschub“ und „befeuere schulische Leistungen“.

Erst 2017 platzt es aus der jüngeren Tochter heraus. Sie vertraut sich Freundinnen an, einer Schulpsychologin, dem Jugendamt. Ihre ältere Schwester, die bereits davor im Streit von daheim ausgezogen war, bricht daraufhin auch ihr Schweigen. Das Jugendamt entzieht den Eltern das Sorgerecht und nimmt die beiden jungen Frauen in Obhut.

Die Mutter ist keine große Hilfe. In den gemeinsamen Gesprächen, erinnert sich die Schulpsychologin im Zeugenstand, habe die Mutter seltsam kalt gewirkt. Die Vorwürfe gegen ihren Partner habe sie „für unwahrscheinlich“ gehalten, sei sich aber „nicht sicher“ gewesen. Dennoch sei es für sie nicht infrage gekommen, B. zu verlassen. „Sie hat ihren eigenen Kindern nicht geglaubt.“ Im Einzelgespräch habe das Mädchen unter Tränen gesagt, sie müsse das jetzt loswerden, „denn wenn ich gehe, ist die Nächste dran“. B. und M. haben mittlerweile ein gemeinsames Kind – eine Tochter.

Im November entzieht das Amtsgericht Bad Homburg den Eltern auch noch das Sorgerecht für diese jüngste Tochter, die elf Jahre alt ist – das Alter, in denen auch die Leidenszeit ihrer Stiefschwestern begonnen haben soll. Das Jugendamt hält es für wahrscheinlich, dass dem Mädchen unter B.s Dach dasselbe Schicksal droht.

Unmittelbar nach der Verkündung des Familiengerichts fahren die Eltern zur Schule, holen ihre Tochter unter vergeblicher Gegenwehr der Lehrer raus und bringen sie zu Verwandten nach Neckars-ulm. Aber dort klingelt noch am selben Abend die örtliche Polizei an der Tür. Seitdem befindet sich auch die jüngste Tochter in der Obhut des Jugendamts.

Frei erfunden

B. gibt die Entführung der eigenen Tochter zu, leugnet aber jegliche Gewaltanwendung. Zu den Beschuldigungen seiner Stieftöchter sagt er am ersten Verhandlungstag nichts, außer dass sie frei erfunden seien. So sei seine jüngere Stieftochter eben: „Wenn ihr etwas nicht passt, dann zeigt sie ihre Eltern an.“ Und ständig passe ihr etwas nicht und so erfinde sie Lügen: „Sie bekomme nichts zu essen, werde nachts eingesperrt, müsse mit auf Vernissagen.“ Oder werde missbraucht. Die Helfer, denen sich das Mädchen anvertraut hatte, beurteilen deren Aussagen hingegen als sehr glaubwürdig.

Sein Verhältnis zu seiner jüngeren Stieftochter beschreibt B. als gut. „Sie war nicht wie eine Tochter, sondern wie ein Sohn für mich!“ Was das denn heißen solle, will die Vorsitzende Richterin wissen. „Ich war mit ihr im Stadion und auf der IAA“, antwortet B.

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